Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 36/37 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 56/57_ 10. September 1920 7. Jahrgang Rosch-Haschanah Von J. F r ä n k e 1. Schwere Tage lagen hinter uns, als wir den letzten Rosch-Haschanah begrüßten; schwarze Wolken zogen herauf als wir damals in die Zukunft schauten und eine düstere Stimmung ist es auch diesmal, unter welcher wir uns anschicken in das neue Jahr einzutreten. Wohl leuchtet uns diesmal ein Hoffnungsstrahl, wenn wir einen Ausblick auf das Land unserer Zukunft werfen, allein es wird noch ein schwerer und dornenvoller Weg sein, den wir zurückzulegen haben, bis wir das heißersehnte Ziel erreichen. Traurige Monde haben wir durchlebt, kummervolle Tage waren es, welche unser bedrücktes Volk im Jahre 5680 durchzukosten hatte. Mit blutigen Lettern ist dies Jahr in der Geschichte des jüdischen Volkes ein^egraben, Raub und Mord hat Tausende von Existenzen der jüdischen Nation vernichtet. In Ungarn, Ukraine und Polen wetteiferte die sogenannte Zivilisation um die Palme des Sieges über unser Volk, das verfolgt und ohne Schutz der Wut des Pöbels preisgegeben war. Noch sind die Folgen des furchtbaren Weltkrieges nicht abzusehen; der Volkskörper, der das schwer auf ihn lastende Fieber noch nicht überwunden hat, sucht in vielen Teilen Europas das selbst verschuldete Leid auf das unschuldige Haupt der Kinder Israels abzuwälzen. Wie viele unserer Brüder und Schwestern begehen dies Fest in ihrer Heimat besorgt um ihr Leben, wie viele sind auf der Flucht vor dem Feind und wie viele leben im fremden Lande, wohin s;e nur das nackte Leben retteten! Aber wo sie auch sein m^gen, an diesem Tage versammeln sie sich in ihren Gebetstätten um ihrem Gram und Kummer, ihren Wünschen und Hoffnungen Ausdruck zu verleihen. Gleichsam als Trost wie als Aufmunterung werden uns in den Festgebeten die höchsten Muster der Liebe und Treue, der Mutterliebe und Muttertreue vor Augen geführt. Hanna und Rahel, zwei Mustergestalten unserer Geschichte, symbolisieren das liebende Mutterherz; dL eine ist tief gebeugt, so lange sie nicht das liebende Herz der Mutter einem Sohne widmen kann, die andere entsteigt der Gruft und vergießt bittere Tränen ob des Unglücks ihrer Kinder. An diesen Gestalten, die Hoffnungen in unseren Herzen beleben, richten wir uns auf. Nicht um Rache betet Israel an seinem hohen Feste, in seinem Innern ertönen die Worte seines Gottes; „Ich will nicht den Tod der Bösen, sondern daß er von seinem Wandel lasse und sich bessere.“ Andere zerstören und verwüsten und vergessen, daß sie in ihren Gebeten die Liebe zum obersten Gebot machen, Israel bittet um Frieden nach innen und außen, und sucht ihn auch nach seinen schwachen Kräften in der ganzen Welt zu verwirklichen. Und mit diesen Gedanken wollen wir in das Jahr 568t treten. V ¥ * . Deutsche Kleinbürger gegen Einstein. i. Genies sind zu jeder Zeit von Kleinbürgern mit Gift bespritzt worden. Auch der große Physiker Albert Einstein, der Schöpfer der Relativitätstheorie, muß dies an sich erfahren. Was uns bei diesen Anrempelungen einzig angeht, sind ihre Formen und ihre Scheingründe. Angriffen dieser Art liegt niemals Liebe zur Sachlichkeit zugrunde; denn diese, und sei sie noch so fanatisch, hat es nur mit der Idee zu tun, nie mit ihrem Träger. Neid, Eifersucht, Mißgunst sind aber noch keineswegs hinreichende Erklärungen; sind unbedeutend im Vergleich zu den eigentlichen Triebkräften jener Ausbrüche geringer Geister gegen ihre großen geistigen Zeitgenossen. Diese zwingende Gewalt ist eih Trieb, ein Elementartrieb. Haß. Haß gegen das Neue, das aus dem gewohnten, eingeschulten Denken reißt, Haß gegen das Fremde, das eine seelische Umstellung fordert, Haß gegen das Unbekannte, das die geistigen Grenzen der Massen sprengt, die eigene Autorität bedroht, Haß gegen Geistesgebilde, die dem eigenen mäßigen Denkvermögen den Eintritt verwehren. Aber wer von diesen Armseligen wird je begreifen, daß dies alles nur Haß gegen die eigene Dummheit ist? Aber wie? Die Leute, die Einstein angekläfft haben, sind überhaupt nicht alle Naturforscher. Sie behaupten zwar von sich, daß sie die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher“ wären, — schade, daß sie sich nicht „ernster deutscher Naturforscher“ nennen — aber der erste Redner, der auf einer Versammlung dieser Naturforscher in der Berliner Philharmonie aufkrähte, ein gewisser Weygand, hatte nach Einsteins eigenem Urteil so wenig Ahnung von den Dingen, daß er kaum ein Fachmann sein kann. Was sagte er also, da die Relativitätstheorie seinem Gehirn nicht erreichbar? „Plumpe Grobheiten und niedrige Anschuldigungen“, wie Einstein in einer Antwort im Berliner Tageblatt erzählte. Was hätte er auch sonst sagen sollen? Dem Haß des Spießers gegen das Geistige gesellt sich noch das andere Moment, das uns näher liegen muß, das politische. Beide Kräfte wirken ineinander, gleichmäßig stark, und das Ergebnis ist jenes tragikomische Gekreisch des geisthassenden, politisch vernagelten Kleinbürgers, der nicht versteht, warum er nichts von dem Neuen begreifen kann und warum es ihm politisch übel geht. Er selbst etwa der Schuldige? Wie? Er, die Autorität für Familie, Studenten, Schüler und Untergebene. Er, dessen Untadeligkeit und Unübertrefflichkeit geweiht ist durch Erziehung und Konvention? Nein, schuld ist immer der Fremde. Und zwar immer der Fremde, der am nächsten ist, dessen Anderssein am deutlichsten erscheint und — der sich am wenigsten wehren kann. So habens die Gewaltanbeter und Geisteshasser jederzeit gehalten und die Alldeutschen haben besser denn jedes Geschlecht vor ihnen diese