Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 10 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 10 11. März 1921 8 Jahrgang Vor der Entscheidung. Von Sigmund Fraenkel. Der Wahlkampf nähert sich seinem Ende. Wir haben denselben in breitester Öffentlichkeit geführt, Freund und Gegner zu unseren Verhandlungen geladen und uns bemüht, die breiten, indifferenten Massen unserer Gemeinde über unser Aufbauprogramm des jüdischen Gemeindelebens und über die bisherige Abbautätigkeit unserer Gegner auf diesem Gebiete nach Tunlichkeit aufzuklären. Die „Liberalen“ haben es in der bei ihnen üblichen rührenden Selbstverleugnung aller freiheitlichen und demokratischen Grundsätze vorgezogen, keine öffentlichen, jedem Juden zugängigen Versammlungen abzuhalten, sie haben sich im Wesentlichen auf eine Pressenotiz in den politischen Tageszeitungen beschränkt, in welcher der Wahlausschuß der liberalen Juden Bayerns. Ortsgruppe München, wörtlich erklärt, daß 1. die überwiegende Anzahl der Juden in Bayern in jüdischen Fragen auf einem fortschrittlichliberalen Standpunkt stehe, 2. die Liberalen die Grundsätze der jüdischen Volkspartei auf das Entschiedenste bekämpfen. Während die erstere Behauptung von der angeblich fortschrittlich-liberalen Orientierung der bayerischen Judenheit in religiösen Fragen schon um deswillen den Tatsachen widerspricht, weil bekanntermaßen die erdrückende Mehrheit der Mitglieder unserer Mittel- und Landgemeinden treu an der Fahne des konservativen und überlieferten Judentums festhält, werden mit der letzteren Behauptung offene Türen eingerannt. Kein mit der Psyche unseres religiösen Liberalismus Vertrauter zweifelt einen Moment daran, daß die Liberalen jedwedes positiv-jüdische Programm — mag dasselbe noch so leise abgetönt, noch so sehr retouchiert sein, immer und immer energisch bekämpfen. Sie haben 40 Jahre lang — natürlich nur vom Standpunkt ihrer fortschrittlich-liberalen Weltanschauung aus — die orthodoxe Minderheit niederzuhalten versucht, dieser gelegentlich die Schließung ihrer mit den größten Opfern erbauten eigenen Synagoge angedroht, die Abhaltung von Predigten, die Rezitation eines Kaddischgebetes für teuere Dahingeschiedene in ihrer Synagoge verboten; sie haben in ihrem offiziellen Richtlinienprogramm vom 3. Mai 1908 „die Innehaltung veralteter religiöser Vorschriften, Gebräuche und abgestorbener Sitten“ bekämpft, sie haben verlangt, daß der Religionsunterricht so zu gestalten sei, daß er „die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt“, und sie haben gleichzeitig — nur aus Liberalismus und zur Wahrung der religiösen Gewissensfreiheit — verlangt, daß die orthodoxen Eltern ihre Kinder diesem „die gesicherten Resultate der Wissenschaft Rechnung tragenden und die Entwicklungsfähigkeit des Judentums anerkennenden“ Religionsunterricht obligatorisch zuzuführen haben. Sie haben sich der Einführung des Verhältniswahlrechtes in den Großgemeinden jahrzehntelang auf das Erbittertste widersetzt. Die liberalen Juden Bayerns haben weiterhin den Zionismus, dessen Gesamtorganisation heute von der größten Macht der Erde als völkerrechtliche Vertretung des jüdischen Volkes in Palästina offiziell anerkannt wird, nicht bekämpft — das wäre ihr Recht gewesen! — nein sie haben diesen Zionismus all die Jahre lang bis auf den heutigen Tag verachtet, bespöttelt und ins Lächerliche gezogen, während die liberalen Parteigenossen oben im Norden schon begriffen haben, daß die neue Epoche in der jüdischen Geschichte, die mit den Balfourschen Erklärungen und mit San Remo anhebt, eine elementare, mit dem Liberalismus und dem Indifferentismus im Judentum völlig aufräumende Sturmflut in der Geschichte des Judentums bedeutet, in der sich die nichtgläubigen Juden nur behaupten können, wenn es ihnen gelingt, ihr Schifflein rechtzeitig in das Fahrwasser und in die Strömung dieser, alles religiöse Parteigezänke hinwegspülenden, alle liberalen Programme entwurzelnden Flut hineinzusteuern. Und während fast jeden Tag mit dem Hakenkreuz geschmückte, anisemitische Aufrufe an den Straßenecken Münchens prangen, die die Regierung zur Entrechtung und zur Zurücksetzung aller Staatsbürger jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung scharfzumachen suchen, erklärt der Wahlverein der liberalen Juden Bayerns öffentlich, daß „er mit Entschiedenheit“ daran festhält, nichteingebürgerten Glaubensgenossen, die vielleicht schon 30 oder 40 Jahre hier ansässig oder hier geboren sind, das passive Wahrecht für einen nach ihrer Ansicht rein kirchlichen und religiösen Vertretungskörper auch weiterhin vorzuenthalten, und daß sein liberales Programm ihn darauf verpflichtet, diesen unseren Schicksals- und Leidensgefährten, mögen sie auch noch so jüdisch-kulturell orientiert, mögen sie auch noch so intelligent und steuerkräftig sein, mögen sie auch noch so große Opfer für ihre religiöse Überzeugung jahrein, jahraus bringen, die Türe zum Sitzungszimmer in der Herzog Maxstraße auch weiterhin vor der Nase zuzuschlagen. Und diese jamrner- und widerspruchsvolle, die Münchener Judenheit in Stunden ernstester gemeinsamer Gefahr in zwei Heerlager spaltende und. uns selbst zerfleischende Politik erfolgt, wie sich die Herren dies selbst in der Tagespresse attestieren, in Betätigung ihres „fortschrittlich-liberalen Standpunktes“. Im großen „Liberalen Wahlverein“, in dem Justizräte, Kommerzienräte und Professoren beisammen sitzen, legt man sich Scheuklappen vor’s Gesicht, und keiner dieser Intellektuellen denkt daran, daß ein derartiges Ausnahmegesetz von der höheren Warte der uns Juden von Gott und der Weltgeschichte zuir Betreuung überantworteten Interessen und Ideale nicht nur ein religiöses Unrecht, sondern außerdem auch noch im Sinne des Tayllerandschen Wortes „c’est plus qu’un crime, c’est une betise“ eine törichte, eine selbstmörderische, eine Harakiri-Politik bedeutet, deren wirkungsvollste und zutreffendste Kritik der wahrlich nicht der Hinneigung zum Zionismus und zur Orthodoxie verdächtige Schöpfer des Entwurfes einer Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden Deutsch-