Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 13 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 162 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Das Jüdische Echo Nr. 13 Judentums m Bayern“ ins Leben zu rufen, dessen Tätigkeit sich ün wesentlichen darauf beschränkte, den Zielen der Revisionsbewegung neue Anhänger und Freunde insbesondere in den Landgemeinden zu gewinnen, und aus dem gleichen feinfühligen Verständnis für die Besonderheiten der politischreligiösen Kämpfe in Bayern, die eine geschlossene Einheitsfront gegenüber dem Liberalismus erheischen, ordnete und organisierte er mitten in den Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Erez Jisroel trotz des Bannstrahles im „Israelit“ und trotz der unnatürlichen Kompromisse zwischen Orthodoxie und Neologie in Unter- und Mittelfranken in den jüngsten Wochen den gemeinsamen Aufmarsch der Orthodoxen und Zionisten bei den jetzt hinter uns liegenden Wahlkämpfen für den Verband der israelitischen Gemeinden Bayerns. Kaum können wir es fassen, daß seine markige, imponierende Persönlichkeit, die am 22. Februar in einer von 2000 Glaubensgenossen besuchten großen Wählerversammlung auf der Rednertribüne im Saale des Deutschen Hofes in Nürnberg für den Zusammenschluß der Orthodoxen und Zionisten bei den bayerischen Wahlkämpfen eintrat und bei diesem Anlaß der Nürnberger Neologie alle ihre großen und kleinen Kulturkampfsünden erbarmungslos vorhielt, heute im „Hause des Lebens“ am Ölberg bei Jerusalem den Todesschlaf schlummert! Grünbaum war kein Zionist ebensowenig wie Schreiber dieses. Aber er würdigte und schätzte dankbar die idealen Imponderabilien, die in der zionistischen Bewegung ihren Ausdruck und Niederschlag finden, und in seinem politischen Scharfblick legte er sich nicht Scheuklappen vors Gesicht, um an den Geschehnissen von San Remo und an den bevorstehenden praktischen Auswirkungen des englischen Mandatsentwurfes für Palästina achtlos vorüberzugehen. Und darum bekämpfte er die von orthodoxen Draufgängern eingeschlagene Politik, durch Negation und Nörgelei, durch Verkleinerung und Verspottung der zionischen Erfolge immer wieder persönliche Reibungsflächen zwischen Misrachi und Orthodoxie herbeizuführen und darum war er einer der Ersten, die im Hinblick auf die positiven und praktischen Gemeinsamkeitsaufgaben, die unser in der Tagung des Landesverbandes in Bayern demnächst harren, den taktischen Zusammenschluß der beiden Parteien — Orthodoxie und Zionismus — in Bayern begrüßten und förderten, mochten auch aus dem neologen Lager während des Wahlkampfes noch so verführerische Sirenenklänge von dem „Schutze der religiösen Minderheiten“, den man uns in Zukunft angedeihen lassen wollte, zu uns herüberklingen. Diese auf die Zusammenfassung aller an der Überlieferung festhaltenden Richtungen eingestellte Politik des Verklärten war nicht zum Mindesten durch die derzeitige und zukünftige Entwicklung der Nürnberger „Adas“ beeinflußt. Hatte doch noch eine unmittelbar vor seiner Abreise nach Erez Jisroel am 20. Februar stattgehabte Generalversammlung der „Adas“ auf Grund eines begeisterten Referats des Verklärten ihrer Vorstandschaft eine Blanco-Vollmacht erteilt alle Schritte zur eigenen Gemeindebildung zu unternehmen, sofern mdht bis zum 15. April die religiösen Postulate der Nürnberger Orthodoxie seitens der Organe der Kultusgemeinde Anerkennung und Berücksichtigung finden sollten. Wir müssen davon absehen, iin Rahmen eines Nachrufs auf aktuelle Fragen der Nürnberger und vor allem der Münchner Gemeindepolitik einzugehen, aber niemand kann es uns verargen, wenn wir an dieser Bahre an die Führer der Neologie in Nürnberg und in München die Mahnung richten: Discite moniti! Und auch nach einer anderen Richtung hin könnten und sollten wir aus dem Wirken und Schaffen des Verklärten eine Lehre ziehen. Grünbaum, der eine angesehene Exportfirma Nürnbergs mit größter Umsicht und mit unermüdlichem Fleiße leitete, und der selbst eine große Familie besaß, hatte stets verfügbare Zeit für jüdische Aufgaben. Der Mann, der eine der beliebtesten Mohelim Mittelfrankens war und den sein heiliges Amt fast täglich in eine Nürnberger oder Fürther Familie berief, stand als Sechzigjähriger der jüdischen Allgemeinheit außerdem vom frühesten Morgen bis zur späten Nachtstunde mit einer Elastizität und Begeisterung zur Verfügung, um die ihn ein Dreißigjähriger hätte beneiden können. Die so vielfach von unseren Glaubensgenossen gebrauchte oder richtiger „mißbrauchte“ Redewendung: „Ich habe zu dieser Sitzung oder zu jener Reise keine Zeit; ich bin mit meinem Geschäft zu überlastet,“ kannte er nicht. Wie oft kam es vor, daß er vormittags in Nürnberg als Mohel tätig war, nachmittags im Kultusministerium in München konferierte, die Nacht hindurch zu einer jüdischen Tagung nach Frankfurt reiste, um am zweiten Morgen in aller Frühe in der orthodoxen Synagoge in Nürnberg wieder „Segan zu stehen“. Grünbaum lebte „Le schem schemajim“ und starb in einer Mission „leschem schemajim“. Wen von uns beschleicht hierbei nicht ein gewisses Gefühl des Neides, sein Leben so ideal vollenden zu dürfen! Als der Wilnaer Gaon am 3. Halbfeiertage des Sukkothfestes 5458 (1797) mit dem Lulaw und dem Esrog in der Hand und dem Refrain des Hallel-Lieds: „Danket dem Ewigen, denn Er ist gütig“ auf den Lippen seine Augen für immer schloß und bei der Beerdigung am nächsten Tage des Festtages wegen kein Hesped für den dahingeschiedenen Gaon gehalten werden durfte, da trat der stellvertretende Vorsitzende des Beth- DLn von Wilna an die Bahre und rief der vieltausendköpfigen, schluchzenden Menge nur die kurzen, ergreifenden Worte zu: „Was weint Ihr, was flennt Ihr, was jammert Ihr? der Rebbe droben im Himmel hat seinen Lieblingstalmid wieder zu sich gerufen.“ Nun wohl! Von der heiligen Stadt ist uns erschütternde Trauernachricht zugekommen: Unser Abraham Grünbaum weilt nicht mehr unter den Lebenden. Der Rebbe droben im Himmel hat wieder einen seiner Lieblingsschüler zu sich entboten, einen Talmid, der nicht nur „lernte“, sondern dem das Tun und das Schaffen als das Höchste galt. Und dieser Lieblingsschüler ward in die Ewigkeit berufen, in der Vorsehung Lieblingslande, von dem das Schriftwort kündet, daß die Augen Gottes auf dieses Land gerichtet sind vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres und er schläft nun für immer an der Vorsehung Lieblings- Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise W. Braan&Cie., München Neuhauserstr. (51, gegenüber der alten Akademie Sport