Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 50 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Das Jüdische Echo 473 gefühl einer früheren Zeit, wirkt auf uns heute wie eine Maske, ist mit unserem Kunstwollen nirgends organisch verwachsen. Was noch vor etwa zwanzig Jahren ursprünglich erlebtes Ausdrucksmittel war, ist heute erstarrt und wesenlos. Nicht mehr das mit den Sinnen Erfaßbare, Optische wird gesucht, sondern das Letzte, Grundsätzliche. Wesentliche. Strucks Zeichnungen umspielen von allen Seiten das jenseits des Augenblicks Tuhende kristallinische Sein des ostjüdischen Antlitzes, aber sie erfassen es, im Gegensatz zu Zweig, niemals selbst. III. Könnte man nicht sagen, daß die eingangs von mir aufgerichtete Behauptung falsch sei, Zweig habe nicht, von seiner Liebe getragen, den Stoff mit günstigen Vorurteilen dargestellt? Erwächst nicht dem Betrüger, dem Wucherer, dem Mädchenhändler, kaum daß siie erscheinen, gleich ein Anwalt in dem Dichter selbst? Gewiß. Wo auch nur eine Anklage erhoben wird, folgt unmittelbar eine begründende, verzeihende, die Quellen dCs Übels aufdeutende Erläuterung. Wer aber diesem Buche durch die Worte hindurchsieht, weiß, daß niemand den Trägern materialistischen Geistes ein leidenschaftlicherer und fanatischerer Gegner ist als Zweig selbst. Wahrhaftig! Ist denn bis zum heutigen Tage über die Ostjuden je irgend etwas anderes ausgesagt, als daß siie Betrüger und Verbrecher seien, und hat da nicht einer, der dazu berufen ist, in den Fällen, in denen diese Aussagen nicht weiter sind als gehässige, der Unkenntnis entwachsene Lüge, geradezu die Pflicht, die tiefsten, menschlichen, seelischen Triebe und Regungen bloßzulegen, die aus bestimmten Menschen Verbrecher im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft schaffen? Bevor ich aber rückhaltlos lobe, will ich auf einen Satz hinweisen, der zu Irrtümern führen kann. Zweig ruft am Schlüsse seines Buches der Jugend zu, sie und nur sie trage die Verantwortung für die Dauer des jüdischen Volkes und die Ordnung unter dem Menschengeschlechte überhaupt: denn: „Die Welt weiß, das Heil kommt von den Juden“. Also: „an jüdischem Wesen soll die Welt genesen“? Wie töricht, gerade Zweiig so hochfahrenden Widersinn zuzutrauen. Was will das Wort besagen?: Jedes Volk hat seine Mission, und das jüdische die der „Verwirklichung“ der sozialen Gemeinschaft im Sinne B u b e r s. So also, ist es gemeint, soll durch das Beispiel im eigenen Lande das Heil von den Juden kommen. IV. Lest das Buch! Ihr werdet in ihm in die Seele Eurer Brüder und Schwestern blicken, und schließlich werdet Ihr Euch bewußt, daß Ihr gar nichts anderes tut, als in einen Spiegel schauen. Das ist das Bedeutende an diesem Buche, daß es uns im Grunde nicht so sehr von den einzelnen jüdischen Menschen im Osten Europas erzählt, sondern in ihm die Seele des Juden schlechthin, des Volkes, die Seele in ihrer Gesamtheit erfaßt ist. Es war willkürlich von mir, Form und Inhalt zu scheiden — geschah es doch um der Wertung des rein Künstlerischen willen — denn das eine wächst aus dein anderen hervor. Nicht mit mühseliger Analyse und Zergliederung, nicht mit quälender Psychologie kreist Zweig um seine ostjüdischen Menschen herum, in leidenschaftlicher Intuition packt und formt er ihr ganzes wachsendes Leben. Von dem alten Krämer und Händler, dem Menschen eines langsam versinkenden patriarchalischen Geschlechts iiher das ewig sich konstante Element der Frau werden wir heraufgeführt zu der fanatischen und von revolutionärer Leidenschaft glühenden Jugend, die Zweig aufruft, ihre Kraft, ihre hin gebende Liebe zur Idee, ihren Menschheitsfanatismus nicht fremden Völkern zu weihen, sondern dem eigenen. Aber es ist nicht etwa eine Fülle scharfer Beobachtungen eines klugen jüdischen Kritikers, nicht ein danebenstehender Kommentar, sondern es ist immer dieses doch noch so unerhört starke und zukunftsmögliche Leben des Volkes im Beth-Hamidrasch und in der Werkstatt, in der Familie, in der Kunst, oder in der sozialistischen Bewegung, durch das wir diesen Menschen so nahe herangetragen werden. So formt uns Zweig das organische Dasein dieser ostjiidisehen Menschen, und wir erleben uns in ihnen. Keine Behauptung in diesem Buche liegt so außerhalb seines Kreises, und ihre Wahrheit kommt nicht von außen, ist nicht gesehen, sondern ist ganz und gar im Nerv der Sache gefühlt. Wie erstaunlich sicher trifft Zweig etwa den Sinn des fünften Gebotes, wenn er sagt, daß der Nachsatz „auf daß“ keine Belohnung für die Erfüllung des Gebotes, sondern eher eine conditio sine qua non sei, „ohne Ehrung der Eltern kann es dir nicht Wohlergehen, ohne sie hast du keinen Bestand: leben aber sollst du und lange um des Werkes der Heiligung willen, das dir aufgegeben ist“ — und: Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise W. Braun* Cie., München Neuhauseretr. 154, gegenüber der alten Akademie Sport FRITZ SEIDL Res/denzsfräße 3, Ecke Hauptpost Gesellschaftsanzüge nach Maß in feinster Ausführung aus allerbesten Stoffen zu mäßigen genau berechneten Preisen.