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Das jüdische Echo · 1920-12-17 · 51 (17.12.1920) · p. Seite 484

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
51 (17.12.1920)
Date
1920-12-17
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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484 Das Jüdische Echo Nr. 51 Antrag auf Volksabstimmung betrieb bekanntlich der Bürgerrat unter der Führung eines antisemitisch veranlagten Rechtsanwalts, eines jüdischen Fabrikanten und anderen ähnlichen Größen. Nun sollte man meinen, daß wenigstens in den nächsten Wochen die Blockbrüder in ihren Versammlungen Harmonie bewahren. Allein nach dem alten Sprichwort, daß die Katze das Mausen nicht lassen kann, greifen einzelne Größen der „Vereinigten“ nach ihrem alten Metier. Als erster erscheint Herr G i e h r 1 von der Bayer. Volkspartei auf dem Plan. Sein Hauptargument für die Auflösung des Stadtrats bildet die — „bolschewistische Judenherrschaft im Rathaus“. Wieviele Juden sind nun im Rathaus? Von der Sozialdemokratie zwei Vertreter, die sich bei allen Parteien der Hochachtung erfreuen, und ein Demokrat, Parteifreund des Herrn Hübsch. — Wie kommt Hr. Giehrl zu seiner Behauptung? Helf eben, was helfen mag! Von den Blockbrüdern arbeitet eben jeder nach seiner Art. Herr Scharnagl spricht als Monarchist, Giehrl als Antisemit, ein bayer. volksparteilicher Jude dient als Zierde des Bürgerblocks. Auf diese Weise sollen eben die Bürger der verschiedensten Parteirichtung geködert werden und es fehlt nur noch, daß Herr Hübsch am Samstag im Vorhof der Synagoge um Unterstützung bettelt.“ Wenn nun auch Herr Staatsrat Giehrl in einem telephonischen Gespräch an den Vorsitzenden einer jüdischen Vereinigung diese Worte in Abrede stellte (die „M. Post“ hält den Bericht aufrecht), so sind doch genügend andere Äußerungen verschiedener Agitationsredner festgenagelt, um die Überzeugung aussprechen zu können, daß vielseitig der Kampf um die „Volksstimme“ antisemitisch agitatorisch ausgenutzt wurde. Haben doch nach der „M. Post“ der Demokrat Hübsch und der Liberale S c h ö n in einer Versammlung Worte fallen lassen, welche den antisemitischen Auslassungen nicht allzuferne stehen. Nun sind wir wieder zu normalen Verhältnissen zurückgekehrt, die Zeit der Agitation ist vorüber. Hoffen wir, daß in allen Kreisen wieder Besinnung Platz greife und die Regierung endlich einsieht, wohin maßlose Hetze führt. Möge man sich in diesen Kreisen nicht täuschen; das Dulden einer solchen Bewegung stört nicht nur den Aufbau im' Innern, auch das Vertrauen des Auslandes, das wir so nötig gebrauchen, wird schwer zu erringen sein. Auseinandersetzung mit Paul Nathan. Kürzlich veranstaltete der Central-Verein D. St.-B. jüdisch. Glaubens eine Versammlung, in der Herr Dr. P. Nathan über „Politischen Antisemitismus“ sprach. Herr Dr. Paul Nathan führte aus, daß Palästina ein kleiner schmaler Streifen Land mit ungesundem Klima sei, das schon im Altertum von einer feindlichen Umwelt umgeben gewesen sei. Nach der Zerstörung des altjüdischen Staates und der Zerstreuung des Judentums sei die Religion, die schon im alten Israel das wichtigste Element gewesen, zum einzigen Band geworden, das das Judentum zusammenhielt. Doch sei das Judentum nie darauf ausgegangen, Proselyten zu machen. Es schloß sich von den anderen ab, wurde vom Christentum verfolgt, weil es sich nicht bekehren wollte, und so ist seine Geschichte in der Diaspora ganz erfüllt von Verfolgungen. Erst die Neuzeit brachte den Juden die Gleichberechtigung, um deren faktische