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Das jüdische Echo · 1921-02-25 · 8 (25.2.1921) · p. Seite 102

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
8 (25.2.1921)
Date
1921-02-25
Page
Seite 102 (sequence 8)
Language
German
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102 Das Jüdische Echo Nr. 8 einer geistvollen talmudisehen Ausdeutung der im Woehenabschnitt enthaltenen Arbeit am Aufbau des Stiftszeltes. Als zweiter Redner sprach Herr Dr. Elias Straus. Er kennzeichnete den Gemeindeliberalismus, der als Liberalismus nur in Anführungszeichen bezeichnet werden könne, als den Ausläufer der Emanzipationsbewegungen, des Kampfes um die Gleichberechtigung ohne positive jüdische Ziele und Idteale. Die Liberalen können infolgedessen auch nicht den aus mannigfachen äußeren und inneren Gründen eingetretenen Verfall im deutschen Judentum aufhalten. Ein Aufbau und eine Erneuerung kann nur durch diejenigen erfolgen, die ein positives jüdisches Ideal in sich tragen und an dile Zukunft des Judentums glauben. Dr. Straus kennzeichnet die durchaus negative Politik der Gemeindeliberalen an Hand ihres Wahlaufrufs, der statt positiver Ziele den Kampf gegen die Ideale der Anderen an die Spitze stellt und setzt sich mit den Liberalen über den Begriff „Volksgemeinde“ auseinander, der von der jüdischen Volkspartei nirgends gebraucht worden sei, im übrigen von niemand in Deutschland im Sinne einer politischen nationalen Autonomie erstrebt werde. Er begründete die Notwendigkeit einer jüdischen Volksschule, die insbesondere auch von den jüdischen Lehrern gewünscht werde, weil diese ihre besten Kräfte gegenwärtig einer Arbeit widmen müssen, deren Erfolglosigkeit von vorneherein feststeht. Wären die Liberalen wirklich das, was ihr Name sagt, so dürften sie keine Schritte unternehmen, um diejenigen, die eine jüdische Volksschule für ihre Kinder wünschen, an der Errichtung einer solchen zu verhindern. Ein Zwang zum Besuch der jüdischen Volksschule könne ja nicht ausgeübt werden, da kraft Gesetz die öffentlichen Volksschulen der politischen Gemeinde jedermann zugänglich sein müssen. Der Kampf gegen den Zionismus sei von den Liberalen grundlos in die Wahldebatte gezogen worden, um ängstliche Gemüter auf ihre Seite zu bringen. In einer Zeit, in der das größte Reich der Welt die zionistische Organisation als die Vertretung des jüdischen Volkes völkerrechtlich anerkennt (vergl. unseren Bericht in der vorigen Nummer), wirke es geradezu jämmerlich, wenn Münchener Gemeindeliberale den Zionismus bekämpfen zu sollen glauben. Der Redner ging dann auf die positiven Leistungen der Liberalen in der jetzigen Gemeindeverwaltung ein und wies aus seinen Erfahrungen nach, wie die Liberalen gegenüber den kulturellen und sozialen Aufgaben der Gemeinde ersagt hätten. So konnte die Errichtung und der Ausbau einer jüdischen Gemeindebibliothek den Liberalen nur nach längerem zähen Widerstand abgerungen werden und gegenüber den sozialen Forderungen erwies sich die liberale Verwaltung bisher stets ablehnend. Man berief sich früher hierbei auf den Statutenparagraph 2, aber auch, nachdem dieser auf Anregung von zio- Habe eine Zahnprajcis eröffnet München, Baaderplatz 1/i Eingang Kohlstrasse H. ULLMRNM, DENTIST früher Nürnberg / Spez. Laboratorium für feine 7ahntechnik _fachmännische, individuelle persönliche Behandlung nistischer Seite geändert war, und statutarische Hindernisse nicht mehr entgegenstehen, hielten die Liberalen es für richtig, die Anträge auf Unterstützung der sozialen Institutionen durch die Gemeinde abzulehnen und nur in sehr beschränktem Umfange gutzuheißen. Dabei sollte man doch meinen, daß Jugendfürsorge, Krankenheim, Schwesternheim, Jugendvereine, Emigrantenfürsorge usw. Dinge seien, deren Forderung nicht nur den Zionisten und Orthodoxen am Herzen liegen muß. Es zeigt sich eben auch hier wieder die Unproduktivität des liberalen Gedankens, der den Zerfall befördert. An seiner Stelle müßten neue Kräfte in die Gemeinde kommen. Die jüdische Volkspartei erstrebt diese Erneuerung. Redner schloß mit einem Appell an die Wähler. Da die Zeit schon vorgeschritten war, verzichtete deir 3. Referent des Abends zunächst auf das Wort, und es wurde nach einer kurzen Pause in die Debatte eingetreten. Als erster Diskussionsredner gab Herr Lehrer Dingfelder namens der Münchener jüdischen Lehrerschaft, die sich durch die Kritik des jüdischen Religionsunterrichtes im Wahlaufruf der jüdischen Volkspartei verletzt gefühlt hatte, eine Protesterklärung ab. Nachdem der zweite Referent, Herr Dr. Straus, diesen Passus des Wahlaufrufes bereits behandelt und, wie der Diskussionsredner zugab, in einer auch die Lehrer befriedigenden Weise erklärt hatte, war für diesen zuvor beschlossenen Protest eigentlich keine Veranlassung mehr vorhanden. Man konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß die Münchner jüdische Lehrerschaft, wenn sie in diesem Wahlkampf hervortreten will, ihre Front nur gegen diejenige Seite richten dürfte, die den Kampf gegen die Volksschule auf ihr Programm geschrieben hatte und damit die Axt an di:e Wurzel des Baumes legt, aus dem die jüdische Lehrerschaft ihre Kraft zieht. Als zweiter Diskussionsredner sprach namens der Liberalen der 2. Vorstand der Münchener Kultusgemeinde, Herr Dr. Karl Ostreich, dem trotz der vorgerückten Stunde, volle Redefreiheit gewährt wurde. Herr Dr. Ostreich sprach mit unleugbar advokatorischem Geschick, das ihn über die Schwäche des eigenen Standpunktes leicht hinweggleiten ließ. Den Oppositionsparteien rief er zu, man könnte leicht „Ideologie“ treiben, wenn man keine Verantwortung trage. Er würde, wenn er in der Opposition stünde, in der gleichen Weise kämpfen, wie seine jetzigen Gegner. Und dann folgte ein Appell an die Steuerfurcht der liberalen Freunde. Man könne all die Forderungen der Opposition befriedigen, wenn die Gemeindemitglieder statt des nun dreifachen im nächsten Jahr den vierfachen Steuerbetrag gutwillig zahlen wollten. Der Forderung nach Gleichberechtigung der Ausländer stellte er die oft widerlegten Argumente vom ungünstigen Eindruck gegenüber der Außenwelt usw. entgegen, ohne eine eigentliche Widerlegung der Vorredner zu versuchen. Herr Jakob Reich, der Vorsitzende des Gesamtausschusses der Ostjuden, der als dritter Referent vorgesehen war, antwortete in wirkungsvollen Worten auf die Ausführung der beiden Diskussionsredner. Er stellte dem Typus des Nochjuden und Auchjuden, der jetzt in der jüdischen Gemeinde herrscht, gegenüber die Forderung, daß nur Männer zur Führung der jüdischen Dinge berufen, werden dürften, bei denen das jüdische Gesamtinteresse im Vordergrund ihres Denkens und Fiihlens steht; Männer, die es für Recht halten, in den Zeiten, in denen im Osten Hunderttausende von

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