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Das jüdische Echo · 1920-11-26 · 48 (26.11.1920) · p. Seite 448

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
48 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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448 Das Jüdische Echo Nr. 4» * tischen Heißsporn unserer Tage. Welche Kultur- und literaturhistorischen Kenntnisse die Schriftleitung in solchen Fällen bei ihren Lesern voraussetzte, ist eine Sache für sich. Hoch wertet sie ja ihr Leserpublikum an sich nicht ein. Braßler, der den ihm zu heiß gewordenen Münchener Boden mit dem Berliner Asphalt vertauscht hat, schrieb im „Völkischen Beobachter“ über alles; er fühlte in seiner jugendlichen Unbefangenheit das Zeug in sich, über Fragen zu schreiben, an die sich ernsthaft durchgebildete Männer nur zögernd wagen. Warum sollte er nicht auch über das Volksschulwesen in München schreiben. Und so gab er denn im Ostermond seinen abgeklärten Senf auch zu der im April in Dachau abgehaltenen Volksschullehrertagung. Mit folgender „originellen“ Einleitung begann er seinen Artikel: „Juden, Juden! Wohin ihr faßt, ihr werdet Juden fassen: Kein Gebiet ist sicher vor den schmutzigen Fingern dieser Gesellschaft usw.“ Nach dieser Einleitung befaßte er sich mit den Teilnehmern und Referenten jener Tagung. Auch den Kunstkritiker der „Münchener Post“, Hermann Eßwein, stempelte er kurzer Hand zum Juden, reihte ihn in die „Gesellschaft mit den schmutzigen Fingern“. Eßwein stellte deswegen gegen Braßler und den Verantwortlichen des „Völkischen Beobachter“, Franz Eder, Beleidigungsklage. Herr Kohl, mit dem man allmählich Mitleid bekommt, daß er zum Hausanwalt der Völkischen emporgestiegen ist, vertrat die abwesenden Beklagten. Mit einer seltenen Bescheidenheit bekannte er sein Entsetzen über die Dummheiten, die in der Redaktion des „Völkischen Beobachter“ geboren werden. Und er griff begierig danach, als Eßwein durch seinen Rechtsbeistand Saenger erklären ließ, an der Bestrafung eines deutschvölkischen Redakteurs habe der Kläger keifa Interesse. Die Lage Kohls war ja auch keineswegs beneidenswert. Er gab zu, daß seine Mandanten wieder einmal ohne alle Unterlagen jemand zum Semiten gestempelt haben, der nur, weil er in der „Münchener Post“ mitarbeitet, den Groll der Hakenkreuzler erregt hat Wohl selten hat Herr Kohl, der in recht friedlich gestimmtem Tone aus einigen Abwehrartikeln Eßweins das Material für eine Wiederklage herausschälen wollte, so bereitwillig dem ihm vorgelegten Vergleich zugestimmt, wie diesmal. In diesem Vergleiche erklärten die Angeklagten, sie können und wollen die Behauptung, Herr Eßwein sei Jude, nicht aufrecht erhalten; alle an diese Behauptungen gegen Herrn Eßwein geknüpften Vorwürfe werden als unbegründet mit Bedauern zurückgenommen. Die Beklagten übernehmen die Kosten. Der Privatkläger erklärt hiezu: Bei Veröffentlichung meiner Artikel zur Abwehr der Angriffe des „Völkischen Beobachter“ ist mir jede Absicht persönlicher Beleidigung vollkommen ferne gelegen. So holt sich das deutschvölkische Organ mit seiner blindwütigen Schreibweise eine Niederlage nach der anderen.“ Aus vergangenen Zeiten in einer alten bayerischen Kehillah. II.*) Mi Schejirze (Wer will). In unserer alten Gemeinde war es Gebrauch, £fn den zwei Sabbathen im Jahre, an welchen aus dem Thoraabschnitte die Flüche zur Vorlesung *) I. siehe Nr. 32/33 des „Jüd. Echo“. gelangten, für den betreffenden Teil nur jemand zur Thora zu rufen, der hiefür eine Gratifikation erhielt Dieser wurde entgegen dem üblichen Gebrauch nicht mit Namen gerufen, sondern der Vorbeter gebrauchte den Ausdruck Mi Schejirze d. h. „es komme, wer will“. Neben dem Entgelt in Silberling empfing er statt dem üblichen einfachen einen doppelten Segensspruch vom Vorbeter. Nun waren in unserer Kehillah zwei Synagogen nahe beieinander und ein verdiensteifriges Gemeindemitglied bewarb sich um die Ehre, in den beiden Gotteshäusern der Mi Schejirze zu sein; es ging dies um so leichter, als in dem einen Betlokal der Gottesdienst rascher absolviert war und der gute Mann nachdem da seine Tätigkeit erledigt war rasch am zweiten Platz der Funktion gerecht werden konnte. Nun sollte einmal die Spekulation doch fehlschlagen. In dem einen Gotteshaus war man an der betreffenden Stelle angelangt, ohne daß unser besoldeter zur speziellen Ansprache bebestimmter Freund zur Stelle war. Ein Konkurrent, der bereits öfter erfolglos dies einträgliche Amt anstrebte, benützte nun die Gelegenheit, seine Dienste beim Vorsteher in Erinnerung zu bringen, wollte jedoch die bestehende Situation auch praktisch verwerten. Statt der üblichen Taxe von 2 Gulden beanspruchte der gute Mann den doppelten Betrag; es blieb nichts anderes übrig, als dem Verlangen nachzukommen. Böse Menschen behaupteten, daß beide Reflektanten sich in die Hände arbeiteten und jeder, ohne daß der andere Verlust hatte, durch ehrliche Teilhaberschaft seine Taxe einheimsen konnte. Die „Lösung“. Unter den weniger Bemittelten in unserer Gemeinde lebte ein in der Thpra und im Talmud gut beschlagener Mann, der dem „Lernen“ mehr als der Jagd nach dem Verdienst oblag. Ab und zu besuchte der gute Mann Märkte und Messen, ohne daß ihm ein größerer finanzieller Erfolg beschieden war. Einst kam er wieder von einem Markt nach Hause und auf die Frage eines seiner Gönner nach den Resultaten seiner Tätigkeit antwortete er, daß er G. s. D. seinen „Jezues“ (Spesen) „gelöst“ habe. Der betreffende Gönner traf Schreiber dieses kurz darnach und erzählte mir, daß Herr.diesmal doch Teussiert habe, da er seine Spesen verdient habe. Da mir dies sehr unwahrscheinlich erschien, suchten wir den „erfolgreichen“ Geschäftsmann auf, der nun auf meine eingehenden Fragen hin erklärte, daß er so viel Waren verkauft habe, um seine Spesen zu decken. Das war die „Lösung seiner Jezues“. Aus der Jüdischen Welt Palästina. Die Aussichten der Wollindustrie in Palästina. Die durch die jüdischen Kolonisten eingeführte Schafzucht ist zu einer lohnenden Industrie geworden. Im Lande sind jetzt beträchtliche Wollquantitäten zu finden. Vor dem Kriege wurde der größte Teil der heimischen Wolle nach Amerika und Frankreich exportiert. Jetzt werden Anstrengungen gemacht, das Rohmaterial im Lande in eigener Produktion zu verarbeiten. In Jerusalem selbst sind gegenwärtig ca. 150 Weber, laut „Jewish Journal of Commerce“, beschäftigt. Die Aussichten für diese Industrie sind sehr günstig. Außerdem wird die einheimische Wolle auch anderen Industrien zugeführt werden, auf die sie belebend wirken wird. Vor dem Kriege hat der jähr-

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