Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 6 (9.2.1921)
- Date
- 1921-02-09
- Page
- Seite 75 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 75 liehst gutgemacht werden. Eine Liste ist aufzustellen, die schon durch den Klang ihrer Namen sich als wahre Liquidationsliste darstellt. Man suche also zunächst möglichst Kandidaten von einwandfreier Abbaugesinnung, echte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, verwurzelt in deutscher Wirtschaft und Gesellschaft, allen Zusammenhangs mit etwelchen jüdischen Volksbestandteilen außerhalb des deutschen Reichs sich ledig fühlend, eines jüdischen Glaubens von jener allein selig machenden formalen juristischen Art ohne inhaltliche — religiöse oder nationale — Velleitäten. Das sind zunächst reiche Kandidaten, angesehene Bürger, die einen Namen haben in der christlichen Umwelt und bei den staatlichen Behörden. Ein Privatier, der von seinen Renten lebt, ein Träger von staatlichen Titeln ist ohne weiteres legitimiert, die jüdischen Gemeindedinge mit zu verwalten^ Wenn gar in einer Person sich Reichtum und Titel vereinigt, dann ist der höchste Grad liquidatorischer Fähigkeit erreicht. Die Gemeindestube muß als Ganzes schon glanzvoll aussehen. Ein eigenes T i t e 1 w e s e n. ist zu diesem Zweck ausgebildet worden: Kaufleute sind eigentlich nur als Kommerzienräte beliebt, ein dieses Titels ermangelnder Kaufmann aber wird in seiner Eigenschaft als Gemeindevertreter zum Großkaufmann, ein Händler zum Großhändler ernannt. Eine besonders geschickte Idee, weil solche Beförderung im gesellschaftlichen Rang gerade die jüdisch Uninteressierten, d. h. die eigentlichen liberalen Juden der Annahme eines Mandats geneigt macht! Es ist eine kluge Berechnung, die in ihr Kalkül auch die menschlichen Schwächen einstellt Diese Titelpolitik ist wahrhaft liberal-jüdische Politik, Anpassung an beste deutsche Überlieferung, Erbringung des vollen Beweises der Gleichwertigkeit der liberalen deutschen Judenheit mit der deutschen Gesellschaft Und diese Beweisführung ist ja doch oberster Gedanke „jüdischer Kultur“. In dieser illustren Gemeindestubengesellschaft fühlen sich selbst die Rechtsanwälte, die um ihrer Kenntnis des deutschen Rechts willen bevorzugte jüdische Verwalter sind, erst dann so recht wohl, wenn sie Justizräte werden. Beliebt sind auch Professoren, staatliche Beamte, Stadt-, Land^ und Hofräte. Handwerker und Kleinhändler sind weniger beliebt. Zu den wichtigsten Gemeindeereignissen gehört es, wenn ein Gemeindevater eine staatliche Beförderung erfährt. Der Vorsitzende gibt der Wichtigkeit des Ereignisses, das die fortschreitende Assimilierung der Judenheit an die deutsche Gesellschaft in erhebendster Weise kennzeichnet, in weihevoller Ansprache Ausdruck. Solche Beförderungen sind die wahrhaft epochalen Ereignisse in der Liquidationsgeschichte der jüdischen Gemeinden Bayerns. Die Deklaration Lord Balfours dagegen, die dem jüdischen Volk Palästina gab, ist kein solches Ereignis. Die Präsidenten der israelitischen Kultusverwaltungen schwiegen dazu. Gehört denn vielleicht Palästina oder gar das jüdische Volk in den Zuständigkeitsbereich der israelitischen Kultusverwaltungen? Es liegt nun freilich in der Natur dieser, den Liquidationsgedanken in ihrer Person besonders ausdrucksvoll verkörpernden reichen und angesehenen