Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 36/37 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36/37 Das Jüdische Echo 373 Reihen! Erst wenn wir es wagen, uns selbst als Nation anzusehen, erst wenn wir uns selbst achten, können wir die Achtung anderer erwerben, bezw. sie kommen dann von selbst. Antisemitismus im Sinne eines psychologischen Phänomens wird es geben, solange Juden mit Nichtjuden in Berührung kommen — was schadet es? Vielleicht verdanken wir es ihm, daß wir uns als Rasse erhalten können; ich wenigstens glaube es. Wenn ich zu lesen kriege: „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“, so kann ich mich eines schmerzlichen Lächelns nicht erwehren. Was steckt in dieser schönen Bezeichnung, was ist denn jüdischer Glaube? Gibt es eine Art Unglauben, kraft dessen man aufhört, Jude zu sein? Nein. In jener Bezeichnung stecken aber zwei Geständnisse schöner Seelen, nämlich: 1. ich will nichts zu tun haben mit meinen armen jüdischen (ostjüdischen) Brüdern, 2. ich will nicht als Kind meines Volkes angesehen werden, sondern nur als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. Ist das aufrichtig? Kann der Arier vor solchen Leisetretern Respekt haben? Ich bin nicht deutscher Staatsbürger . . . aber ich bin Jude und freue mich, dem jüdischen Volke anzugehören, wenn ich dasselbe auch nicht irgendwie für ein auserwähltes halte. Lassen wir doch ruhig dem Arier seinen Antisemitismus und bewahren wir uns die Liebe zu unseresgleichen. Macht nicht böse Gesichter wegen dieses Bekenntnisses! Es ist nicht böse oder unfreundlich gemeint! Mit vorzüglicher Hochachtung gez.: A. Einstein.“ Die Juden in der Türkei Der Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinde in Konstantinopel, der gegenwärtig in New York weilt, machte interessante Äußerungen über die Lage der Juden in der Türkei Nach seinen Schätzungen befand sich dort vor dem Kriege etwa eine halbe Million Juden, deren Mehrheit unter schlechten Verhältnissen lebt. Unter dem alten Regime haben die Juden politisch nicht zu leiden gehabt, wohl waren sie aber moralisch immer benachteiligt Sie hatten nie eine genügende Anzahl von Schulen und in ihrem Kampfe ums Dasein mußten sie einer starken und unerbittlichen Konkurrenz seitens der Griechen und Armenier gegenüberstehen. Als der Krieg ausbrach, wurden die Juden zum ersten Male in großer Zahl in die Armee eingereiht. Dies hatte zur Folge, daß eine große Zahl von Soldatenangehörigen unversorgt zurückblieb und heute gibt es in Konstantinopel 14 000 Flüchtlinge. Frauen und Kinder von ehemaligen Soldaten, die nach Hilfe an die Gemeinschaft rufen. Unter diesen herrscht die äußerste Armut und die eingerichteten Volksküchen können nur im geringen Maße dieser Not steuern. Aber das größte dieser Probleme ist die Frage der jüdischen Waisen, deren es gegenwärtig ca. 3000 im Lande gibt. Unterredungmit Prof .Boris Schatz Prof. Boris Schatz, Gründer und Leiter des seit 14 Jahren in Jerusalem bestehenden kunstgewerblichen Institutes „Bezalel“, der gegenwärtig in Wien weilt, hatte im Atelier des jüdischen Malers Lazar Krestin in Wien mit der Korrespondentin der „Jüdischen Preßzentrale Zürich“ eine kurze Unterredung, in deren Verlauf er u. a. ausführte: Es ist jetzt nicht an der Zeit zu reden, es ist an der Zeit zu arbeiten und das geschieht in Palästina auch. Unsere ruhige Arbeit wird uns über alle Schwierigkeiten hinweghelfen. Niemals haben wir Juden, die wir in Palästina leben, gedacht, daß uns von Seiten der Araber Feindseligkeiten drohen könnten. Die jüdische Bevölkerung wird es nicht an persönlichen Opfern fehlen lassen, um den neuen Einwanderern an die Hand zu gehen. Zu einem 60 MiJlionen-Fonds, der hierzu benötigt wird, haben die palästinensischen Juden allein, wenn man die Summe in österreichische Währung umrechnet, fast 23 Millionen Kronen aufgebracht. Jüdische Frauen haben ihren Schmuck verkauft und den Erlös gespendet. Was den „Bezalel“ betrifft, so wird auch dieses Institut eine Erneuerung und Ausgestaltung erfahren. Prof. Schatz ist kürzlich in Neapel gewesen, wo er selbst das Kameen-Schneiden erlernt hat, um diesen Unterricht als Erwerbszweig den schon bestehenden kunstgewerblichen Kursenanzugliedern. Von den ausgebildeten Schülern des „Bezalel“ haben 8 Kunstgewerbler sich schon in Jerusalem eigene Ateliers errichtet, andere sind nach Ägypten und Amerika ausgewandert. Prof. Schatz sprach die Hoffnung aus, daß das westliche Judentum die Größe der Aufgabe, die seiner in Palästina harre, voll begreifen und in der Förderung des Aufbaues in Palästina nicht erlahmen werde. Prof. Schatz verläßt dieser Tage Wien, um demnächst nach Palästina heimzukehren. Anwürfe gegen die zionistische Leitung. Vor einigen Wochen fanden sich hier die Vertreter der „Jugendgruppe der Agudas Isroel“ Deutschlands zusammen, um sich über ihre Politik zu unterhalten und Richtlinien für diese ihre Politik hinauszugeben. Wir sind seit Langem an den Ton der maßgebenden Aguda-Kreise gewohnt und haben auch bei dieser Tagung die gleichen Stimmen gehört. Wohl gibt es bei der jungen auf die Aguda eingeschworenen Generation gar manchen stillen Freund der nationaljüdischen Bewegung; wer könnte aber gegenüber den Maßgebenden aufkommen? Wir würden die Tagung auch stillschweigend übergehen, wenn wir nicht in einem Bericht der Frankfurter „Neuen Jüdischen Presse“ eine Bemerkung gefunden hätten, welche doch eine kurze Betrachtung verdient. Der bekannte Frankfurter Agitator der „A.J.J.“, Zahnarzt Ehrmann, hat nach einem Bericht dieser Zeitung, sich anläßlich eines Referates über die Tagung in Nürnberg folgende Auslassung geleistet: „Die zionistische Leitung habe der englischen Regierung die gesamte Orthodoxie als Schleppträger germanischer Eroberungstendenzen angeschwärzt und die Orthodoxie müsse wie ein Mann gegen diese gemeine Verleumdung sich erheben.“ Wir haben von dem Redner und seinesgleichen Manches gehört, worüber wir gerne den Deckmantel der Nächstenliebe gezogen haben, aber eine derartige Leistung verdient doch an die Öffentlichkeit gezogen zu werden. Ivri. Amerikanische Liebesgaben Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin, schreibt uns: Auf Grund des von Mr. Hoover geschaffenen Systems der Versendung von amerikanischen