Durchführung sie jedoch bis heute noch vielfach kämpfen müssen. Gegenwärtig geht eine große antisemitische Welle durch alle Länder, aber man brauche nicht zu befürchten, daß es ihr gelingen werde, die Gleichberechtigung der Juden zu erschüttern. Das Prinzip des modernen Staates verlange die Beurteilung und Bewertung seiner Bürger lediglich nach ihren Leistungen und Verdiensten für den Staat. Die Unterschiede der Rassen, Klassen und Religionen interessieren nicht den Staat, weil der moderne Staatsgedanke siegen muß, wird auch der Antisemitismus erfolglos bleiben. In der Diskussion entgegnete Herr Dr. Nachurn Goldmann. Er wandte sich zunächst gegen die etwas ironisierende Darstellung von der Kleinheit und klimatischen Ungesundheit Palästinas durch den Redner. Die Begeisterung der jüdischen Jugend für Palästina hänge nicht von dem Umfang und der Fruchtbarkeit des Landes ab, sie sei vielmehr getragen von der gleichen Idee, wie sie schon in alter Zeit das jüdische Volk mit Palästina verknüpfte. Es sei irreführend, zu sagen, nur die Religion habe das alte Judentum in Palästina zusammengehalten. Die altjüdische Religion umfaßte ebenso sehr Politik und alle Fragen des nationalen Lebens und kannte nicht, wie die moderne Religion, die Trennung von Religion und Politik. Nur diese Einheit des nationalen und religiösen Regimentes im Judentum erklärt auch den Widerstand gegen jegliche Proselytenmacherei. Was die Stellung zum Antisemitismus betrifft, so seien natürlich auch die Zionisten bereit, den Kampf gegen ihn zu führen; doch müsse natürlich der Zionismus, der das Judentum als nationale Einheit nimmt, auf den Antisemitismus anders reagieren, als eine nur religiöse Auffassung des Judentums. Wiir nehmen ihn als eine natürliche Reaktion der Völker auf die Existenz des ihnen wesensfremden jüdischen Typus unter ihnen. Die gegenwärtige Hochflut des Antisemitismus sei zu erklären aus der allgemeinen Lage Europas. Es seil die Stunde eines Entscheidungskampfes zwischen den Mächten der Reaktion und den Vorkämpfern einer neuen Ordnung. Daß die Reaktion ihre Angriffe überall gegen das Judentum richtet und reaktionär und antisemitisch gleichbedeutend ist beweist, daß die reaktionären Elemente noch immer im Judentum den natürlichen Kämpfer für Fortschritt und Freiheit erblicken. Uns darf daher diese neue antisemitische Welle nicht ängstlich machen. Natürlich müsse das Judentum ihr mit allen Kräften entgegentreten und der Zionismus wird diesen Kampf mitführen; aber er verlangt um die Einheitsfront mit den nichtzionistischen Juden hersteilen zu können, eine Voraussetzung: der moderne Staat dürfe nicht nur keinen Unterschied der Rassen, Klassen und Religionen, sondern auch keinen der Nationalität kennen. Wie einst eine Identität von Staat und Religion bestand, die uns heute als eine Barbarei erscheint, so muß auch die heute noch bestehende Identität von Staat und Nation überwunden werden. Dieser Gesichtspunkt sei für den ideologischen Standpunkt des Zionismus dem Antisemitismus gegenüber entscheidend und die Basis für ein gemeinsames Vorgehen gegen ihn. Dr. P. Nathan erwiderte in kurzen Worten Hrn. Dr. Goldmann, ging aber auf dessen eigentliche Ausführungen fast gar nicht ein. Er gab seiner Freude Ausdruck über die sachliche Art der Polemik und der Bereitschaft der Zionisten, den Kampf gegen den Antisemitismus mitzuführen. Doch könne er den nationalen Standpunkt des Zionismus nicht anerkennen, denn dieser beruhe auf der Idee der Blutsgemeinschaft. Diese aber sei

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