Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 14 (8.4.1921)
- Date
- 1921-04-08
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 177 ist von weltferner Abgeschiedenheit, der im Gegenteil ein Lebensbejaher, ein lustvoller Lebensbejäher ist. Warum ich hier von ihm erzähle, hat seinen Grund nicht allein darin, daß er Jude ist (sein Großvater war Rabbiner der Münchener Gemeinde), sondern weil er der „Typus“ jener bedeutenden Charakterologen ist, die fast alle aus dem jüdischen Volk kommen. Es ist in jüdischen Kreisen bisher — soweit mir bekannt — auf diese besondere Begabung noch nirgends mit Nachdruck hingewiesen worden, vielleicht weil man in und nach der aufklärerischen Zeit sich von allem „Geheimnisvollen“ mit Scheu zurückgezogen hat. Obzwar die bedeutendste Fähigkeit Aubs — die Schriftdeutekunst — beginnt sich ihren Platz als Wissenschaft zu erobern, bleibt im Ganzen doch etwas Geheimnisvolles, das nicht mit nichtssagender Skepsis abzufertigen ist. Es scheint, daß der fast ganz seines Augenlichts Beraubte die gesamte Kraft des Erfassens nach innen gewendet hat, um nun „gefühlsmäßig“ die Seele zu erspüren. Ich lege ihm zwei, drei Schriften vor und sofort beginnt er, mir ein Charakterbild in schlagenden Zügen und mit hervorragender Ausdruckskraft des Wortes — vermöge eines glänzend bilderreichen Wortschatzes — zu geben. Aber noch viel mehr: Von dem Schreiber der Zeilen weg gibt er mir Kunde von dessen Beziehungen zu Eltern und Geschwistern (ohne ihn oder dessen Angehörige je gesehen oder etwas von ihnen erfahren zu haben), von ihren geistigen Eigenschaften und selbst von ihrer beruflichen Tätigkeit. Man könnte daran denken, daß ein feines Einfühlen, eine Art Gedankenübertragung von mir, der jene Personen kennt, möglich sei. Und wenn er einem eintretenden Herrn sofort zu erzählen beginnt, wie eines seiner Zimmer aussieht oder einem anderen, daß er komme, sich nach den Eigenschaften seiner Braut, die aus Thüringen stamme, zu erkundigen, obzwar der Betreffende sich erst wenige Tage zuvor verlobt hatte, so sind das Dinge, die an das Geheimnisvolle grenzen. Ich muß ausdrücklich betonen, daß von Zufällen oder Schwindeleien keine Rede sein kann. Wir haben es hier mit einer „Kunst“ zu tun, die eben da anfängt, wo die feinste medizinische — des sich Einfühlens in den andern, aufhört. Wo die naturwissenschaftliche Kraft der Ärzte versagt fängt die intuitive dieser Männer an. Ob diese Einfühlungskunst in das andere Wesen etwas mit spezifisch eigenjüdischer Geistesart zu tun hat, will ich hier nicht entscheiden. Auf jeden Fall haben wir es mit einem Phänomen zu tun, worauf ich die Aufmerksamkeit lenken wollte. (Eine genauere Analyse seiner Person ist in Vorbereitung.) Einen Besuch bei Aub möchte ich jedenfalls empfehlen; nicht jenen, die aus Neugier oder Effekthascherei staunen wollen, auch nicht jenen, die mit anderen nicht ins Klare kommen können, und nun dort ihre Weisheit holen wollen, sondern vor allem denen, die gewillt sind, ihr eigenstes Wesen einmal spiegelklar und unverhüllt selbst zu schauen. — Feuilleton An der Chausse Im Tale Israel. (Brief eines jüdischen Chaluz.) (ZK.) Wir sind iin Tale Israel, in demselben fruchtbaren Tale, das immer der Schauplatz der palästinensischen Kriege war. Hier hat Deborah gemeinsam mit Barak Sisra geschlagen und das jüdische Volk vom Joche Jawins befreit Nicht weit von unserem Lager auf einem Hügel sind noch die Ruinen des Hauptquartiers von Sisra, dem biblischen Charoscheth Hagojim, zu sehen. Das Dorf trägt noch jetzt den Namen Charossja und ist ebenso schmutzig wie die meisten arabischen Dörfer im Lande. Lehmhütten, Löcher statt Fenster, keine Vegetation. Unser Lager ist auf einem Hügel aufgeschlagen, gegenüber der langen Kette des Karmelgebirges. Unten dehnt sich das Tal bis nach Dscheda und weiter. Die Chausseen, an denen unsere Chawerim arbeiten, schlängelt sich vom Gebirge ins Tal hinab, von wo aus sie sich wie ein weißes Band bis zum Horizont zieht Unser Lager besteht aus mehr als 50 Zelten, die reihenweise aufgeschlagen sind, sodaß sie gewissermaßen Straßen bilden, die auch ihre Namen tragen. In der Mitte befindet* sich ein Riesenzelt, dessen eine Hälfte als Speisezimmer dient, in dem bis 200 Mann zu gleicher Zeit abgefertigt werden können, während die zweite Hälfte für Vorträge, Tänze und sonstige Veranstaltungen reserviert ist. Bei Tagesanbruch, sobald die Bergspitzen am blassen Himmel zu erkennen sind, beginnt das Leben im Lager. Die Chaweroth bereiten das Frühstück in der Küche beim Scheine von Petroleumlampen. Gruppenweise betreten die Chawerim das Speisezelt, jeder trinkt seinen Tee, nimmt Brot und Jam mit, hängt ein Trinkgefäß mit Tee an den Gurt und so begeben sie sich an ihre Arbeitsstätten, bewaffnet mit ihren Arbeitsgeräten. Der Morgen ist noch ziemlich kühl, man sieht noch die Sterne. Singend gehen die Chawerim zur Arbeit, man ist noch frisch von der Nachtruhe und der kühle Wind läßt die kommende Hitze noch nicht ahnen. Manche Chawerim haben ein paar Kilometer bis zu ihrem Arbeitsplatz zurückzulegen. Diesen wird ihr Mittagsbrot zugesandt, damit sie nicht in der Mittagssonne den schweren Weg nochmals zu machen genötigt sind. Sie bleiben bis zum Abend an ihrer Arbeitsstelle. Diese Morgenstunden sind die beste Arbeitszeit, bevor die Sonne zu brennen beginnt. In diesen 4 Stunden wird mehr Arbeit geleistet als in der ganzen übrigen Arbeitszeit. Allmählich steigt die Sonne immer höher, die ganze Landschaft bekommt einen anderen Ausdruck. Es verschwindet die für die palästinensische Morgen- und Abenddämmerung charakteristische Melancholie. Es ist völlig still ringsum, nur unser Traktor, die Dampfwalze, der die Chaussee stampft, atmet schwer. Aus dem Schornstein steigt Rauch, der Traktor beginnt seine tägliche Arbeit zu verrichten. Auf den seitwärts gelegenen Feldern zeigen sich einige Fellachen; sie beginnen zu ackern. Die Ochsen sind groß und kräftig, der Pflug aber klein und schwach. Es ist eigentlich nicht mehr als ein spitzer Keil; die Erde wird durch dieses Eisen nur sehr wenig gelockert. Alle Dornen und alles Urkraut bleibt auf dem Felde. Der pflügende Fellache grüßt uns freundlich und beginnt seine melancholische Weise zu summen. Es ist in Palästina kaum ein Araber zu finden, der nicht bei seiner Arbeit singt, und diese Lieder sind, wie die palästinensischen Abende, voll Melancholie und Wehmut. (Schluß folgt.)