Juden, daß sie der aktiven Teilnahme an jüdischen Angelegenheiten nicht zugänglich sind. Die liberalen Führer, die vor jedem Wahltag angestrengtest mit der Ausbietung der Gemeindestubensitze beschäftigt sind, stehen hier vor einem wahrhaft staatsmännischen Problem. Sie sind ihm gewachsen. Den Kommerzienräten und Großkaufleute usw., die ihren Mangel an jüdischem Interesse, Verständnis und an Zeit der Bitte um Annahme einer Kandidatur entgegenhalten, sagt der liberale Politiker folgendes: „Gerade um dieses Mangels willen seid ihr geeignet zur Liquidation. Man verlangt von Euch kein Tun, kein Sprechen, keine Arbeit, sondern nur ein Sein, Euer Dasein als Träger von Reichtum und Würde — und selbst dieses Dasein nur ausnahmsweise in dem lokalen Sinn der Anwesenheit bei Sitzungen (z. B. bei wichtigen Abstimmungen). Es kommt wesentlich darauf an, daß die Euch bestimmten Gemeindesessel Euren Namen tragen. Sind diese von Euch besetzt, so können die schlechtgesinnten, umstürzlerischen Elemente sich nicht darauf niederlassen. Solcher Abwehr zu dienen, solcher Negation der positivistischen Minorität ist Eure Pflicht. Um die untergeordnete Versehung der wenigen sachlichen Liquidationsgeschäfte (Kassenführung, Verwaltungsangelegenheiten , Wohltätigkeitsspenden) braucht ihr Euch nicht zu kümmern, dies alles kann von einigen Wenigen, die die Arbeit aufopfernd auf sich nehmen, zusammen mit den bestellten Beamten besorgt werden. Der Liquidationsgedanke, der Gedanke des entstofflichten und formalen jüdischen Glaubens, der Abwehr positivistischer Reaktion von der liberalen Gemeindestube, verträgt es, ja erfordert es geradezu, daß Ihr zur Gemeindeverwaltung nur der Form nach, nur mit Eurem Namen beitragt, also daß Ihr im wörtlichen Sinne nur nominell und formell, nur negativ Gemeindeväter seid. Denn gerade dadurch seid Ihr der typische Ausdruck, die wahre Repräsentanz der Majorität der Münchner Judenheit, der jüdischen Indifferenz. Und das sollt Ihr doch sein, eine Gemeinderepräsentanz. — —“ Diese Argumentation ist in der Tat unwiderleglich. Sie bringt politische Taktik in geniale Übereinstimmung mit jüdischer Weltanschauung. Dieser Repräsentationsfunktion widmen sich denn auch die Väter, die ja auch im bürgerlichen Leben sonst, was gerne bescheinigt sei, alle anständige Männer sind, pflichtgetreu mit hingebendem Eifer und in den verschiedenen Formen der äußeren und inneren Indifferenz: gar nie sitzen, selten sitzen, immer dasitzen mit dem Anschein des Zuhörens, Abstimmung nach Weisung usw. Die Elemente der Zersetzung, Diese beschauliche Ruhe der namen- und titeltragenden Gemeindesessel, ist von der demagogischen Mehrheit, die das Judentum so verflixt inhaltlich und positiv auffaßt, aufgestört worden. Die Minoritätsherrschaften sitzen wirklich in ihrer vollen materiellen Körperlichkeit da und sie sitzen nicht nur, sondern sie stehen auch auf und reden und sie reden heftig ohne Scheu vor Ordnungsrufen mit gar nicht assimilierten Gesten und wenn sie reden, dann ist es immer ein Tadeln und Fordern. Je größer das persönliche Interesse eines Gemeindeangehörigen für die jüdischen Dinge, desto geringer ist zweifellos seine Eignung für einen Liquidationsposten. Ein wahrhaft zersetzendes Element ist die Or t h o d o x i e. Sie zersetzt die Liquidation. Ein Orthodoxer kann Millionär, Großkaufmann,