Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 6 (9.2.1921)
- Date
- 1921-02-09
- Page
- Seite 77 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 77 verlangt von der Verwaltung, daß sie ihre traditionelle Funktion als Pflegerin des Abbaugedankens aufgebe und eine Zelle des Neuaufbaus werde im Organismus des jüdischen Volkes. Diesem verruchtpositiven und inhaltlichen Glauben an die Zukunft der Judenheit, diesem ketzerischen Glauben des Volkes an sich selbst, an seine Kraft, seine Aufgabe, gilt es entgegenzusetzen die liberale Unentwegtheit des allein rechtmäßigen formalen Glaubens. Alle Bande frommer Scheu löst dieser ketzerische Bund der frommen und der nationalen Juden. Schwerer Kampf steht bevor. Die Gutgesinnten müssen siegen. Die eingesessene Macht der Liquidatoren, die erprobte Politik des langsamen Hinübergleitens, die bürgerliche Rübe aller wahrhaften Staatsbürger, die heiligsten Rechte jüdischer Indifferenz sind durch die Demagogie der von undeutschen Elementen gestützten Volkspartei gefährdet, die heiligsten Güter sind in Gefahr. Hoch das Liquidationsprogramm! Die Gleichgültigen, die Masse, die Indifferenten werden zeigen, daß sie die Macht haben. Diese Macht ausnützen, heißt liberaler Jude sein. — Bild und Spiegel. Bayerische Juden! Hier habt ihr das Bild der Liquidatoren! Eurer Liquidatoren! Von solchem Geist seid ihr bisher regiert worden. Aber nicht nur ein Bild ist dies. Es ist auch ein Spiegel. Seht nur hinein in den Spiegel; Seid ihr es oder seid ihr es nicht? Es gebe jeder sich selbst die Antwort. Noch eine andere Frage stellt das Spiegelein: Wollt ihr so sein, oder wollt ihr nicht so sein? Wollt ihr Abbau oder wollt ihr Aufbau? Hierauf gebt Antwort mit dem Wahlzettel am 13. März! Zehn Wahlgebote für liberale Juden. 1. Du sollst aussprechen was ist: Es handelt sich nicht nur um Deinen jüdischen Glauben. Es handelt sich um Dein jüdisches Menschentum. 2. Du sollst den Ast nicht absägen, auf dem Du sitzest. Es führt zu nichts Gutem, wenn Liberale illiberal, Demokraten Autokraten, Juden Antisemiten werden. 3. Du sollst Macht nicht vor Recht gehen lassen. Gerechtigkeit ist nicht nur das Fundament der Königreiche, sondern auch sämtlicher jüdischer Kultusgemeinden. 4. Du sollst keine Tyrannei des Alters dulden. Das Leben hält es mit den Heranwachsenden, nicht mit den Absterbenden. 5. Du sollst Dich nicht für ein höheres Wesen halten, weil Du im Lande geboren bist. Deine Einbildung auf Deine Bodenständigkeit ist nur ein Zeichen Deiner Rückständigkeit. 6. Du sollst nicht gehässig sein gegen die Ostjuden. Du verscherzest Dir dadurch nur die Liebe Deiner jüdisch und die Achtung Deiner menschlich empfindenden Mitbürger. 7. Du sollst den Zionismus nicht verdächtigen. Juden müssen nicht deutsch-völkischer sein wollen, als das deutsche Volk, dessen edelste Geister für nationale Toleranz waren. 8. Du sollst duldsam sein auch gegen den Strenggläubigen. Laß ihn in der Furcht Gottes leben und lebe nur Du nicht in der Furcht der Menschen. 9. Du sollst nicht groß tun mit Deinem Judentum. Was dieses auch Großes geleistet hat, Dein Werk allein ist es jedenfalls nicht gewesen. 10. Du sollst Dein Judentum verteidigen. Wer sich seiner Väter schämt, ist der Achtung seiner Kinder unwert. Ein Streiizug durch das Budget der Münchener Kultu> gemeinde. Vor einigen Tagen hat der Verwaltungsausschuß der Münchener Kultusgemeinde den Haushaltungsplan für das Jahr 1921 beraten. Es dürfte für unsere Mitbürger, die ja nicht allzuviel von den Vorgängen in den „öffentlichen Sitzungen“ unserer Gemeinderäte erfahren, von Interesse sein, einiges aus diesen Beratungen zu hören, umsomehr, als der diesmalige Etat sich in ganz außerordentlicher Weise von seinen Vorgängern unterscheidet. Einige wenige Ziffern mögen das beleuchten: Gesamtausgaben 1919 Mk. 257 000.— Gesamtausgaben 1921 veranschlagt auf Mk. 742 000.— Kultusumlagen 1920 ca. Mk. 200 000.— Kultusumlagen 1921 veranschlagt auf ca. Mk. 600 000.— Das Budget hat sich also in Ausgaben und Einnahmen verdreifacht. Die Erklärung hierfür gibt ein Blick auf die Einzelposten des Ausgabenetats. Besoldungen Mk. 328 000.— (1919 Mk. 112 000.—) Pensionen Mk. 42 000.— (1919 Mk. 19 000.—) Auch die Münchener Kultusgemeinde hat sich schließlich nicht länger den berechtigten Ansprüchen ihrer Beamten nach einer Anpassung ihrer Gehälter an die veränderten Zeitverhältnisse entziehen können. Die Lehrer sind in die Gehaltsklassen der staatlichen Beamtenbesoldungsordnung eingereiht worden. Den übrigen Beamten wurde durch Gewährung von Teuerungszulagen eine entsprechende Aufbesserung zugebilligt. Unseren sparsmen Gemeindevätern ist diese wahrlich nicht leicht gefallen; sie haben sich der Notwendigkeit gefügt und Ende 1920 das neue Gehaltsregulativ mit Rückwirkung ab 1. Juli 1920 beschlossen. So ergab das Rechnungsjahr 1920 ein beträchtliches Defizit, das mit Mk. 90 000.— den Etat für 1921 belastet. Man hat davon abgesehen, den Fehlbetrag aus dem liquiden Gemeindevermögen zu decken, und es hat ja auch sein Gutes, wenn man auf diese Weise eine gewisse Reserve bestehen läßt, auf die man zurückgreifen kann, wenn einmal außerordentliche Ausgaben notwendig werden, die im Etat nicht vorgesehen sind. Wir werden daran zu erinnern wissen, wenn dann doch wieder die beliebten „etatsrechtlichen Bedenken“ vorgebracht werden sollten. Unter den Ausgabeposten des Etats fallen zwei Posten als Neuerscheinungen auf. Sie betreffen die jüdische Gemeindebibliothek, deren Ausbau die Gemeinde endlich bewilligt hat, nachdem sie jahrelang darum angegangen worden war und nachdem sie im vorigen Jahre wegen der „Anspannung ihres Etats“ die von dem zionistischen Mitglied beantragte Position gestrichen hatte. Wir dürfen also hoffen, daß nunmehr eine äußerlich einigermaßen würdige Bibliothek entsteht (es sind Mk. 20 000.— für Baukosten angesetzt). Wir erwarten aber auch, daß der Betrieb der Bibliothek so gestaltet wird, daß ihre Be-