Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 5 (4.2.1921)
- Date
- 1921-02-04
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das jüdische Echo 59 menschluß aller Kräfte zur Erhaltung und Erstarkung des Judentums erforderlich ist. Auf breiter demokratischer Grundlage aufgebaut, wird sie uns gegen die Lockerung im Innern und gegen den Ansturm von außen sichern. Im Interesse des großen Werkes müssen alle Sonderwünsche zurückgestellt werden. (Anhaltender begeisterter Beifall.) Das Hauptinteresse der Tagung konzentriert sich auf die Umänderung des D.I. G.-B. zur Gesamtorganisation des deutschen Judentums. Das Referat über die Gesamtorganisation. Dr. Ismar Freund, der Urheber des Verfassungsentwurfes, erstattet hierzu ein groß angelegtes Referat. Der Gedanke, eine Gesamtorganisation zu schaffen, ist in den deutschen Juden seit mehr als einem Jahrhundert lebendig. Mit dem deutschen Bunde wurde auch der D.-l. G.-B. gegründet, und der Gedanke, diese private Organisation zur öffentlichen zu erheben, hat ihren Gründern immer vorgeschwebt. Heute ist die Notwendigkeit stärker als je hervorgetreten, begründet durch die Veränderung in der Siedlung der Juden, ihrer veränderten Stellung im Volke und im deutschen Rechts- und Verfassungsleben. Die Weltumwälzung hat auch das deutsche Judentum schwer betroffen. Die Gesamtorganisation ist nicht nur eine Lebensfrage für die Kleingemeinden, sondern auch für die größten geworden, wie z. B. für Berlin, das mit großen Sorgen Deckung für die materiellen Forderungen des Tages suchen muß. Die finanziellen Grundlagen des gesamten Judentums sind' erschüttert. Nur Sparsamkeit und strenge Ökonomie der Kräfte, intensive — an Stelle der bisherigen extensiven — Arbeit muß durch den Zusammenschluß erreicht werden. Neben der finanziellen Zukunft muß für die geistige Zukunft Sorge getragen werden. Um der jüdischen Jugend und unserer Zukunft willen müssen endlich alle geistigen, sittlichen und kulturellen Kräfte zusammengefaßt werden. Aber auch die bitterernste Frage des Antisemitismus zwingt uns zum Zusammenschluß. Im deutschen Volke gärt ein so wilder Haß gegen die jüdischen Mitbürger, wie er seit den finstersten Tagen des Mittelalters nicht zu verzeichnen war. Die inneren Kämpfe des deutschen Volkes werden sich auch weiter auf unserem Rücken abspielen. Das bedeutet für uns einen Kampf auf Leben und Tod um unsere soziale und rechtliche Geltung in Deutschland, und dieser Kampf ist nur in geschlossener Phalanx zu führen. Heute gilt es, zunächst einen Rohbau zu schaffen, dessen Ausgestaltung der gemeinsamen Arbeit überlassen werden muß. Die in der ganzen jüdischen Welt vorhandene Kongreßbewegung oder das Streben nach einer jüdischen Gesamtvertretung entspricht der tiefgefühlten Notwendigkeit nach einer Stelle, wo alle Klagen vorgebracht und alle Kräfte gesammelt werden können. Die neue Organisation muß alle jüdischen Interessen repräsentieren. Da es sich um eine Körperschaft des öffentlichen deutschen Rechts handelt, können nur die Interessen der deutschen Juden vertreten werden, aber die Interessen der deutschen Judenheit haben bisher nie an Landesgrenzen aufgehört und werden es auch in Zukunft nicht tun. In der Sorge um die Finanzgebarung werden die kleinen und die großen Gemeinden sieh die Hand reichen müssen. Die Ausländerfrage kann nicht übergangen werden. Der Bund ist die Repräsentanz einer Religionsgemeinschaft. Für eine Religionsgemeinde aber müssen die Grenzfragen ohne Bedeutung sein. Jeder in Deutschland wohnende Jude muß das Recht haben, zu diesem Bunde zu wählen. Das wird manchen hier vertretenen Kreisen aus verschiedenen Gründen unangenehm sein. Es gilt aber, den Blick auf das Ganze zu richten; da die Autonomie der Gemeinden erhalten bleibt, ist die Gefahr begrenzt. Die Generaldebatte. Dr. Alfred Klee-Berlin gab im Namen seiner Freunde der Genugtuung- Ausdruck, daß die jahrelangen Vorarbeiten bis zur Realisation gediehen sind. Der Entwurf entkräftet viele Bedenken, die gegen seine Vorgänger erhoben wurden. Die Zionisten haben deshalb große Opfer gebracht und irn Interesse der Einheit schweren Herzens auf den vorzüglichen Entwurf von Viktor-Hamburg verzichtet. Wenn der Geist der neuen Organisation derselbe Geist sein wird, der aus den Eröffnungsworten des Vorsitzenden sprach, dann eröffnet sich dem neuen Bunde eine gewaltige Perspektive. Hierauf brachte der Redner eine Anzahl Wünsche vor. Er möchte den § 1; „Der Bund bezweckt die Zusammenfassung aller Kräfte iim deutschen Judentum zur Pflege der gesamten jüdischen Interessen“ in dieser vom Gemeindebund vorgeschlagenen Fassung erhalten wissen, im Gegensatz zu einem Anträge der Berliner jüdischen Gemeinde, welcher eine Begrenzung „der gesamten jüdischen Interessen“ auf die innerdeutschen jüdischen Interessen vorsieht. Diese Einschränkung raubt dem Verbände große Möglichkeiten. So z. B. könnte er dadurch von der Mitarbeit am Aufbau Palästinas ausgeschlossen werden. Palästina ist heute keine zionistische Angelegenheit mehr, sondern eine Sache des gesamten Judentums der ganzen Welt, die auch jeden deutschen Juden angeht. Wir erwarten die intensive Mitarbeit der deutschen Judenheit. (Lebhafter Beifall.) Die Autonomie der Gemeinden soll selbstverständlich in allen Gewissensfragen, in Kultus, Unterricht und Wohlfahrtswesen erhalten bleiben, dagegen muß der Bund einen Einfluß auf die Verfassung der Bundesgemeinden zur Herbeiführung eines modernen Wahlrechts ausüben; es geht heute nicht mehr an, eine Richtung in der Gemeinde mit roher Gewalt auszuschalten. (Protestrufe.) Wir fordern also: 1. Jedes jüdische Interesse gehört vor die Gesamtorganisation; 2. eine absolut demokratische Verfassung; den sicheren Schutz aller Minoritäten. Diese Forderung gewährleistet der Entwurf, auf dessen Boden wir uns stellen. (Lebhafter Beifall.) Leopold Badt-Berlin: Die Fassung des § 1 ist ein Angelpunkt für die Verhandlungen geworden. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde wünscht den Aufgabenkreis des Bundes auf Deutschland zu beschränken, ohne sich engherzig an die Grenzen zu halten. Der Bund hat in erster Linie die Aufgabe, innerhalb Deutschlands zu wirken. Die Demokratisierung des Wahlrechts in den Einzelgemeinden mag wünschenswert sein, doch darf der Bund nicht in die Rechte der Einzelgemeinden eingreifen. Der Redner bittet deshalb die Zionisten, auf diese Forderung zu verzichten. Justizrat Baerwald-Frankfurt a. M. erklärt die Bereitschaft seiner Gemeinde zur Mitarbeit und stellt folgende Grundsätze auf: 1. Sicherung der Autonomie der Gemeinden; 2. Mitarbeit aller Juden in Deutschland, auch der jüdischen Auslän-