Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 34/35 (27.8.1920)
- Date
- 1920-08-27
- Page
- Seite 360 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Das Jüdische Echo Nr. 34/35 Zeit an. Er besitzt aber eine überragende politische Bedeutung dadurch, daß hier Ostjudenhetze um den Preis einer Neutralitätsverletzung getrieben worden ist. Die zwangsweise Rücksendung militärischer Flüchtlinge und ihre Auslieferung an die Militärgerichtsbarkeit ihres Landes ist nicht nur vom menschlichen Standpunkt gesehen eine Barbarei, sondern läuft auf eine neutralitätswidrige Unterstützung der betreffenden kämpfenden Macht hinaus. Die deutschen Behörden durften eine derartige Maßnahme selbst dann nicht durchführen, wenn der französische General es befahl, dem ja eigene Truppen zur Verfügung standen. Daß diese nicht in Aktion traten und daß nur Juden an die Polen ausgeliefert wurden, beweist, daß die deutsche Sicherheitspolizei nicht in Ausübung einer Pflicht, sondern in Verübung antisemitischen Terrors gehandelt hat. Die „Zentralbehörden“ beginnen erst ganz allmählich zu begreifen, welch üble Suppe ihnen die Kattowitzer „Sicherheits“männer eingebrockt haben. Nachdem sie zunächst sich auf den Standpunkt stellten, daß die Rücksendung von Deserteuren „nichts mit der Neutralität zu tun habe“ — obwohl die Praxis eines fünfjährigen Weltkrieges dagegen spricht —, haben sie sich jetzt, wie wir hören, an den Fürsten Hatzfeld gewandt, um zu intervenieren. Der französische Botschafter in Berlin hat sich über die Angelegenheit Bericht erstatten lassen und wird ebenfalls Schritte bei General de Rond tun, um in Zukunft ähnliche Vorkommnisse unmöglich zu machen. Die Welthilfskonferenz Die jüdische Welthilfskonferenz in Karlsbad ist letzten Freitag geschlossen worden. Die Ergebnisse sind in Resolutionen niedergelegt, die eine Systematik der Hilfsarbeit darstellen. Die Konferenz einigte sich nach langen Debatten auf das Prinzip der konstruktiven Hilfe, d. h. auf Schaffung einer Basis für ein neues Wirtschaftsleben; die sogenannte schnelle Hilfe soll nur dort geleistet werden, wo konstruktive Hilfe derzeit unmöglich ist. Ein wichtiges Ergebnis der Konferenz ist, daß sie eine Zentralorganisation aus 29 gewählten Mitgliedern mit dem Sitze in London schuf. Den Vorsitz führt Sir Stuart Samuel. In den Resolutionen wurde beschlossen: Die neugewählte Welthilfszentrale wird beauftragt, die jüdische Emigration zu überwachen, zu stützen und zu finanzieren. Für Kinderschutz und Jugendfürsorge wird bei der Londoner Zentralstelle eine besondere Abteilung errichtet. Weitere Resolutionen befassen sich mit dem Aufbau des jüdischen Schul- und Bildungswesens in den Notstandsländern, mit der Studentenhilfe und mit der Kriegsgefangenen- und Invalidenfürsorge. Die Kommission für Wiederaufbau faßte eine Resolution, in der es heißt; Die Konferenz ist überzeugt, daß bei der internationalen Zuweisung von Rohstoffen und Krediten an die einzelnen Staaten diese allen hilfsbedürftigen Staatsbürgern ausnahmslos zugute kommen. Die Wiederaufrichtung des jüdischen Wirtschaftslebens hat in erster Reihe durch die auf Grundlage der Selbsthilfe aufgebauten Organisationen durchgeführt zu werden. Jüdisches Handwerk und Landwirtschaft müssen gefördert, die Berufsumschichtung unterstützt werden. Zwecks einheitlicher Durchführung des Wiederaufbaues sollen sich die Genossenschaften in jedem Lande in Verbände zusammenschliießen und jüdische Zentralbanken geschaffen werden. Wohnungsfürsorge für ostjüdische Hrbeiter Das Arbeiterfürsorgeamt beabsichtigt in der Nähe von Berlin Teile eines Lagers zu mieten und hier Unterkunft und Arbeitsgelegenheit für eine größere Zahl ostjüdischer Arbeiter zu schaffen. Es sei hierbei von vornherein bemerkt, daß dieser Plan nicht das Mindeste zu tun hat mit den Bestrebungen reaktionärer Kreise, ein Ausnahmegesetz gegen ostjüdische Flüchtlinge zu schaffen und diese zwangsweise in ein Konzentrationslager zu überführen; es war vielmehr ausschlaggebend für diesen Plan, daß augenblicklich in Groß-Berlin die Wohnungsverhältnisse unter den Flüchtlingen von Tag zu Tag katastrophaler werden, und daß gerade die ärmeren Flüchtlinge unter Umständen zu übernachten gezwungen sind, die ein sofortiges Eingreifen der jüdischen Hilfsorganisationen erfordern. Grundsätzlich handelt es sich also einmal um eine Entlastung des Groß- Berliner Wohnungsmarktes, also um eine Angelegenheit, die für die in anderen Gegenden Deutschlands befindlichen Flüchtlinge von vornherein ausscheidet. Auf der anderen Seite geht das Arbeiterfürsorgeamt von dem Standpunkt aus, daß jede wahllose Zusammendrängung von Menschen, die selbst mit Zwang zu einer Betätigung nicht angehalten werden, barbarisch ist und aus inneren Gründen scheitern muß. Bei der in einem Lager einzurichtenden Arbeiterkolonie handelt es sich um eine Angelegenheit, die nur unter aktiver Beteiligung der in Frage kommenden Arbeiterkategorien und unter ihrer möglichst weitgehenden Selbst- und Mitverwaltung zu einem Ergebnis führen wird. Es soll naturgemäß nicht nur Unterkunft geboten werden, sondern es sollen in ausreichender Zahl Arbeitswerkstätten zur produktiven Beschäftigung von Schneidern, Schuhmachern, Tischlern usw. eingerichtet und für eine weitere Zahl von Arbeitern Lehrwerkstätten bereitgestellt werden, in denen gerade die nur angelernten oder nicht genügend ausgebildeten jugendlichen Flüchtlinge sich in ihrem Fach vervollständigen können. Aus diesem Grunde kommt für die Arbeiterkolonie zunächst nur ein Stamm von möglichst organisierten jüdischen Arbeitern in Betracht, die von vornherein eine Atmosphäre strenger Selbstdisziplin und Arbeitslust schaffen und ungeeignete Elemente von sich heraus ausmerzen. Es wird also eine strenge Auslese der für das Lager geeigneten Flüchtlinge unter engem Zusammenarbeiten mit den Vertretern der jüdischen Arbeiterparteien stattfinden. Die Grundlage der Produktivwerkstätten soll eine genossenschaftliche sein. Wir veröffentlichen schon jetzt diese knappen Mitteilungen’, um Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden, obwohl erst dann Einzelheiten mitgeteilt werden können, wenn die Verhandlungen, die das Arbeiterfürsorgeamt wegen Überlassung genügender Baracken mit den Reichsbehörden führt, zum Abschluß gekommen sind. Die II. Internationale für ein jüdisches Palästina Die vom Exekutivausschuß der II. Internationale eingesetzte Kommission für die wirtschaftliche Lage Zentraleuropas befaßte sich über Auftrag des Kongresses mit dem Wortlaute der Resolutionen über Ungarn, die Lage der Juden in Polen und über die nationalen Rechte.