Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 3 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- Seite 34 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Das Jüdische Echo Nr. 3 einsichtige Pädagoge der Auffassung beipflichten, daß eine wirklich religiöse Kindererziehung vor allem die harmonische Übereinstimmung zwischen dem Leben und dem Anschauungsunterricht im Elternhause und den Einflüssen und Eindrücken in der Schule zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Von diesem Gesichtspunkte aus muß es aber seltsame Widersprüche und Disharmonien in den zarten Kinderseelen auslösen, wenn das 6 oder 7jährige Kind am Sabbath m früher Morgenstunde den Schulranzen umschnallen und in seine nichtjüdische Schule zu der Stunde pilgern muß, zu der seine Eltern und Geschwister das Gotteshaus aufsuchen. Und endlich sollten gerade jene jüdischen Kreise, deren ganze religiöse Betätigung sich in Klagen über die Zunahme der antisemitischen Bewegung erschöpft, es als ihre Pflicht erachten, eine jüdische Volksschule ins Leben zu rufen, deren Schülermaterial und deren Absolventen von Neuem Zeugnis dafür ablegen, daß die körperliche und geistige Ertüchtigung unserer jüdischen Jugend in keiner Weise gegen die pädagogischen Ergebnisse der bisherigen Konfessions- und Simultanschulen zurückbleibt. Im Übrigen steht die Frage der Errichtung einer jüdischen Volksschule in München nicht mehr zur Debatte. Es scheint weiten Kreisen unserer Gegner nicht bekannt zu sein, daß diese Frage, in der übrigens Nürnberg und Würzburg uns bahnbrechend vorausgeeilt sind, durch den Entscheid der Kreisregierung von Oberbayern, die die Genehmigung zur Errichtung dieser Schule erteilt hat, nach der grundsätzlichen Seite hin bereits entschieden ist. Der Besuch der jüdischen Volksschule wird selbstverständlich ein freiwilliger sein, ein Zwang wird nicht ausgeübt. Auch ferner werden wie bisher die allgemeinen Volksschulen den jüdischen Kindern offen stehen. Der Ausgang unseres bevorstehenden Wahlkampfes soll nun Klarheit darüber bringen, ob diese wichtige und heilige Gemeindeinstitution m i t oder gegen den Willen der Mehrheit unserer Gemeinde ins Leben gerufen und alimentiert werden soll. Ein schwerer und heißer Wahlkampf steht den für die Aufrechterhaltung der jüdischen Tradition und der jüdischen Kultur eintretenden vereinigten Parteien der Orthodoxie und des Zionismus in den nächsten Wochen in Aussicht. Aber die Grundsätze der Verhältniswahl gestatten uns, sofern nur alle unsere Anhänger und die zahlreichen wirklich liberal empfindenden Angehörigen der Gesamtgemeinde ihre Schuldigkeit tun, dem Ausgang dieses Kampfes in froher Zuversicht entgegenzusehen. In unserem gestrigen Wochenabschnitt wird uns erzählt, daß der ägyptische König Pharao auf die Erklärung Moses hin, daß die Kinder Israel aufbrechen wollen, um in ihrer Weise und nach ihrer Überlieferung Gott zu dienen, die höhnische Frage an Moses und Aron richtete: „Wieviel sind es denn, dieses winzige Häuflein, das hinter Euch steht und mit Euch marschiert?“ Da antwortete der greise Führer unseres Volkes: „Mit unsern Alten und mit unsern Jungen, mit unsern Söhnen und mit unsern Töchtern wollen wir ziehen.“ Lassen wir uns dieses biblische Wort als Mahnruf in unserem bevorstehenden Wahlkampfe dienen! Mit unsern Alten und mit unsern Jungen, mit unsern Söhnen und mit unsern Töchtern, ohne gehässige Stellungnahme gegen anderseitige und gegensätzliche Programme, wollen wir an der Wahlurne von unserer religiösen und kulturellen Überzeugung Zeugnis ablegen. Die Großgemeinde Würzburg hat am 19. Dezember 1920 uns ein Beispiel dafür gegeben, wie einiges Zusammenstehen der Minderheitsparteien den Sieg für letztere gewährleisten kann. Auch in Würzburg haben Jahrzehntelang die Führer der Neologie die Fiktion verbreitet, daß die erdrückende Mehrheit der Gemeinde „liberal“ orientiert sei und in diesem Sinne wurden seit Jahrzehnten — tout comme chez nous — den Orthodoxen seitens der Liberalen als Gnadenakt und als Beweis ihres friedlichen „Entgegenkommens“ stets nur 3 Mandate zugebilligt, deren Nomination und Genehmigung überdies sich die liberalen Führer von Fall zu Fall vorbehielten. Da brachte der 19. Dezember 1920 einen unerwarteten Entscheid, den selbst die größten Optimisten unter den Orthodoxen nicht erhofft hatten. Bei einer Wahlbeteiligung von 85 Prozent der wahlberechtigten Männer und 87 Prozent der wahlberechtigten Frauen, wurden abgegeben: 558 Stimmen für die orthodoxe, 535 für die liberale und 151 für die Liste der Mittelpartei, deren Vertreter bisher im großen ganzen eine Politik im Sinne des traditionellen Judentums betrieben haben. Das Verhältnis der Mandate 8:8:2 bedeutet die Niederlage des seit Jahrzehnten in der Würzburger Gemeindestube herrschenden Liberalismus. Möge der 13. März 1921 in München vollenden und besiegeln, was in unserer Schwestergemeinde Wiirzburg am 19. Dezember so segensreich begonnen wurde. Dann werden all die jahrzehntelangen Kämpfe um die Revision des Judenedikts nicht umsonst geführt worden sein und dann wird das der Münchener Wahlurne entstammende Wahlergebnis den Boden für ein fruchtbares und friedliches Zusammenarbeiten aller religiösen Richtungen und Parteien in unserer Gemeinde auf Jahrzehnte hinaus ebnen! München, 16. Januar 1921. Sigmund Fraenkel. Wähler laßt euch in die Wählerlisten ein tragen* Jüdische Volkspartei in Bayern. In einem Augenblick von historischer Bedeutung für das bayerische Judentum tritt die „Jüdische Volkspartei in Bayern“ auf den Plan. Die Wahlen zur Tagung des „Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden“ stehen vor der Tür: da ist es Zeit für die einzelnen jüdischen Gruppen und Parteien zu sagen, was sie wollen. Die Innere Lage der bayerischen Judenheit ist so gefährdet, wie die des deutschen Judentums überhaupt. Die kleinen Gemeinden, lange Träger eines natürlichen jüdischen Gemeinschaftsgefühls und einer gesunden konservativen Gesinnung, lösen sich langsam auf, verlieren ilrre jungen Leute an die großen Städte und nehmen als zweifelhaftes Gegengeschenk von diesen die Assimilation mit allen Herrlichkeiten unserer modernen Kino-Kultur. Der jüdische Lebrerstand, der vornehmlich berufen wäre, demgegenüber jüdische Werte und jüdische Verbundenheit zu pflegen, leidet schwer unter den unzureichenden Gehältern, die man Rab-