Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 10 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Das Jüdische Echo Nr. 10 iands in das klassische Wort zusammenfaßte: „Juden dürfen niemals zwischen Juden und Juden differenzieren, weil sie sonst den Antisemiten einen Freibrief ausstellen, zwischen Juden und Nichtjuden zu differenzier e n.“ In köstlicher Naivität hat, damit dieser furchtbar ernsten Krise beileibe nicht die humoristische Note fehle, ein Führer der liberalen Partei, Herr Rechtsanwalt Dr. Heilbronner, vorigen Donnerstag in unserer Wählerversammlung zur Begründung der früheren Kulturkampf- und jetzigen Entrechtungspolitik der Liberalen mit verblüffender Offenheit darauf hingewiesen, daß „politischliberale und religiös-liberale“ Weltanschauung sich durchaus nicht gegenseitig bedingen, und daß dem religiösen Liberalismus eine gewisse Intoleranz zu eigen sein müßte, wenn er seine Existenzberechtigung behaupten solle. Wahrlich eine wunderbare Perspektive für die Wahrheit und Lauterkeit der im liberalen Programm für die Zukunft angekündigten Forderung „einer Berücksichtigung der religiösen Minderheiten“! Wahrlich, man könnte an der Möglichkeit irgend eines zukünftigen ersprießlichen Zusammenarbeiten in einer Einheitsgemeinde und an jedwedem Verständnis für politischen Weitblick seitens der Neologie verzweifeln, wenn wir Eingeweihte nicht ganz genau wüßten, daß diese Deklamationen und vor Allem die Verwahrung gegen die Verleihung des Wahlrechtes an nicht eingebürgerte Glaubensgenossen nur einen Windmühlenkampf oder, richtiger gesagt, eine auf Stimmenfang berechnete akademische Geste darstellen, der schon um deswillen keine praktische Auswertung mehr zukommt, weil die am 23. Januar 1921 in Berlin im Beisein von Vertretern von 700 jüdischen Geminden beschlossene Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden Deutschlands im § 10 ihrer Satzungen ausdrücklich bestimmt, daß „alle volljährigen, in Deutschland wohnhaften Juden, die mindestens ein Jahr einer jüdischen Gemeinde Deutschlands angehören, wahlberechtigt und wählbar sind.“ Die gesamte Intelligenz der bayerischen Neologie weiß sehr wohl, daß durch diesen Berliner Beschluß die Wahlrechtsfrage eine res judicata darstellt, die man auch durch eine weißblaue Extrawurst des Münchener Liberalismus nicht mehr abändeirn kann. Aber mit der Parole „gegen die Ostjuden“ lassen sich so erfolgreiche Wahlgeschäfte machen, kann man gleichgültige,- uninformierte, durch antisemitische Hetzblätter erschreckte Wähler so leicht an die Urne bringen, daß man, um „Liberalismus und Kulturfortschjritt“ zu prästieren, zunächst daran festhält, Glaubensgenossen, denen seitens der Regierung leider aus innerpolitischen Gründen trotz jahrzehntelangen Aufenthaltes in Deutschland und trotz ihres Drängens und Bittens die Einbürgerung versagt wurde, nun auch die Wählbarkeit in die Vertretung einer rein kirchlichen Verwaltung vorzuenthalten. ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise Hodc W. Brauns CiR., München Neuhauser*tr.l5 l,a“flPnüöer der alten Akademie Ganz ähnlich verhält es sich bei der Stellungnahme zur jüdischen Volksschule. Kein jüdischer Vater soll gehalten sein, sein Kind einer jüdischen Volksschule anzuvertrauen. Aber jene Eltern, die ihre zarten Kinderseelen in den ersten Schuljahren vor antisemitischen Anrempelungen behüten, die am Sabbat ihr Kind ins Gotteshaus und nicht in den werktätigen Unterricht senden wollen, sollen das Recht haben, ihre Kinder in jüdischen Volksschulen von jüdischen Elementarlehrern unterrichten zu lassen, wie wir Ältere, bis zum Jahre 1872 in der jüdischen Elementarschule in München erzogen und unterrichtet wurden, ohne deshalb an unserer Aufnahmsfähigkeit für deutsche Kultur und Wissenschaft und an unserer Hingabe und Begeisterung für unser gemeinsames deutsches Vaterland irgendwie Schaden zu nehmen. Und wenn all diese religiösen und pädagogischen Gesichtspunkte keine Gnade vor dem Liberalismus unserer Gegner finden sollten, dann müßte sie schon das einfachste Gebot von Selbstachtung und Selbstwüirde zu einer der Errichtung jüdischer Volksschulen sympathischen Stellungnahme veranlassen. Als einen „Schritt ins Ghetto zurück“ bezeichnen unsere Gegner die fakultative Errichtung einer jüdischen Volksschule! Mit köstlichem Humor hat Herr Dr. Klee die Herren vorigen Donnerstag darauf aufmerksam gemacht, daß Frankfurt und Hamburg, die doch auch halbwegs an-, ständige, beinahe so „bekowede“ jüdische Gemeinden darstellen, wie es München ist, schon längst jüdische Volks- und Mittelschulen besitzen und daß auch — horribile dictu — in der bayerischen Kultusgemeinde Fürth eine jüdische Mittelschule besteht, ohne daß unsere Hamburger, unsere Frankfurter und unsere Fürther Glaubensgenossen sich dadurch „ins Ghetto zurückgeführt“ erachten oder von ihren christlichen Mitbürgern als Ghettojuden betrachtet werden! Und diese schroff ablehnende Geste gegen die jüdische Volksschule erfolgt, obwohl die maßgebenden Herren aus mehrmaligen Sitzungen unseres Schul- und Finanzausschusses ganz genau darüber unterrichtet sind, daß ihr liberaler Rabbiner und ihre aktiven jüdischen Religionslehrer — die passiven (!) unter Führung des Herrn Hauptlehrers Heinrich Frei sollen angeblich anderer Auffassung sein — begeisterte Anhänger der Errichtung einer jüdischen Volksschule von Gemeindewegen sind und obwohl ihr bedeutendster Führer, der unermüdliche Schöpfer unserer neuen bayerischen und Münchener Gemeindeverfassung seinen liberalen Freunden erklärt haben soll, daß er sich in der Frage der jüdischen Volksschule niemals einem liberalen Fraktionsbeschluß fügen werde, weil auch e r der Anschauung sei, daß die Schaffung jüdischer Gemeindeschulen beim Stand der derzeitigen Gesetzgebung in Bayern eine Forderung der Selbstachtung und Selbstwürde für das bayerische Judentum sei. Der Wahlkampf ist zu Ende — die nächsten Tage sollen die Entscheidung bringen! Doch nein! Die Entscheidung i s t gefallen — die Krise unseres Gemeindelebens i s t beendet. Denn diese Entscheidung war gefallen und diese Krise, sie w ä r am Abend des 3. März im Bayerischen Hof gelöst, als das Schlußwort von Rechtsanwalt Dr. Klee zu seinem Vortrag „Die Aufgaben der deutschen Juden“ verklungen war und immer wieder tosender Beifall von Rechts und Links diesem unerschrockenen Vorkämpfer jüdisch positiver Weltanschauung für seine Offenbarung lohnte. Wie nannten es doch unsere Altvordern, wenn eine plötzliche Wendung in ihren Geschicken eilige-