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Das jüdische Echo · 1921-01-21 · 3 (21.1.1921) · p. Seite 36

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
3 (21.1.1921)
Date
1921-01-21
Page
Seite 36 (sequence 8)
Language
German
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36 Das Jüdische Echo tN r. 3 Rabbiner Werner als die künftige Kraftquelle des deutschen Judentums zu bezeichnen pflegte. Das, was bisher viele deutsche Juden zu ihrer bekannten Abneigung gegen die Ostjuden bringt, ist mehr, als es bei Juden sein dürfte, auf antisemitische Argumente zurückzuführen, von denen man sich, vielfach unbewußt, beeinflußen läßt und die erst neuerdings bei der Verweigerung der Gleichberechtigung im Verbands- und Gemeinde- Statut eine Rolle spielten. Die bis ins Einzelne gehende Übereinstimmung zwischen Antisemitismus und deutsch-jüdischer Ostjudengegnerschaft gereicht den jüdischen Ostjudengegner nicht zur Ehre. Hier wie dort gedankenlose Verallgemeinerung von Fehlern Einzelner. Gibt der Antisemit den Juden Schuld an der mit dem Zerfall unserer Wirtschaft verbundenen in alle Berufe und Volksschichten gleichmäßig eingedrungenen üblen Wirtschaftsmoral, so tun viele deutsche Juden das gleiche bei den Ostjuden. Gibt e i n jüdischer Kriegswucherer den Antisemiten willkommene Gelegenheiten, d i e Juden zu Kriegswucherern zu stempeln, so genügt e i n ostjüdischer Kettenhändler oder Goldschieber für allzuviele deutsche Juden, um d i e Ostjuden gemeinhin als die schlimmsten Wirtschaftsschädlinge zu bezeichnen, genügt ihnen der eine oder andere ostjüdische Revolutionär, um die Ostjuden als die Zerstörer der Ordnung und Sicherheit sogar vor deir breitesten Öffentlichkeit zu denunzieren. Es darf daran erinnert werden, daß das Verantwortungsgefühl der Ostjuden für die jüdische Allgemeinheit stark genug war, daß sie auf eine Zurückweisung dieses Angriffes in der gleichen Öffentlichkeit verzichteten und sich mit einem Appell an die jüdische Allgemeinheit begnügten. Da wie dort die gleiche Unkenntnis vom Wesen der Gehaßten. Einem großen Teil der deutschen Juden ist der Ostjude der Schnorrer oder Schieber, jedenfalls ein höchst unwillkommener Eindringling. Vom ostjüdischen Kulturleben und Schaffen haben sie alle keine Ahnung; ihnen allen ist es völlig unbekannt, wie unmaterialistisch der Ostjude in den entscheidendsten Dingen ist. Während beispielsweise im Westen, nicht nur bei Juden, beim Eingehen einer Ehe der Geldpunkt meist den Ausschlag gibt, tut dies bei den Juden des Ostens vielfach das Ansehen der Familie und die jüdische Gelehrsamkeit. Das Schlimmste bei den ostjudenfeindlichen deutschen Juden ist ihr Schielen nach dem Antisemitismus (von dem ihr Judentum völlig abhängt) und dem zu Liebe man vielfach bereit wäre, gegen die Ostjuden alles mitzumachen oder mindestens zu gestatten. (Anonyme Unflätigkeiten, die an die Adresse des Vorsitzenden des Gesamtausschusses als im Auftrag vieler deutscher Juden geschrieben bezeichnet werden, geben da belangreiche Aufschlüsse.) In völliger Verkennung der Tatsachen wird vielfach den Ostjuden die Hauptschuld am Antisemitismus gegeben, statt zu begreifen, daß der Judenhaß keinen Unterschied macht —■ am verhaßtesten sind ihm allenfalls die assimiliertesten und mächtigsten „Eingesessenen“, gewiß nicht die einflußlosen Ostjuden — und daß er seine Angriffe gegen die Ostjuden nur als gegen den exponiertesten widerstandsunfähigsten Teil der Juden richtet. Selbst die brutalen Ausweisungen und die Grenzsperre richtet sich in der Tendenz gegen die Eingesessenen, an denen man „genug hat“. Möge diese unbeschönigte und rücksichtslose Darstellung der Tatsachen, wie sie sind, viele, die ohne eigene Prüfung die übliche Ostjudenächtung mitmachen, zum Nachdenken darüber bringen! Von unserer Gemeindeleitung ist kein Versuch gemacht worden, die Kluft zwischen Ost und West in der Gemeinde zu überbrücken. Man meinte mehr als nötig getan zu haben, wenn man Ostjuden zu Objekten gutgemeinter Unterstützungsaktionen machte und ihnen große Teile der gemeindlichen Wohltätigkeitsgelder zufließen ließ. Ohne den Wert dieser mit Ernst und Sorgfalt geführten Einrichtungen zu verkennen, muß gesagt werden, daß sie mit der Stellung der Ostjuden in der Gemeinde nicht das Geringste zu tun haben. Es ist eine Begriffsverwechslung an manchen Stellen, sie damit überhaupt in Zusammenhang zu bringen. Es ist für die Gemeinde selbst mindestens ebenso wichtig, wie für ihre ostjüdischen Mitglieder, daß diese vollberechtigt werden, wie sie es in großen maßgebenden deutschen Gemeinden sind. Sie kann nicht auf die Dauer aus einem immer kleiner werdenden Teil meist wenig interessierter „Eingesessener“ und den in ihren religiösen, kulturellen und sozialen Einrichtungen völlig isolierten Ostjuden bestehen. Es wird allmählich eine Lebensfrage für die Gemeinde werden, ihre ostjüdischen Mitglieder zur Mitwirkung und Mitverantwortung bei allen ihren Einrichtungen zu erziehen, sollen dieselben eine entsprechende Entwicklung nehmen. Es liegt in der Natur der Sache, daß von minderberechtigten, das heißt nun einmal als minderwertig angesehenen Gemeindemitgliedern ein volles Interesse an der Gemeinde nicht erwartet werden kann. Die Gemeinde ist aber umsomehr auf das Interesse und die Mitwirkung, die Mitverantwortung aller ihrer Mitglieder angewiesen, als sie bei der bedrohlichen Lage, in der wir uns befinden, versuchen muß, wesentlich mehr Einfluß nach innen und Wirkungsmöglichkeiten nach außen zu gewinnen, wenn sie ihre Aufgaben, die Lage und Zeit ihr vorschreiben, erfüllen soll. Demgegenüber ist die Erlangung der Gleichberechtigung für die Ostjuden selbst nichts weniger als eine Lebensfrage, ja sie könnte von vielen in der gegenwärtigen Situation als relativ belanglos Verein jüdisches Landheim e. V. Mitglieder-V ersammlung Sonntag, den 6. Februar 1921, vormittags 10 Uhr, im Bauerngirgl, Residenzstrasse 20, Vereinsziramer I. Stock Tagesordnung; Jahresbericht / Vorstandswahl / Anträge (Änderung des § 6 der Statuten). München, den 24. Januar 1921 Die Vorstandschaft Dr. Baerwald, Vors. ««•••«« •»«>•« enkl des IDdiscben Na Sammelstelle München Elisabeth Mahler Postscheckkonto 10121 Sammelstelle Nürnberg S. Beinemann Karolinenstr. 42 Sammelstelle Stuttgart S. Friedrich Hirschstr. 24

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