Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 3 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 35 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Da? Jüdische Echo 35 binem und Lehrern — oft mehr der Not gehorchend als dem eigenen Trieb — noch immer zu bieten wagt und1 die häufig geeignete Kräfte abhalten, sich diesem wichtigen Berufe zuzuwenden. Di-e Gemeindevertretungen sind keine Körperschaften, in denen die Würdigsten, Fähigsten, Jüdischsten sitzen, sie gleichen oft geschlossenen Zirkeln, die sich nach der gesellschaftlichen Stellung und dem Vermögen der Anwärter zusammensetzen. In den Gemeinden selbst herrscht ein gefährlicher geistiger Stillstand — die Wellen des modernen jüdischen Lebens branden nicht bis in all die kleinen Dörfer und Städte, die doch soviel Möglichkeiten, soviel jüdische Kräfte bergen.- In den beiden Großgemeinden liegen die Dinge wohl anders, aber nicht besser. An die Stelle der gefährlichen Stagnation des jüdischen Lebens in den Kleingemeinden tritt ein außerordentlich lebhaftes Parteigetriebe. Liberale, Orthodoxe, Zionisten und Zentralvereinler haben fast keine Berührungspunkte miteinander. Man versteht sich nicht und will sich wohl auch oft nicht verstehen. Und inzwischen nehmen, wie überall in den großen Städten Deutschlands, Taufe und Mischehe ständig zu. — Das für die Erhaltung des Judentums wertvolle Element der Ostjuden steht ganz abseits und hat gar keine Verbindung mit der alteingesessenen Bevölkerung. Die Schuld der Väter, Ostjuden zu sein, rächt man sogar an den Kindern — man vergißt ihnen ihre Herkunft nicht. Während die antisemitischen Parteien eine Ostjudenhetze großen Stils betreiben, während die Regierung die Ostjuden ausweist und drangsaliert, wo sie kann, hält man sich in jüdischen Kreisen vielfach von ihnen fern und erschwert ihnen das Hineinwachsen in die Gemeinden, die doch durch ihr Wissen und ihre natürliche Anteilnahme an jüdischen Dingen nur gewinnen könnten. Ja, man versagt ihnen sogar dauernd das passive Wahlrecht zur Tagung des Gemeindeverbandes — obwohl sie vielleicht diejenigen sind, die jüdisch am stärksten interessiert sind und obwohl der Gemeindeverband die Absicht hat, rein religiösen Zwecken zu dienen. Seit wann aber kennt die jüdische Religion Staatsgrenzen und seit wann gibt es vor Gott eine Verschiedenheit der Menschen nach ihrer Herkunft? Dies die innere Lage der bayerischen Judenheit — wieviel Ähnliches könnte man noch anführen? — in einem Moment schwerster Bedrohung von außen. Die antisemitische Welle hat ihren Kulminationspunkt anscheinend noch immer nicht überschritten. Der Antisemitismus vertieft dauernd seinen Einfluß, ergreift immer noch weitere Volkskreise. Eine Schilderung der Zustände erübrigt sich; wir erleben in Scham und Zorn tagtäglich genug davon, und brauchen darüber nicht viel zu reden. — Die .Jüdische Volkspartei in Bayern“ stellt einen entscheidenden Versuch dar, auf breitester Grundlage die bayerischen Juden zu sammeln, die eine Neugestaltung des jüdischen Gemeindelebens unter Heranziehung aller von jüdischem Bewußtsein Durchdrungenen erstreben. Die Jüdische Volkspartei wird sich demgemäß aus Zionisten und Zentralvereinlern, aus Gesetzestreuen und Liberalen, aus West- und aus Ostjuden rekrutieren, aus all denjenigen, die durchdrungen von jüdischem Bewußtsein an den großen Aufgaben der Judenheit aufbauend mitarbeiten wollen. — In diesem Sinne ist schon der Name der jungen