Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 52/52 (24.12.1920)
- Date
- 1920-12-24
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 497 Das jüdische Landheim. Dem Ausschuß, der im vergangenen Jahr unter dem Vorsitz des Münchener Rabbiners, Herrn Dr. Baerwald, gegründet wurde, ist es nach langen Bemühungen gelungen, ein geeignetes Anwesen für das jüdische Landheim zu erwerben: das Hotel zur Kronenmühle in Wolfratshausen. Das Lanidheim soll vor allem einer Reihe von Kindern aus dem Mittelstand einen Ferienaufenthalt ermöglichen. Diese Gelegenheit wird zweifellos allen Eltern willkommen sein, die unter den heutigen Verhältnissen nicht mit der ganzen Familie verreisen können und die doch ein oder das andere Kind der Wohltat eines Landaufenthaltes möchten; teilhaftig werden lassen. Ferner soll das Heim schwächlichen oder erkrankten Kindern einen langausgedehnten Genesungsurlaub bieten mit der Möglichkeit eines geordneten Schulunterrichtes. Neben diesem Hauptzweck soll das Landheim gleichzeitig der Ausbildung junger jüdischer Mädchen in Kinderpflege, Küche, Haus¬ und Gartenarbeiten dienen. Das Heim, das eine dien kindlichen Verhältnissen angepaßte d. h. einfache aber gute und reichliche Verpflegung bieten soll, muß natürlich auf streng ritueller Basis geführt werden. Das altbekannte Hotel zur Kronenmühle ist ein gut und solid gebautes Haus, dessen prächtige Veranda zu einem parkähnlichen, weitläufigen Garten himunterleitet und in dem eine Obstkultur, ein Fischweiher und ein Hühnerhof sich befinden. An den Garten grenzen weite, sonnige Wiesen, die einen herrlichen Tummelplatz bilden. Daß das mit der Bahn in einer Stunde von München aus zu erreichende Wolfratshausen als einer der reizvollsten Punkte im wunderschönen Isartal gilt, begreift jeder, dar einmal den Blick über das hügelige Vorland zur nahen Alpenkette hat schweifen lassen. Der bewaldete Berghang, der das Tal nach Norden hin abschließt, hält alle rauhen Winde fern. Die nahe Loisach, mit ihrem weichen Moorwasser gibt im Sommer Gelegenheit zu kräftigenden Flußbädern und im Winter lädt die dicht hinter der Kronenmühle ansteigende Rodelbahn zu fröhlichem Sport ein; Rodelschlitten stehen in reicher Auswahl bereit. Das stille Wolfratshausen mit seiner köstlichen, kräftigen Luft, mit seinen herrlichen Wäldern bietet in der Tat den denkbar besten Aufenthalt für erholungsbedürftige Stadtkinder. Für manche Gruppen rekonvaleszenter Kinder können im Winter die starke Besonnung und die günstigen Schneeverhältnisse noch als besondere heilkräftige Faktoren gelten. Die äußeren Bedingungen sind gegeben: hoffen wiir, daß es gelingen möge, in den idealen Rahmen ein ideales Bild einzufügen — das jüdische Landheim, wie es der Gruppe vor Augen steht, die unter recht erheblichen finanziellen Opfern das Haus erworben hat. Eine Insel des Friedens soll dieses Haus für unsere Kinder werden inmitten des Meeres von Haß, das um uns brandet. Wenn diie Wünsche der Gründer sich erfüllen, dann soll auf dieser friedlichen Insel eine Pflanzstätte echten Judentums erstehen. Möge es gelingen, den Geist der Einfachheit, der harmlosen kindlichen Fröhlichkeit und der treuen Kameradschaftlichkeit an dieses Haus zu bannen, dann werden die Kinder neben der leiblichen Erholung eine tiefe sittliche Förderung erfahren und reicher Segen für unsere Gesamtheit wird ausgehen vom jüdischen Land- Leim. C. 0. Sozialdemokratie und Antisemitismus. Die Sektionen der Sozialdemokratischen Partei rechts der Isar hatten zu Mittwoch, den 15. Dezember ihre Mitglieder zu einer Versammlung in den großen Saal des Münchner Kindlkellers eingeladen, wo der Führer dier bayer. Sozialdemokraten, Erhard Auer, das Thema: „Sozialdemokratie und Antisemitismus“ behandelte. Lange vor Beginn war der Saal bereits überfüllt, ein Beweis, welch großes Interesse einer Behandlung dieser Frage entgegengebracht wird. Auer verstand es aber auch, dieselbe in einer Weise zu erörtern, die die Aufmerksamkeit der Zuhörer vom Anfang bis zum Ende zu fesseln wußte. Der Redner führte aus, daß er in dem Umsichgreifen des Antisemitismus, besonders in den letzten beiden Jahren, eine Gefahr sehe. Antisemitische Schlagworte werden im Volke propagiert, teilweise aus Unverstand, nur aus Lust am Schimpfen, ohne befürchten zu müssen, daß man zur Verantwortung gezogen wird, zum größten Teil aber, um für das unselige heutige Elend irgend jemand verantwortlich zu machen und den Volksunmut von den wirklich Schuldigen auf die Juden abzulenken. Dadurch werde vor allem die Gefahr heraufbeschworen, daß die wirklichen Ursachen des deutschen Elends unaufgedeckt bleiben und daß das Volk verwirrt, seine Erkenntnis erdrückt wird. Damit werde das Leiden des Volkes ins Ungemessene verlängert, Volksgenossen unnütz gequält, die Sympathien des Auslandes statt gehoben endgültig verscherzt werden. Dazu kommt das psychologische Moment. Wenn d,?s Volk die Gefühle des Hasses und der Rachsucht nicht los wird, wie soll der Boden geschaffen werden, auf dem Menschlichkeit, Nächstenliebe, Sitte und Mora1 gedeihen? In einer Versammlung letzter Woche wurde öffentlich zum Judenpogrom aufgefordert Das zwitnge zu klarer Stellungnahme. Sozialdemokratie bedeute höhere menschliche Kultur. Sie bekämpfe nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art der Unterdrückung, gleichgültig ob sie sich richtet gegen eine Klasse, eine Parteil, ein Geschlecht oder eine Rasse. Sie dulde nicht, daß wegen Übergriffe Einzelner ein Stamm oder eine Rasse drangsaliert und für minderen Rechts erklärt werde. Dagegen nehme sie Stellung aus staatsbürgerlichen und menschlichen Gründen und diejenigen die gläubig sind, müßten auch aus religiösen Gründen sich dagegen auflehnen. Daß es unter den Juden, die gegen Ausnahmemaßregeln ge-* schützt werden sollen, Kapitalisten und ganz reaktionäre Elemente gäbe, sei der Sozialdemokratie bekannt, das dürfe aber an ihrem grundsätzlichen Standpunkt nichts ändern. Der Druck des Kapitals auf die schaffenden Volkskreise werde nicht durch den Antisemitismus beseitigt, sondern durch die Umstellung der Gesellschaft im sozialdemokratischen Sinne. Nachdem sich der Redner noch kurz mit der Rassentheorie auseinandergesetzt und einen längeren Überblick über das Verhältnis der verschiedenen Völker zu den Juden seit der Zerstörung des jüdischen Reiches gegeben hatte, wandte er sich den heutigen Rechtsverhältnissen, besonders hier in München zu. An Hand krasser Einzelfälle beleuchtete er die derzeit hier herrschende Rechtsunsicherheit und Rechtsungleichheit, unter der nicht allein die Juden zu leiden hättten. Diejenigen Stellen, die über den Klassenhaß lebhaftest Klage führten,