Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 40/41 (8.10.1920)
- Date
- 1920-10-08
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Das Jüdische Echo Nr. 40/41 ihr Leben, ihr Hab und Gut sicher zu stellen. Ebenso allgemein-jüdische Angelegenheit wäre die Einrichtung jüdischer Bibliotheken und Lesehallen, die Sorge für ausreichenden hebräischen Unterricht für Erwachsene und Kinder, die Unterstützung der auf körperliche, moralische und geistige Ertüchtigung der Jugend bedachten Jugendbünde aller Richtugen durch Einrichtung von Heimen und Sportplätzen, materielle und moralische Unterstützung. Selbst über die jüdische Schule, diese aktuelle und wichtige Streitfrage, sollte man sich schließlich einigen können, obgleich hier wahrscheinlich die Schwierigkeiten mit am größten sein werden. — Vor allen Dingen aber gilt es die Mithilfe aller für den Palästina-Aufbau zu erzielen. Hier handelt es sich bestimmt nicht um Weltanschauugsfragen. Es gibt keine Partei, die Palästina nicht will. Es muß eine jede Palästina wollen: das Fähn!ein des Judentums ist vor den Augen der Welt an die Stange gebunden; es ließe sich nur mit Schanden wieder herunterholen. Mit Recht wird der Antisemitismus die Unfähigkeit der Juden, aufzubauen, betonen, wenn dieser Aufbau mißglücken sollte. Und die Lage ist kritisch. Es handelt sich nicht um Menschen, nicht um Pläne, nicht um politische Arbeit, nicht um politische Überzeugungen und Bekenntnisse; es handelt sich um Geld. Es wird sich zeigen, wem die Zukunft des Judentums nur eine Diskussionsangelegenheit, wem sie auch des persönlichen Opfers würdig ist. — Palästina als Werk des gesamten deutschen Judentums, soweit es dieses Namens würdig ist, wäre der stärkste einigende Faktor, den man sich vorstellen könnte. Die große Palästina-Aktion, die von zionistischer Seite demnächst durchgeführt werden wird, können eine jüdische Einheitsfront begründen, die stark genug wäre, den Verfall des deutschen Judentums aufzuhalten, ja diie Erneuerung, auf die wir alle hoffen, zu beginnen. G—. Ein Vorbild jüdisch~sozialer Ärbeit. Eine Eigenschaft ist den Juden bisher auch vom erbittertsten Antisemiten nicht abgestritten worden: die Hilfsbereitschaft. Dank dieser sprichwörtlich gewordenen jüdischen Hilfsbereitschaft gibt es selbst in Gegenden, in denen die unter dem Druck unnatürlicher politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse proletarisierten, pauperisierten Massen der Judenheit leben, noch Systeme und individuelle Erscheinungen gegenseitiger Hilfe, die bewunderungswürdig sind. In Ländern, in denen die Juden nicht in dichten Siedlungen wohnen und in denen sie Freizügigkeit in Handel und Wandel genießen, ist es dank dieser jüdischen Hilfsbereitschaft bis vor kurzem erreicht worden, daß es eine nennenswerte Anzahl hilfloser jüdischer Existenzen überhaupt nicht gab. Der arme, der kranke, der schwache Jude, das jüdische Kind — ihnen allen kam die Hilfe glücklicherer Stammesgenossen ihrer Gemeinde entgegen und bewahrte sie vor dem Untergang. Diese jüdisch-soziale Hilfe beging allerdings fast überall — vielleicht mit Ausnahme gewisser Einrichtungen in Amerika — einen großen Fehler: sie sah als hilfsbedürftig nur diejenigen an, die bereits in Not geraten waren, und unterließ es, das Hilfswerk zu einem vorbeugenden zu gestalten, das den Erzogenen moralisch, geistig und