Partei eiln Programm: sie ist wahrhaft volkstümlich, bewußt demokratisch und bekämpft daher jede undemokratisebe Einrichtung im jüdischen Leben Bayerns von der Entrechtung der Ostjuden bis zu dem übergroßen Notabelneinfluß, der allzu oft die Unabhängigkeit der Beamten und die freie Entwicklung der Gemeinden bedroht. Sie ist aber auch eine Partei des jüdischen Volkes, dem sie eine seiner großen Vergangenheit würdige Zukunft zu sichern wünscht. Daher tritt sie für die Erhaltung aller jüdischen Werte durch den Ausbau des jüdischen Erziehungswesens im weitesten Sinne, daher tritt sie für wirksame Abwehr nach außen durch die dazu berufene Körperschaft, den Verband, ein. Daher auch fordert sie, daß die bayerischen jüdischen Gemeinden und der Gemeindeverband an den Aufgaben der Gesamtjudenheit tätigen Anteil nehmen, Anteil ebenso an einer von sozialem Geist getragenen Fürsorgetätigkeit, wie an einer wahrhaft jüdischen Lösung der Ostjudenfrage — vor allen Dingen aber an dem großen Gemeinschaftsproblem des Judentums, von dem vielleicht sein Bestand, sicher aber seine kulturelle Bedeutung in Zukunft abhängen wird: an dem Aufbau Palästinas. Das Programm der „Jüdischen Volkspartei in Bayern“ ist ein aufbauendes. Es läßt den Meinungen weiten Spielraum. Es stellt keine kleinlichen Gesinnungsproben an, es fragt nach der jüdischen Tat, fordert jüdische Arbeit im besten Sinne. Wir wissen, daß Gesinnungen gewiß wertvoll, aber oft nur allzu billig sind. Wir werten nach dem Tun, nicht nach den Worten. Die jüdische Volksschule, die Bibliotheken, Lehrkurse, Sportplätze, die Arbeitsämter und Arbeiterfürsorgeämter, die wir verlangen, der Kampf gegen die Stagnation in den kleinen, gegen den Abfall in den großen Gemeinden, die ehrliche Demokratisierung der Gemeindeverfassungen und die Beseitigung der undemokratischen Ausländerbestimmungen im Verbandsprogramm — das und vieles mehr werden uns zum Maßstab für den Fortschritt und zum Prüfstein für den inneren Wert des bayerischen Judentums werden. Wer in diesem Sinne — niemand zu Leide, aber der Judenheit zu Liebe — mit uns kämpfen und arbeiten will, der schließe sich uns an, der wähle — als erstes Bekenntnis und als Voraussetzung weiteren Tuns — bei den Verbandswahlen „Jüdische Volkspartei“. D. Red. Die Ostjuden in der Gemeinde. 1. Das schwerwiegendste Problem für die innere Entwicklung der deutschen Juden ist ihre Auseinandersetzung mit den Ostjuden in Deutschland, deutlicher: deren Eingliederung in das jüdische Leben. Es ist eine längst erkannte unbestrittene Tatsache, daß Taufe und Beschränkung der Kinderzahl den Untergang der deutschen Juden bewirkten, wenn sie nicht durch ostjüdische Einwanderung ergänzt würden. Es gibt Juden und — Antisemiten, die gerade das nicht wollen, denen das Verschwinden der Juden gar nicht schnell genug gehen könnte. Mit ihnen haben wir uns hier nicht auseinanderzusetzen. Es ist nur zu hoffen, daß sie so außerhalb der jüdischen Dinge bleiben, wie es ihrer Gesinnung entspricht und daß sie fürderhin nicht versuchen, auf jüdische Angelegenheiten — etwa die jüdische Gemeinde — Einfluß zu nehmen. Alle anderen aber, alle Juden, denen am Fortbestand und einer gesunden Entwicklung des Judentums gelegen ist, werden den Anlaß, ihre Stellung zu den jüdischen Angelegenheiten nachzuprüfen, den die kommenden jüdischen Wahlen bieten, auch zu einer Revision ihrer Stellung zu den Ostjuden benützen müssen, die ein Mann, wie der verewigte