Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 8 (25.2.1921)
- Date
- 1921-02-25
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Das Jüdische Echo lOi Juden als Juden totgeschlagen werden, öffentlich zu erklären, man mäße einen dicken Strich machen zwischen Ost- und Westjuden, könne er nicht als geeignete Vertreter in der jüdischen Gemeinde anerkennen. Es käme in dem Wahlkampf nicht darauf an, ob die eine oder andere Partei einige Mandate mehr oder weniger erringe, sondern darauf, daß das jüdische Gewissen innerhalb der Gemeinde einmal geweckt und aufgerüttelt werde. Der starke Beifall, der dem letzten Redner gespendet wurde, zeigte, wie sehr dieser die Hörer gepackt hatte. Es folgte noch ein Schlußwort des ersten Referenten, Kommerzienrat fränkel, der gleichfalls nochmals auf die Ausführungen der beiden Diskussionsredner einging und deren Argumente zurückwies. Die Versammlung schloß in sehr vorgerückter Abendstunde. Die Zuhörerschaft batte fast ausnahmslos bis zuletzt ausgeharrt und damit ihr lebhaftes Interesse an den Darlegungen der Referenten bewiesen. Der . Vorsitzende machte bei Schluß der Versammlung darauf aufmerksam, daß die nächste Versammlung der jüdischen Volkspartei am Sonntag, den 27. Februar, abends 8 Uhr stattfindet und hierbei Herr Schulleiter Dr. Bamberger aus Nürnberg über die im Mittelpunkt des Wahlkampfes stehende Frage der jüdischen Volksschule sprechen wird. Der Besuch der Versammlung steht allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde frei. Bindestrich oder Trennungsstrich? 1. Bindestrich. Ein amerikanischer Staatsbürger jüdischen Glaubens erzählte mir: „Nach Ausbruch des Weltkrieges konnte niemand ein gutes Wort für das Deutschtum ein legen, ohne als „Bindestric h- Amerikaner“ angefeindet zu werden. Wir machten uns nichts daraus. Wir sagten unter uns und wiederholten es öffentlich: „Uncle Sam ist unser Adoptivvater. Deutschland ist unsere Mutter. Warum sollten wir unsere Mutter nicht lieben?“ Und wir marschierten mit anderen Bindestrichlern hinter einer Fahne her, aulf der geschrieben stand: „Not Germany made the war — made in Germany made the war — (Nicht Deutschland, der Neid auf Deutschland hat den Krieg verschuldet).“ 2. Trennungsstrich. Den Antisemitismus kann man weder dadurch ab wehren, daß man ein Windei ausbrütet, das außer einer dünnen religiösen Schale keinerlei jüdischen Inhalt besitzt, noch dadurch, daß man einen Homuneulus im der Retorte erzeugt, der nur hebräisch versteht. Man kann ihn nur dadurch abwehren, daß man ihn in sich selbst überwindet. Es ist unrichtig, daß die Judenfrage eine religiöse Frage ist. Wie könnten sonst ganz irreligiöse Juden ausgesprochen jüdisch empfinden? Sie ist eine Frage des Blutes. Blut ist dicker als Wasser. Auch diicker als Taufwasser. Es ist aber nicht minder unrichtig, daß die Judenfrage für alle Juden eine nationale Frage ist. Sie ist es für die Ostjuden, die eine kleine Nation sind, wie andere kleine Nationen. Die Deutschen jüdischer Abstammung sind versprengte Splitter des jüdischen Volks, nicht anders, wie die amerikanischen und russischen Deutschen versprengte Splitter des deutschen. Wir sind deutsch und jüdisch zugleich und können daher weder gegen das Deutschtum noch gegen das Judentum einen Trennungsstrich ziehen. Und wir sind Assimilanten. Der Unterschied ist nur, daß die Einen von uns mehr an Potsdam und an das Ghetto assimiliert sind, die anderen mehr an Weimar und an Zion. 3. Jüdische Kultur. Die Juden sind das Volk des Buches. Aus der Mischung zweier Weltkulturen ist dieses entstanden. Ihm allein verdanken die Juden ihre Erhaltung. Nichts jüdischer darum, als die Ehrfurcht vor dem Buche. Ostjüdische Proletarier besitzen sie. Die Juden von Wilna ließen auf der Flucht vor den Heeren des Zaren Hab und Gut im Stich, um ihre heiligen Bücher zu retten, und die ostjüdischen Bergleute, die im unwirtlichsten deutschen Kohlenrevier arbeiten, antworten auf die Frage, womit man ihnen helfen könne: „M i t B ii c h e r n.“ Als di!e kriegsgefangenen russischen Juden Anfang 1919 aus dem Lager Puchheim entlassen wurden, hinterließen sie eine von ihnen selbst gesammelte reichhaltige jüdische Bibliothek. Die Münchener Kultusgemeinde aber läßt wertvolle Bücherbestände, die ihr durch Testament ihres Rabbiners zugefallen sind, jahrelang unbeniitzt und unbenützbar, verstauben. Dr. Max Prager. literarisches Echo jüdische Jugendblätter, herausgegeben von der Esra-Bundesleiitung. (Siehe hiezu das Inserat in der heutigen Nummer!). Seit einem halben Jahr erscheinen hier in München die „Jüdischen Jugendblätter“, die einzige thoratreue Kinderzeitschrift Deutschlands. Wie die bisher erschienenen Nummern zeigen, verstehen es die Herausgeber in vollem Maße, in r'ner dem Verständnis ihrer Leser angepaßten Sprache altjüdischen Geist zu vermitteln. Die Jiid. Jugendblätter verzichten völlig auf den süßlichen Ton, wie er oftmals den Jugendschriftstellern der orthodoxen Richtung eigen ist. Stolz und sicher führen diese Blätter den Kindern ihr Gesetzesjudentum vor Augen; machen sie aufmerksam auf Diniin, auf jüdische Begriffe wie Zedoko, Anowo u. ä. Aber auch die Unterhaltungslektüre kommt zu ihrem Recht. Märchen und Sagen wechseln ab mit Spielen und Rätseln. Manchmal in knappen Sätzen, wie sie der Talmud kennt, manchmal in gefühlswarmen Gedichten und Melodien, lernen die Kinder von jüdischem Sinn und jüdischer Größe. Über das Ganze breitet sich ein froher Lichtschimmer der Liebe zum jüdischen Volk und im Besonderen zu seiner Jugend. Nicht allein Kinder, auch jüdische Väter und Mütter werden die Blätter mit Befriedigung lesen. J. F. Gedeikt des iidistheo NalioMlionds Sammelstelle München Elisabeth Mahler Postscheckkonto 10121 Sammelstelle Nürnberg: S. Heinemann Karolinenstr. 42 Sammelstelle Stuttgart S. Friedrich Hirschslr.24