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Das jüdische Echo · 1920-10-08 · 40/41 (8.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
40/41 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 40/41 8. Oktober 1920 7. Jahrgang Eine jüdische Einheitsiront? Man wird allmählich der Zerklüftung des deutschen Judentums überdrüssig, des fortwährenden Kampfes der Parteien und Parteichen, der Richtungen, Gruppen und Grüppchen müde. Wenn man sich schon prügelt, muß man wenigstens wissen, warum. Aber es scheint fast, als werde die allgemeine Rauferei im Judentum vielfach um des Raufens willens betrieben — trotzdem der deutsch-völkische Schutz- und Trutzbund es lediglich als germanische Art bezeichnet, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Wir unsererseits haben keinen Genuß dabei und wir stimmen Herrn Regierungsrat Hans Goslar zu, der im „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ darlegt, daß die deutsche Judenheit sich über der Durchführung erbitterter innerer Kämpfe „zu Tode vergißt“. Freilich darf man nicht übersehen, daß der Zusammenprall der Weltanschauungen, die große Auseinandersetzung über Wesen und Zukunft des Judentums, eine Notwendigkeit, und wenn schon eine Fiebererscheinung, doch eine jener heftigen Krankheitskrisen ist, die am Ende — halten nur die Organe aus — zur Genesung führen. Nicht diesen Kampf um jüdisches Menschen- und Volkstum, um jüdische Erneuerung meinen wir, wenn wir die ewige Katzbalgerei verurteilen; wohl erschüttert es den einzelnen und die Gemeinschaft aufs tiefste, wohl mag auch es Opfer kosten: aber aus Opfern und Erschütterungen wird neues Leben. Vergiftend, jeder Gesundung unzuträglich ist der tägliche Streit der Versammlungen und der Presse, die Politik der Nadelstiche, der berechnete Hohn, die gemachte Verachtung, das ewige Geschwätz und Gezänk, das aus kleinen Ursachen aufsteigt wie Fliegengeschmeiß vom Mist — man weiß kaum weshalb, man weiß selten zu welchem Zwecke: denn da wird niemand überzeugt, da hat immer jeder Recht; es gibt nur Verärgerte, nie Sieger oder Besiegte. Will man aber von Einheit des Judentums reden, so stelle man erst die kleinlichen Widerwärtigkeiten des Tages ab und ermögliche eine würdige Diskussion des großen Gegenstandes, um den es sich lohnt: des Judentums. Dann werden sich Möglichkeiten der Einigung ergeben und Unmöglichkeiten. Unmöglich wird es sein, eine „Einheitsfront“ mit denen zu bilden, die eingestandener- oder uneingestandenermaßen vom Judentum fort wollen, mit denen, die es billigen, daß „achtzig Prozent unserer Jugend herangewachsen sind und weiter heranwachsen, ohne von ihrer Art und der der Väter etwas zu wissen, ohne sich jemals ihres Judentums bewußt zu sein, bewußt, nicht nur ilm Sinne eines Trotzjudentums, sondern der einfachem aber tiefinnerlichen auf Wissen und schauendes Ahnen zugleich begründeten Selbsterkenntnis“. Wir stehen nicht an, diesen Zustand mit Goslar, für „das größte, das ungeheuerlichste Verbrechen, das je ein Volk, eine Kulturgiemeihschaft, eine Glaubensgemeinde begangen hat, oder was dasselbe ist, hat begehen lassen“, zu halten, und wir lehnen es ab, in denen, die diesen Zustand billigen oder weiterbestehen lassen, Mitkämpfer zu sehen, denen sich die jüdische Einheitsfront zu öffnen habe. Aber diese „Assimilanten“ sind trotz allem, Gott Lob, nicht das Judentum, und trotz allem gibt es bei Liberalen und Orthodoxen, bei Zionisten und Zentralvereinlern zahlreiche Menschen und Gruppen, die gegen die zunehmende Selbstzersetzung des Judentums zusammenstehen könnten, wenn der tägliche Ärger wegfallen und man sich nur klar über die Grenzen des Zusammengehens werden würde. Diese Grenzen aber liegen dort, wo die Weltanschauungsfragen beginnen. Man respektiere sie und frage sich wie weit der Weg ist, den man bis zu diesen Grenzen Zusammengehen kann. Man wird bald merken, daß der Weg überraschend lange gemeinsam bleibt, ehe die Richtungen auseinander führen. Hier ist die Realität einmal freundlicher als die Idee. Es ist wahrlich nicht nötig, daß Bündnisse zwischen restlos Übereinstimmenden und für alle Ewigkeit Verbundenen geschlossen werden. Man schließt sie von Fall zu Fall, zum Schutz gegen gemeinsame Gefahr, auf Zeit, wie denn Politik nichts mit dem Ehrenkodex Göttinger Studenten und gewiß nichts mit der Beständigkeit einer Ehe gemein hat. — Nur die Jugend mag sich solchen Erkenntnissen nicht fügen, man lasse sie frei um die Idee, um das Absolute kämpfen, und gewöhne es sich ab, das Ringen um junge Seele zu verurteilen oder mit der rauhen Hand elterlicher oder sonstiger Autorität Entwicklungen hemmen zu wollen: das führt zu nichts, verärgert und lenkt von wirklicher Arbeit ab. Denn wirkliche, sachliche Arbeit ist es, in deren Zeichen die Einheitsfront der deutschen Judenheit aufgebaut werden könnte. Man kann sich auf die Dauer nicht einigen, bloß um einig zu sein und davon zu sprechen. Solche Einigkeit zerbricht unter der Verschiedenheit der Anschauungen. Aber die Arbeitsgemeinschaft und vielleicht auch gemeinsam errungene Erfolge nähern Menschen und Parteien einander und überbrücken, auf die Dauer, vielleicht sogar Gegensätze der Anschauung. Man stelle also, bevor man von Einheitsfront redet, ein einheitliches Programm für sachliche Arbeit auf, das zunächst freilich ein Mindestprogramm, das aber erweiterungs- und ausbaufäh:g sein dürfte. Drei große Programmpunkte ergäben sich von vornherein als Grundlagen der Beratung: Abwehrun'i Hilfstätigkeit, kulturelle Arbeit und Aufbau Palästinas. Es kann keine jüdische Partei geben, die an einem dieser drei Punkte uninteressiert wäre. Es kann keine jüdische Gruppe geben, die an einer Wahrung der Würde des Judentums feindlichen Angriffen, moralischer Zersetzung gegenüber nicht teilnehmen wollte; ebenso wie man sich keinen Juden vorstellen könnte, der nicht mithelfen würde, die heutige Flucht der gehetzten jüdischen Massen zu einer geregelten Wanderbewegung werden zu lassen, die gehetzten Ostjuden zu schützen, in produktive Berufe zu überführen,

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