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Das jüdische Echo · 1921-02-09 · 6 (9.2.1921) · p. Seite 76

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
6 (9.2.1921)
Date
1921-02-09
Page
Seite 76 (sequence 8)
Language
German
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76 Das Jüdische Echo Nr. 6 dazu Kommerzienrat, gar Präsident öffentlicher Korporationen und überdies so bodenständig sein, daß fünf seiner Ahnen begraben auf Münchner Boden liegen, er kann eine Personalunion aller Liquidationsvorzüge darstellen — aber diese wird entwertet durch seine jüdische Positivität. Und nun vollends erst die Zionisten mit ihrem undeutschen Nationalismus und ultramontanen Zionsideal. Der persönlich anständigste Zionist ist nun einmal ein Revolutionär in der Gemeindestube, ein wahrhafter Hecht im Karpfenteich und zwar ein Hecht von jener gefährlichen Art, die mit ihrer ruhelosen Aktivität die Karpfen nicht nur in ihrer äußeren Ruhe stört, sondern auch in ihrem Glauben an die Berechtigung ihres Karpfendaseins erschüttert. Diese Zionisten sind grundsätzlich aus jeder anständigen bürgerlichen Gesellschaft auszuschließen. Sie sind nicht „deutsch-staatsbürgerlich“ und sind ungläubig im Sinne der hohen Weltanschauung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Besonders zu fürchten sind die verkappten Hechte, die in der harmlosen liberalen Karpfenmaske. Hier heißt es bei der Aufstellung der liberalen Kandidatenliste scharf auf der Hut zu sein. Ein sich besonders schlimm ansehender Fall dieser Art, der wegen des schließlichen Triumphes der liberalen Sache festgehalten zu werden verdient, hat erst jüngst den liberalen Vätern einer bayerischen Gemeinde blassen Schrecken eingejagt. Über einen der obersten Gemeindeväter entstand das Gerücht, er sei einmal Zionist gewesen. Solches Belastetsein mit einer antiliberalen Vergangenheit würde unauslöschliche Mandatsunfähigkeit bedeuten. Dem Bezichtigten gelang es jedoch seine Unschuld einwandfrei zu erweisen. Er war vor etwa 20 Jahren aus einem Versehen in die Liste der Zionistischen Ortsgruppe geraten. Es war ein rein formelles Zionistendasein, getreu dem formalen Charakter des deutschen Judeseins überhaupt. Seine Hausfrau, Frau Humpelmayer, einwandfreie Bajuwarin, hat jahrelang Schekel- und Ortsgruppenquittungen eingelöst. Höchstens s i e war also aktive Zionistin gewesen. Sie hatte vermutlich auch die „Jüdische Rundschau“ gelesen, die den Ortsgruppenmitgliedern gratis zugestellt wird. Ob Frau Humpelmayer Schaden an ihrer deutschen Seele genommen? Eine Erörterung lehnte der Ausschuß unzuständigkeitshalber ab. Liberalismus und Volkspartei. Der verdammte Proporz wird diese religiösen und nationalistischen Elemente gleich in einer größeren Zahl in den Teich herein lassen. Dies ist besonders gefährlich, weil sie bei der Wahl und dann bei der Verwaltungsarbeit vereint als jüdische Volkspartei auftreten, ausgerüstet mit einem volkstümlich klingenden Programm, das mit seinen Vorwürfen und Forderungen den besten Traditionen der erprobten Liquidationsweisheit und dem deutschen Staatsbürgertum jüdischen Glaubens ins Gesicht schlägt. Nach der Definition dieser Volksparteiler ist die Kehilloh nicht nur eine Kultusgemeinde, sondern eine Kulturgemeiinschaft. Sie verlangen Ausgestaltung des liquidatorisch so trefflich bewährten jüdischen Religionsunterrichts (ein jüdischer Religionslehrer, der jüdischen orthodoxen Kindern die Kappen beim hebräischen Unterricht herunterschlage, sei ungeeignet als Lehrer), sie