Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 8 (25.2.1921)
- Date
- 1921-02-25
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103024-9144793--03930-9076755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 8 25. Februar 1921 8. Jahrgang Palästina und die Versammlung des „Liberalen Vereines“. Am 10. Februar fand eine Versammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde“ in Berlin statt, die von mindestens 500 Personen besucht war. Zum Thema: „Palästina und die deutschen Juden“ führte Rabbiner Baeck ungefähr folgendes aus: „ln jedem Juden lebt ein Stück Palästina. Das Land, das die Wiege des jüdischen Volkes gewesen sei, sei wie kein zweites ein Land der Gegensätze und habe diesen Charakter seinen Bewohnern mitgeteilt. So ist auch das jüdische Volk durch seine ganze Geschichte ein Volk der Gegensätze gewesen, einerseits das radikalste Volk, das mit offenem Sinn und Verständnis für diie Geschicke der Völker seiner Umgebung begabt ist, andererseits das konservativste Element der Geschichte. Auch im deutschen Judentum ist dies nachweisbar. Aus seiner Mitte sind im letzten Jahrhundert Orthodoxie, Liberalismus und Zionismus hervorgegangen. Die große Tradition des deutschen Judentums, das Jahrhundertelang die geistige Führung des gesamten Judentums gehabt habe, verpflichtet die Generation der Gegenwart zu ihrer Vergangenheit würdigen Taten. Man könne das Judentum in der älteren Generation als ein „Judentum unserer Großväter“ ansprechen, während im Gegensatz dazu ein starkes „Judentum unserer Kinder“ heute seine Gegenwart anzeige, eine Renaissance, die da sei, auch ohne daß wir uns geschichtlich Rechenschaft geben können, warum. Das poetische Bild Ezechiels von d.en Totengebeinen, die durch den Geist Gottes zu neuem Leben werden, ist heute vor unser aller Augen sinnfällig. Es heißt heute die Zeichen der Zeit erkennen und mit allen Kräften mitzuarbeiten an der Errichtung des neuen Palästina. Wenn wir 600 000 Juden Deutschlands gegenüber den 13 Millionen Juden der Welt uns ausschließen wollten, wir schlössen damit nur uns aus, nicht das Werk, das ohne uns entstehen wird, weil es entstehen muß. Das jüdische Palästina ist eine Tatsache, auch wenn alle deutschen Juden ihre Mitarbeit versagten. Die geschichtlich-traditionelle Bedeutung des deutschen Judentums erfordert' heute seine eifrigste Mitarbeit. Es ist falsch, wenn man mit humanitären Maßnahmen die Judenfrage lösen oder Palästina aufbauen wolle. Für landflüchtige Zigeuner können wir mit humanitären Gründen eintreten, für Juden können wir nur aus jüdischen Gründen tätig sein. „Hört denn das Judentum an den deutschen Grenzpfählen auf?“ Jüdische Fragen müssen wir von jüdischem Gesichtspunkt aus, deutsche vom deutschen Standpunkt aus lösen. Und wenn wir heute gemeinsam das jüdische Werk leisten wollen, so darf es nicht heißen: „Erst Verständigung mit den andern.“ Wir müssen geben und immer wieder geben, wir müssen das „Ja“ des Segens immer wieder ausdeutschen Juden. sprechen, wir dürfen uns nicht abschrecken lassen, sondern mit den anderen mitarbeiten; das sei 'durchaus möglich, wenn man die Heißsporne in beiden Lagern entferne.“ Zum Schluß erwartete Rabbiner Baeck von der Erneuerung des Judentums in Palästina auch eine fruchtbare Bereicherung des religiös-liberalen jüdischen Gedankens, als dessen Vertreter er sich ansehe. Mit größerer Berechtigung und Autorität würden von Palästina aus jüdische Gedanken der Welt verkündet werden können.“ Die Tagung des neutralen Jugendbundes. ln einer stark besuchten Versammlung des jüdischen Jugendbundes Berlin am 2. Februar ds. Js. gab der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, D r. Alfred Apfel, im Rahmen eines ausführlichen Referates über Probleme der jüdischen Jugendbewegung sehr beachtenswerte Erklärungen zur Palästinafrage. Er führte aus: „Die deutschen Juden müssen nunmehr klipp und klar Stellung nehmen, ob sie an dem Aufbau Palästinas praktisch mitarbeiten wollen. Theoretische Sympathieerklärungen genügen heute nicht mehr. Die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden ist geneigt, Palästina als Frage der Gesamtjudenheit fortan zu betrachten. Besonders unwürdig ist es, in diesem Falle die Stellung je nach dem Erfolge oder Mißerfolge der neuen nationalen Heimstätte zu nehmen. Es ist nicht zu befürchten, daß ein Erfolg des Palästina-Unternehmens eine schlechte Rückwirkung auf die staatsbürgerliche Stellung der Juden in anderen Ländern haben wird, insbesondere wird man in Deutschland dann eine reinliche Scheidung zwischen den nationalen -und den deutsch-patriotischen Juden machen, denen man es sogar vielleicht hoch anrechnen wird, daß sie, statt sich einem prosperierenden Palästina zuzuwenden, dem aus vielen Wunden blutenden deutschen Vaterlande treu geblieben sind. Sollte aber Palästina ein Mißerfolg werden, wird die national-jüdische Frage keineswegs zur Ruhe kommen und Millionen von Juden, die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, werden zur Verzweiflung getrieben. In diesem Augenblick, wo in dem Wirken der zionistischen Partei ein bedeutsamer Abschnitt erreicht ist, muß selbst der Gegner anerkennen, daß selten eine Partei in zwei Jahrzehnten trotz aller Dolchstöße von vorn, von hinten und aus den eigenen Reihen unter den schwierigsten Umständen einen so großen politischen Erfolg errungen hat, wie die zionistische Partei, dessen Bedeutung auch nicht geschmälert wird, wenn im endgültigen Mandatsvertrag nicht alle zionistischen Blütenträume zur Reife gelangen. Die Zionisten sehen sich nun vor die Tatsache gestellt, daß sie allein die neue Heimstätte nicht schaffen können. In einer Zeit, wo selbst gut fun-