körperlich zum Kampfe mit dem Dasein tüchtig macht. Auch in Deutschland haben von jeher Juden in sehr erheblichem Maße für jüdische Hilfszwecke gespendet, aber auch hier wurden infolge der kurzsichtigen Auffassung sozialer Hilfe von jeher beträchtliche Mittel vertan und verzettelt. Nur wenige Institute fußen auf einer moderneren und vertiefteren Auffassung sozialer Gemeinschaftspflicht. Zu diesen vom richtigen Geist getragenen Instituten gehört mit in erster Linie „D a s Heim für schwer erziehbare Mädchen“, das der Jüdische Frauenbund in Isenburg bei Frankfurt am Main unterhält. Die Gründung dieses Heims entsprang der Erkenntnis, daß die Auflösung des früher so engen Zusammenhaltes der jüdischen Familie, die Hineinziiehung junger Jüdinnen in das Erwerbsleben und in die Vergnügungen der Großstädte eine Fülle schwerer Gefahren für diese jungen Mädchen mit sich gebracht hat. Was früher fast unbekannt gewesen war: das Stranden jüdischer Mädchen in sittlicher Hinsicht, wurde unter den veränderten Zeitströmungen zu einer nicht ungewöhnlichen Erscheinung. Diese sexuell oder auf irgend einem anderen Gebiete Gescheiterten (das Wort „Gefallene“ sollte endlich aus dem Sprachschatz gebildeter Menschen verschwinden) aufzunehmen, wurde die erste Aufgabe des Isenburger Heimes. Bei der weiteren Entwicklung des Instituts ergab es sich, daß dieser Gruppe auch Mädchen zugewiesen wurden, die wegen irgendwelcher Delikte vor Gericht gestanden hatten. Allen diesen Mädchen bemühte man sich, über die erste Zeit nach ihrer Verfehlung hinwegzuhelfen und sie zu rechtschaffener Arbeit zu erziehen, als der Grundlage für den eigenen Lebensunterhalt und — wo es sich um uneheliche Mütter handelte — derjenigen des Kindes. Die jungen Mütter, die im Heim untergebracht sind, werden tunlichst schon mehrere Monate vor der Niederkunft aufgenommen und schon während dieser Zeit an Haushalts- und Kinderpflege gewöhnt. Nach der Entbindung bleiben sie im Heim bis sie technisch und moralisch gelernt haben, ihre Pflichten gegen das Kind zu erfüllen. Aber getreu dem Grundsätze des Jüdischen Frauenbundes, daß Hilfe nicht erst da einsetzen dürfe, wo bereits Not und Verschuldung vorhanden ist, sondern schon dort hineingetragen werden müsse, wo die Gefahr einer solchen besteht, erstreckte das Heim seine Tätigkeit auch auf solche erwachsene und schulpflichtige Mädchen, die noch nicht auf diesem Lebenswege gestrauchelt waren. Schon in solchen — durch Familien oder Fürsorgestellen ihm zugewiesenen Fällen, wo trübe und unklare häusliche Verhältnisse oder eine schwierige Charakterveranlagung nur befürchten lassen, daß eine junge Existenz sich dem Kampfe mit dem Leben nicht gewachsen zeigen werde, entfaltet das Isenburger Heim seine erzieherische Tätigkeit. Der Geist dieses Erziehungswerkes liegt in einem einzigen Worte beschlossen. Dieses Wort heißt: A r b e i t. Die Begründerin und spirituelle Leiterin des Heims, die bekannte Sozialarbeiterin Bertha Pappenheim, geht von der Überzeugung aus, daß eine Hauptquelle aller sozialen und besonders aller jüdisch-sozialen Not die Unwilligkeit zu produktiver Arbeit ist. Infolgedessen ist das Heim eine wahrhafte Schule und Stätte der Arbeit geworden, und zwar der allereinfachsten und allerunentbehrlichsten Frauenarbeit: derjenigen in allen Zweigen der Haushaltsführung. An dieser Arbeit nehmen alle Bewohner des