Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 13 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 13_ 1. April 1921 8. Jahrgang Abraham Grünbaum Val Von Sigmund Fraenkel. Miit dem am 13. März, am 3. Adar-Scheni, im heiligen Lande erfolgten Hingange von Abraham Grünbaum aus Nürnberg hat einer der führenden Geister der deutschen Orthodoxie seine irdische Laufbahn beschlossen. Keine gewaltige überragende rabbinisohe Autorität, kein Vorkämpfer in politischen oder wirtschaftlichen Fragen ist es, der mit ihm ins Grab gesunken ist — und trotzdem ist seine Persönlichkeit auf das Innigste verwachsen und verknüpft mit dem Entwicklungsgänge des überlieferten Judentums in Mitteleuropa während des letzten halben Jahrhunderts. Dieser maßgebliche Einfluß und diese führende Stellung fielen ihm geradezu automatisch um deswillen zu, weil ihm zwei Vorzüge zu eigen waren, die leider so wenige von den Führern der deutschen Orthodoxie gleichzeitig in sich vereinigen — ein scharfer ausgeprägter politischer Blick für die Lebensnotwendigkeiten des überlieferten Judentums und weiterhin ein vorbildliches opferfreudiges niemals erlahmendes und immer wieder alle anderen Gesinnungsgenossen mit sich fortreissendes Bekenntnis: Hier stelle ich mich der jüdischen Allgemeinheit zur Verfügung, wann und wo sie mich benötigt, wann und wo sie Opfer an Zeit, Geld, Mühe und Strapazen von mir beansprucht.“ In dieser freudigen Hingabe seiner Persönlichkeit für Hehres und Heiliges lebte er. in dieser Aufopferung seines Wesens für die gleichen Ideale starb er. Im Aufträge der deutschen Orthodoxie war er 1885 nach dem heiligen Lande gefahren, um als einer der ersten Pioniere der deutschen Orthodoxie bezüglich einer Reorganisation der Chaluka-Gelderverteiilung dort nach dem Rechten zu sehen und die Grundlagen für den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas zu studieren«. 36 Jahre später, mitten im bayerischen Wahlkampfe und mitten in religiöspolitischen Stürmen, die seine Heimatgemeinde Nürnberg von Grund aus erschüttern und durchzittern, folgt er, ohne zu zaudern, einem Ruf der Palästinazentrale der Agudas-Jisroel, schifft sich am 3. März 1921 gesund und wohlbehalten in Triest von neuem nach Alexandria ein, um, kaum im heiligen Lande angekommen, in Jerusalem in demselben Schaare-Zedek-Hospital, zu dessen Gründung er 36 Jahre vorher die Initiative gegeben hatte, sein Auge für immer zu schließen. Nichts beleuchtet und erweist seine geistige Regsamkeit und, Vielseitigkeit, seine Spannkraft und Schaffensfreude in allen großen und kleinen Fragen jüdischpolitischer Färbung so sehr als die Tatsache, daß — während ihn auf der Ausreise nach Palästina schon die dort seiner harrenden schwierigen und heiklen Probleme religiöser und wirtschaftlicher Art in großzügigstem Ausmaße erfüllen und durchdringen — sein letztes Vollbringen in der Heimat auf der Fahrt nach Triest einem Besuche bei dem Referenten für den israelitischen Kultus im bayer. Unterrichtsministerium in München gewidmet war und daß seine beiden letzten, an Bord des Adriadampfers am 6. und 7. März an diesen Ministerialdezernenten und an Schreiber dieser Zeilen geschriebenen Briefe wiederum all die Sorgen und Kümmernisse wiederspiegeln, die ihn ob der zukünftigen restlosen religiösen Bewegungsfreiheit der orthodoxen Minderheiten von München und Nürnberg erfüllen. Denn so Universelles und Vorbildliches er auch im Dienste des Klall-Jisroel, bald als Delegierter der Freien Vereinigung, bald als Vertreter der Agudas-Jisroel in Galizien oder Ungarn, in Wien oder in Kattowitz oder im heiligen Lande schuf und leistete. — das englische Sprichwort „Chariity begins at home“ fand auf Niemanden zutreffendere Anwendung als auf ihn, dessen erste und letzte Gedanken und Sorgen, dessen rastloses Streben und Organisieren immer und immer wieder vor allem in der Kleinarbeit für die bayerische Heimat, in der Förderung aller Wohltätigkeitsanstalten seiner Vaterstadt und der jüdischen Lehranstalten Bayerns und insbesondere in der Verteidigung der orthodoxen Interessen in den bayerischen Großgemeinden aufgingen. Was Abraham Grünbaum auf diesem letzteren Gebiete geleistet hat, wie er in den schwierigsten Phasen der gemeindlichen Kämpfe in München und Nürnberg von 1907 bis 1909 uns immer wieder von neuem elektrisierte und begeisterte, wie er mit allen Registern seiner hinreissenden Beredsamkeit uns so oft, wenn schwächliche Kompromisse geschlossen werden sollten, die unerträglichen Demütigungen vor Augen führte, welchen das überlieferte Judentum auf Grund der alten Gesetzgebung und der fortwährenden Nadelstiche „liberaler“ Kulturkämpfer in Nürnberg und München ausgesetzt war — all dies verpflichtet die jetzigen und die kommenden Geschlechter der Nürnberger „Adas Jisroel“ und des Münchener „Ohel Jakob“ zu unauslöschlichem Danke gegenüber dem verklärten Führer, der es als seine Lebensaufgabe erachtete, dem überlieferten Judentum in den bayerischen Großgemeinden freie Bahn zu erschließen, auch wenn einige Ziffern einer veralteten Ministerialentschließung dabei ihr Scheindasein einbüßen sollten. Mit der Geschichte der Revision des bayerischen Judenediktes ist sein Name untrennbar verbunden, nicht nur um deswillen, weil die Ministerialentschließung vom 21. Sept. 1908 betr. des istraelitischen Religionsunterrichtes in Nürnberg, in welcher zum ersten Male seitens der bayerischen Staatsregierung auf die „tiefgreifenden Gegensätze, die sich innerhalb der israelitischen Privatkirchengesellschaft zwischen den Anhängern der neologen und der orthodoxen Richtung herausgebildet haben“, hingewiesen wurde, im Wesentlichen auf seinen Einfluß und seine Initiative zurückzuführen war, sondern auch, weil er in allen Stadien der Revisionskämpfe stets mannhaft der Versuchung widerstand, sich zum Vorspann einzelner, bei einer Änderung der Gesetzgebung um ihre hierarchischen — nicht religiösen! — Privilegien besorgter Rabbiner herzugeben und dadurch der Revisionsbewegung Schwierigkeiten zu bereiten. Der ihm eigene, schon oben erwähnte politische Scharfblick veranlaßte ihn denn auch, im Jahre 1909 den „Verein für die Interessen des gesetzestreuen