verlangen die Pflege der angeblich jüdisch verwahrlosten Jugend, auch nach der Schulentlassung (sie schreiben z. B. der bisherigen Jugendpolitik die Schuld zu an dem Tod des jungen Späth, der sich eine Kugel in den Kopf schoß, weil der christliche Verein Fidelitas ihn ausschloß), sie verlangen, daß die jüdische Gemeinde auch für das Bildungsbedürfnis der Erwachsenen sorge und da wo das Bedürfnis eingeschlafen, es aufwecke (z. B. durch jüdische Vorträge, Lesehallen, Bibliothek, Zeitungen), sie verlangen die Herausgabe einer jüdischen Zeitung, die den lebendigen Kontakt aufrecherhalte zwischen Gemeindeverwaltung und Gemeindevolk, — eine besonders ketzerische Idee, wo doch zweifellos ein „liberales Interesse des Judentums“ es ist, die jüdische Interesselosigkeit aufirechtzuerhalten. Diese Partei hält ferner den 0 s t j u d e n trotz seines Mangels an Deutschstaatlichkeit nicht für einen minderwertigen Juden und fordert seine Gleichberechtigung. Diese Partei der Respektlosigkeit und des Plebejertums wagt es, das liquidatorisch allein mögliche Autoritäts- und a r i s t o k r a t i s c h e Prinzip, das auf der natürlichen Überlegenheit des Reichtums und gesellschaftlichen Ansehens beruht, als „Herrschaft des Geldsacks und Protzentums“ zu bezeichnen. Sie fordert ferner, daß jedes irgendwie neu auftauchende jüdische Interesse, auch wenn diie Satzung es nicht ausdrücklich erwähnt, von der Verwaltung als ihre Angelegenheit behandelt wird (sie erklärt es z. B. für unwürdig, daß die Gemeindeverwaltung frei sich bildenden Vereinen und Ausschüssen positiver Juden die alleinige Besorgung solcher Dinge überläßt). Diese Partei verlangt angemessene Gehälter für die Gemeindebeamten, damit diese mit Verantwortungsbewußtsein, Initiative und innerer Freudigkeit, ohne die jüdisch produktives und aufbauendes Schaffen nicht möglich, ihren Dienst tun — wiederum eine völlige Verkennung der zum Abbau unerläßlichen Atmosphäre von Herzenskühle, Freudlosigkeit und formaler Korrektheit. Auch das Aufrühren und Verhetzen der Kultusbeamten gehört in das revolutionäre System dieser Volkspartei. Wie diese durch Aufreizung halbverloschener völkischer Instinkte die mühsam in 100 Jahren liberaler Politik errungene innere Ruhe und Assimilationsdisziplin des deutschen Staatsbürgers überhaupt unterwühlt, so strebt sie dasselbe im engeren Bereich der Liquidationsbureauk r a t i e an, nämlich Unterwühlung des autoritären Prinzips und der Beamtendisziplin: der Kultusbeamte soll aus einem von der Gnade des Liquidationsausschusses abhängigen, jederzeit bei Kundgebung eigener jüdischer Initiative kündbaren Bürokraten, der seine Amtsgeschäfte und ja nicht ein Übriges gemäß Dienstanweisung verrichtet, zu einem Organ des jüdischen Volks werden, das Inhalt und Grenzen seiner Pflichterfüllung in seinem jüdischen Gewissen und den jeweiligen Bedürfnissen des jüdischen Lebens sucht. Diese Partei erlaubt sich ferner zu belächeln die liberale Angst vor dem Betonen des Jüdischen in der Öffentlichkeit, sie kritisiert die liquidatorisch-erprobte Tendenz des Nieht-von-sichreden-machens, des Kopf-in-den-Sandsteckens, mit der geradezu zynischen Begründung, die Anderen sprächen deshalb nicht weniger von uns, wenn wir von uns selbst nicht sprechen. Diese Partei verlangt — und dies ist die Quintessenz des Umstürzlertums — von der Gemeindeverwaltung eine Politik, die die Großstadt-Judenheit in ihrem rein formalen Judesein erschüttert, den Auflösungsprozeß hemmt.

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