Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 53 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 Das Jüdische Echo 509 III. Das Komitee der Jüdischen Delegationen sah sich bereits im September 1919 veranlaßt, die Notwendigkeit der permanenten Existenz des Komitees oder der Schaffung einer ähnlichen permanenten Institution zu proklamieren. Zwei Umstände haben das Komitee besonders in diesem Sinne beeinflußt: a) Die Notwendigkeit über die Anwendung der den Juden in den Friedensverträgen zugesprochenen Rechte zu wachen; b) die Notwendigkeit, energische Maßregeln gegen die furchtbaren Exzesse und die Judenmassakers in verschiedenen Ländern zu ergreifen. Während des ganzen vergangenen Jahres war das Komitee der Jüdischen Delegationen gezwungen, unaufhörlich für die Durchführung der den Juden durch die Friedensverträge zugesprochenen Rechte zu kämpfen. Andererseits haben die furchtbaren Massakers, die in verschiedenen Ländern Osteuropas stattgefunden haben, das Komitee gezwungen, als permanente Verteidigung der massakrierten Bevölkerungen Osteuropas aufzutreten. Das Komitee hat sich wiederholt an die Regierungen der Entente gewendet, um ihre Intervention zu erwarten,^ die in einigen Fällen auch zugesagt wurde. Im September 1919 hat auf Initiative des Komitees eine große Anzahl hervorragender französischer Persönlichkeiten einen Appell an die Menschheit zugunsten der Märtyrer erlassen. Ebenso fanden großartige Manifestationen der jüdischen Bevölkerungen Amerikas, Europas und Südafrikas statt. In der Überzeugung von der Notwendigkeit seines permanenten Bestandes hat das Komitee der Jüdischen Delegationen beschlossen, daß die Mandate seiner Mitglieder erneuert oder ersetzt werden müssen: die jüdischen Bevölkerungen der verschiedenen Länder müßten an die Wahl der Mitglieder des permanenten Komitees schreiten, durch Vermittlung jüdischer Kongresse oder mittels anderer demokratischer Wahlmethoden. Dieses permanente Komitee wird den Namen „Rat der Delegationen“ tragen (hebräisch: Waad Haarazoth). Dieser Rat, aus 90 Mitgliedern bestehend, wird jährlich eine kürzere Tagung abhalten und ein permanentes Exekutivkomitee bestimmen. IV. Die endgültige Verfassung des „Waad liaarazoth“ kann infolge der politischen Erschütterungen, wie des Bolschewismus, der das ganze Leben der jüdischen Gemeinden bestimmter Länder paralysiert, noch nicht verwirklicht werden. Andererseits haben die jüdischen Bevölkerungen mehrerer Länder, wie Beßarabien, Weißrußland, Litauen, sogar vor Erhalt der offiziellen Nachricht von der Schaffung des „Waad Haarazoth“ in ihren Versammlungen die Beteiligung an der künftigen Institution proklamiert und betrachten sich als einen Teil dieser Institution. Bis zur Wahl des Waad Haarazoth, die wahrscheinlich im Laufe eines Jahres stattfinden wird, übt das Komitee der Jüdischen Delegationen seine Funktion auf Grund der Mandate vom Frühling 1919 aus und verwirklicht das Programm des Waad Haarazoth. Gemäß dem schon formulierten Programm des Waad Haarazoth betrachtet es das Komitee der Jüdischen Delegationen als seine Aufgabe, die Interessen der jüdischen Bevölkerung vor dem Völkerbund zu vertreten, in welchem die immer unterdrückten und gemarterten jüdischen Massen das höchste Organ sehen, das der Verletzung ihrer Rechte und den ewigen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, ein Ende bereiten wird. Daher hat sich noch vor dem Zusammentritt der ersten Versammlung des Völkerbundes das Komitee der Jüdischen Delegationen an das Sekretariat des Völkerbundes gewandt und es ist festzustellen, daß es eine günstige Aufnahme gefunden hat. Das Komitee der Jüdischen Delegationen ist eine auf demokratischer Grundlage gewählte Institution. Wenn es sich an den Völkerbund wendet, handelt es im Namen der jüdischen Massen, im Namen von Millionen. Das Komitee der Jüdischen Delegationen hat beschlossen, in Genf ein Bureau zu errichten und später seine ganze Tätigkeit dorthin zu verlegen. Im Bewußtsein der Wichtigkeit der ersten Versammlung des Völkerbundes hat das Komitee der Jüdischen Delegationen nach Genf seinen Präsidenten und seinen Generalsekretär entsandt, um die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf die tragischen Probleme zu lenken, die die einzigartige Lage der Juden vor das Gewissen der Menschheit stellt. Das jüdische Volk sieht in den Prinzipien des Völkerbundes die Verwirklichung der Brüderlichkeit der Völker, die der jüdische Prophetismus verkündet hat, und es hofft, daß der Völkerbund immer mehr dazu gelangen wird, die Konflikte zwischen den Nationen verschwinden zu mach e n, die die Quelle des Unterganges der Menschheit sind, und das jüdische Volk von seinem schrecklichen Schicksal zu befreien. Memoranden über die ukrainischen Pogrome und die Behandlung der Flüchtlinge in Wien. Paris. In Fortsetzung ihrer Tätigkeit beim Völkerbund in Genf haben die Vertreter des „Komitees der Jüdischen Delegationen“, Sokolow und Motzkin, dem Präsidenten der Völkerbundsversammlung ein Memorandum bezüglich der Ausrottung der ukrainischen Juden überreicht. Das Memorandum enthält sechs Beilagen: Den Roten- Kreuz-Bericht, ein Verzeichnis der Pogromorte und die Zahl der Opfer, die Zahl der geschändeten Frauen, typische Details der Pogromfolterungen, den seinerzeitigen Appell der französischen Intellektuellen an die Menschheit und ein Verzeichnis der Pogromorganisatoren in der Ukraine. Das Komitee fordert eine strenge Bestrafung der Pogroinanstifter und die Einsetzung einer Untersuchungskommission. In der öffentlichen Sitzung der Völkerbundsversammlung brachte Lord Cecil eine Interpellation in der Angelegenheit ein. Der Vorsitzende erwiderte, daß die Eingaben des „Komitees der Jüdischen Delegationen“ und der „Alliance Jsraelite Universelle“ in Druck gelegt und mit der Beigabe zahlreicher Dokumente an die Mitglieder des Völkerbundes verteilt werden sollen. Weiters überreichte das „Komitee der Jüdischen Delegationen“ der sechsten Kommission des Völkerbundes ein Memorandum bezüglich der Naturalisation der Juden von Danzig, in welchem gegen die vorgesehenen Erschwerungen protestiert und der Schutz der jüdischen Minderheit verlangt wird. Gleichzeitig überreichte das Komitee dem Chef der Abteilung für die Fragen der Minoritäten ein ausführliches Memorandum über die Lage der ihnen bereiteten Erschwerungen bei der Option.