Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 36/37 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Das Jüdische Echo Nr. 36/37 Tradition bewahrt. Der Jude ist der Böse, der Feind. Das ist es: Albert Einstein, der Jude. Denn Jude-sein und diese unaufhörlich neuschöpfende Geistigkeit ist für den alldeutschen Kleinbürger schlechthin identisch. Wahrlich kein übler Anwurf. Kein besseres Ziel konnte es für die vergifteten Spießerseelen geben als Einstein. II. Professor Einstein hat, wie er schreibt, „auf dringende Bitten von wohlwollender Seite“ gegen diese „Antirelativitätstheoretische G. m. b. H.“ eine kurze Antwort im Berliner Tageblatt erteilt. Er versichert, daß ihm nichts ferner liege als geschmacklose Reklame und hochtönende Phrase. Das ist bezeichnend für einen Menschen seiner Qualitäten. Ein Geringerer hätte eine Zurückweisung dieser Albernheiten für unnötig gehalten. Das Genie aber ist gutgläubig, kindlich erstaunt, unroutiniert im politischen Tageskampf; so gellt er sogar auf das Sachliche ein, das man gegen ihn vorgebracht hat. Beruft sich erst auf die bedeutendsten theoretischen Physiker aller Völker, die ihn anerkennen und seine Theorie ausbauen helfen, zitiert auch einen wirklich ernsthaften Gegner, einen Experimentalphysiker, und wendet sich dann in ganz kurzen Worten gegen einen der Schreier, Herrn Gehrke, der „teils direkte Unrichtigkeiten vorgebracht, teils durch einseitige Auswahl des Materials und Entstellung beim unwissenden Laien einen falschen Eindruck hervorzubringen versucht“ habe. Am Schluß meint Einstein, „es werde im Ausland, besonders auf seine holländischen und englischen Fachgenossen H. A. Lorentz und Eddington, die sich beide eingehend mit seiner Relativitätstheorie beschäftigt und darüber wiederholt gelesen haben, einen sonderbaren Eindruck machen, wenn sie sehen, daß die Theorie sowie deren Urheber in Deutschland selbst derart verunglimpft wird.“ III. Ja fürwahr, es wird einen sonderbaren Eindruck im Ausland machen. Der im Inland scheint allerdings nicht sehr groß zu sein. Wenigstens hat man beispielsweise hier in München durch die Lokalpresse kaum etwas über die Vorkommnisse erfahren. Erst vierzehn Tage später brachten die Münchner Neuesten Nachrichten eine verschämte kurze Notiz im Feuilleton ohne ihr einen wirklichen Protest gegen diese „Kulturschmach“ — ein Wort mit dem die Blätter ihresgleichen doch so gerne herumfuchteln — hinzuzufügen. (Offenbar genierte sich der Ref., Herr W. S. (Dr. Willy Schweisheimer), gegen den wir ja schon öfters polemisieren mußten, die antisemitischen Motive der Anrempelungen zu erwähnen. D. R.) Das Wesentliche nun: Ist Einstein ein deutscher Gelehrter, ein schweizerischer oder ein jüdischer? Als Mensch ist Einstein zweifellos Jude, Jude mit deutscher Kultur, so wie alle in Deutschland aufgewachsenen und ansässigen Juden. Als Gelehrter, das ist als Verkünder seiner Lehre, aber ist er nicht Deutscher, nicht Schweizer, nicht Jude. Die strengen Wissenschaften, die Mathematik, die Physik und die Philosophie sind wohl das Einzige, in dem es keine nationale Bedingtheiten gibt. Die Struktur der mathematischen, physikalischen und logischen Gesetze ist die gleiche zu allen Zeiten und bei allen Völkern, ist die gleiche bei Ptolomäus, Descartes, Newton und Einstein. Wenn nichts, so sind diese fundamentalen geistigen Gesetzlichkeiten das alle Völkergrenzen Durchdringende, das alle Menschen bindend Umfassende, das über den Menschen Gemeinsame, das eigentlich „Internationale“. Die Lehre des Juden Einstein gehört der gesamten Menschheit, ob er in Deutschland wirkt, oder wie sein großer philosophischer Gegenpol, der Jude Henri Bergs o n in Frankreich. Nationale Grenzen für die Wissenschaftler und ihre Lehre: ein fürchterlicher Wahn, den uns das 19. Jahrhundert vererbt hat. Die deutschen Helden, die Einstein anrempeln, vergehen sich so zweifach: gegen ein im höchsten Sinne internationales Gut und gegen den Angehörigen eines wehrlosen Volkes. Und geschähe es protestlos, so müßte das Ausland wohl seine berechtigten Schlüsse über das gegenwärtige deutsche Kulturniveau ziehen. Zwar nicht die durch die Stinnespresse verseuchte deutsche Öffentlichkeit, aber wenigstens einige deutsche Forscher von bestem Ruf, v. Laue, Nernst, Planck und Lamprecht haben gegen diese Vergewaltigung des Geistes empört protestiert.*) IV. Ist es nun falsch, zu rufen: Seht ihr, das ist die Tragik der Assimilation? Falsch ist es auf den Gelehrten, richtig auf den Menschen bezogen. Dem Wissenschaftler Einstein muß auf jeder Hochschule der ganzen Welt ein Lehrstuhl bereit stehen. Der Jude Einstein sollte nur einen haben — und wir hoffen, daß er ihn in nicht allzu ferner Zeit haben wird — in Jerusalem. Selbsterhaltungstrieb und Eigenliebe verlangen heute, daß alle jüdischen Kräfte unmittelbar für das jüdische Volk wirken. Heute mehr denn je, nicht aus nationaler Habgier, sondern weil es für uns erst das Selbstverständliche zu schaffen gilt, auf dem die anderen Völker längst bauen und das eine solche hyperegoistische Gesinnung, wie wir sie jetzt haben müssen, bei ihnen zum Laster macht: die nationale Grundlage. Das würde eine erlauchte Versammlung in Jerusalem geben: Einstein, Bergson, Willstätter, Caro, Freud....: Die Tragik der Assimilation. Alle lehren unter fremden Völkern! Aber um dieser Herkunft aus ihrem eigenen, dem iüdischen Volke willen werden sie von ih^en Schülern verdächtigt und unter Schweigen der Massen von den Kleinbürgern bespien. Ihre Wissenschaft gehört der Welt, ihre Kräfte jetzt dem jüdischen Volke. Albert Einstein hat als einer der Ersten seinen Entschluß erklärt an der Universität in Jerusalem lehren zu wollen. Ein Teil der Deutschen — freilich der kläglichste — will ihn nicht, nun gut, in Jerusalem erwartet ihn die Gesamtheit des eigenen Volkes. Fritz Schiff. * * * Die Stellung Einstens innerhalb des Judentums und zum Antisemitismus erhellt ein Brief, den E. im April d. J. an dp" Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin richtete und der wie folgt lautete: „Ich erhalte heute Ihre Einladung zu einer Sitzung am 14. d. M., welche der Bekämpfung des Antisemitismus in akademischen Kreisen gewidmet sein soll. Ich würde gern kommen, wenn ich an einen möglichen Erfolg eines derartigen Unternehmens glaubte. Zuerst aber müßte der Antisemitismus und die knechtische Gesinnung unter uns Juden selbst durch Aufklärung bekämpft werden. Mehr Würde und Selbständigkeit in unseren •) Wir erfahren soeben, daß der preuß Unterrichtsminister Haenisch an Prof Einstein einen Brief gerichtet hat, in dem er die Vorkommnisse bedauert u. ihn bittet in Berlin zu bleiben. D R.