Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 10 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- Seite 125 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103024-9144807--03958-9076783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Das Jfidiscfce Echo 125 treten war? Sprachen sie nicht davon, daß von heute ab „eine andere Si'dre gehe“? Und wie schrieb doch Goethe 1792 nach dem Kanonendonner von Valmy? Schrieb er nicht, daß eine neue Epoche m der Weltgeschichte eingetreten sei und daß wit uns freuen sollten, „dabei gewesen zu sein“? Nun wohl! Wer der Versammlung vom 3. März im Bayerischen Hof angewohnt hat und wer die wohlabgewogenen anschließenden verständnisvollen Erklärungen des liberalen Führers, Rechtsanwalt Dr. Oestreich, richtig zu würdigen verstand, der weiß, daß — ganz gleichgültig wie die Würfel am nächsten Sonntag fallen — mit der Versammlung vom 3. März ein neues Blatt in der Geschichte der jüdischen Gemeinde München begonnen hat und daß der Verlauf dieses Abends auch den liberalen Führern das ausgesprochene oder unausgesprochene Geständnis abnötigte: „Wir müssen auf der ganzen Linie u m 1 e r n e n.“ Von Bezalel, dem genialen Künstler, und von den hochgesinnten und hochgestimmten Werk- und Zimmerleuten, die bei dem Bau des ersten Heiligtums unserer Vorfahren in der Wüste so unverdrossen mithalfen, erzählt der nächste Wochenabschnitt — auch von ihrem Bauprogramm, das die Bibel in die drei Worte zusammenfaßt: iriN1 n-m, daß die Stiftshütte eine alle Richtungen, alle Stämme, den Einheimischen wie den Fremdling zusammenschließendes und zusammenschweißendes Heiligtum bilden solle. Ihr, Miglieder der Gemeinde München, Ihr Männer und Frauen, die Ihr doch sonst in wirtschaftlichen und anderen Fragen, ehrendes Vertrauen in mich setzt, laßt Euch nicht von wahrheitswidrigen, gehässigen Schlagworten, wie von den „Pollaken und Galizianern“, mit denen wir München überschwemmen und von dem „Ghetto“, in das wir Euch zurückführen wollen, gegen das überlieferte Judentum, dem Eure Väter und Großväter angehangen haben, plötzlich irreführen und verhetzen! Neue Zeiten sind angebrochen, die auch in unserer Gemeindestube neue Männer erheischen, die wie einstens Bezalel nunmehr Bezel El, im Schatten des Höchsten, unter den Fittigen der Gottheit die neue Verfassung für unser Münchener Heiligtum zimmern sollen. Der Begriff, den der gläubige Jude mit den Worten „itm Schatten des Höchsten“ verbindet, wird vom Klassizismus des Mittelalters in die lateinischen Worte „sub specie aeternitatis“ — unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeitswerte umgeprägt. Aber einerlei, ob wir die Probleme, deren Lösung unser demnächst in der Münchener Gemeindestube harrt, als „Arbeit im Schatten des Höchsten“ oder als „Ewigkeitswerte“ bezeichnen, das Werk kann nur gelingen, wenn wir ein alle religiösen Richtungen, alle Stämme, den Einheimischen wie den Ausländer mit der gleichen Liebe und der gleichen Begeisterung zusammenschließendes und zusammenschweißendes Heiligtum zimmern helfen. Dann, aber nur dann, wird es uns vergönnt sein, dieses Heiligtum Bezel El, unter den Fittigen der Gottheit, unter Dach und Fach zu bringen und das gemeinsame Band, das alle in München lebenden Glaubensgenossen vereint, wieder zu jenem idealen heiligen Gebilde zu gestalten, das die liberale Ära der letzten 40 Jahre so stillos verunstaltete: zu einer alten jüdischen Kehilloh. V er dunkelungsgef ah r. In Mittelamerika und sonstwo in dunklen Gegenden gibt es allerlei interessante Republiken, in denen die „Politik“ meist ein fatal persönliches Gepräge hat. Präsidenten werden erhoben und gestürzt, wer weiß, warum, und der Nachfolger gleicht dem Vorgänger wie ein Ei dem anderen. In solchen geistig und moralisch korrumpierten Staaten verbinden sich die Parteien und ihre „Führer“ offenbar nicht, um Ziele durchzusetzen, sondern um sich selbst d/urchzusetzen. Ihnen geht es lediglich um die süße Macht; mag auch das Land, dem zu dienen sie vorgeben, darüber zu Grunde gehen. Im deutschen und wohl auch im bayerischen Judentum soll es vor Zeiten eine „Khillewirtschaft“ gegeben haben, deren Grundsätze mittelamerikanischen Anschauungen ein wenig verwandt waren. Da gab es in den Gemeindestuben Dynastien von Notabein, die ihre kurulischen Sessel als eine Art Eigentum betrachteten wie ihre Theaterloge. Da wurden persönliche Kämpfe unbekümmert um Anschauungen ausgefochten und blieb einer der Würdenträger auf der Strecke, so durfte man sicher sein, daß der glücklichere Nachfolger die Bahnen des verehrten Herrn Vorgängers nicht verlassen würde. Derartige Zustände will heute niemand mehr. Wahre Demokratie hat der Khillewirtschaft ein Ende gemacht. Es ist das verdienstvollste Werk des verdienstvollen Schöpfers der Verbandsverfassung, Herrn Oberlandesgerichtsrats Neumeyer, daß das von ihm vorgeschlagene, von der Nürnberger Tagung einstimmig beschlossene Wahlrecht die Zahl der Abzuordnenden nach der Wahlbeteiligung bemißt. Auf das Volk also kommt es an, und das Volk verlangt Stellungnahme, erkennbare Ziele, Leben. Nicht kämpft mehr Person gegen Person: es steht Sache gegen Sache. Der Kampf der Überzeugungen, der Wahlkampf wird zur Grundlage des Verbandes. So ergibt sich die Klärung, die Scheidung der Geister. Parteien treten einander gegenüber, die diesen Namen verdienen: die Jüdische Volkspartei und die Liberale Partei, wie sie der Wahlkreisleiter für Mittelfranken in offizieller Veröffentlichung nennt. Wahrhaftig, es hat sich ausgeklüngelt. — Was macht es demgegenüber, daß die Volkspartei mehr „fordert“, die Liberale mehr „nicht will“. Es wird sich ja zeigen, wofür sich die Wähler entscheiden, ob die positiven Kräfte bereits stark genug zu bedeutendem Erfolge sind. — Immerhin, mag das Ergebnis sein, wie es will: Eine gewisse Säuberung des jüdischen öffentlichen Lebens ist auf jeden Fall zu erwarten. War zu erwarten. Ach wäre man doch etwas weniger optimistisch! Ein Flugblatt, das zufällig in unsere Hände kam, strafte unsere Hoffnung Lügen. Erst hielten wirs für ein ungeschicktes Machwerk irgendwelcher Volksparteiler. Aber weshalb wurde es dann nur den Mitgliedern der Klein- und Mittelgemeinden, nicht denen der Großgemeinden zugestellt? Es enthielt ja nichts als unsere alten, wohlbekannten Volksparteiforderungen, habe eine Zahnprajcis eröffnet München, Baaderplatz 1/i Eingang Kohlstrasse H. (JLLMRNM, DEMTIST früher Nürnberg / Spez. Laboratorium für feine 7ahntechnlk fachmännische, individuelle persönliche Behandlung