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Das jüdische Echo · 1920-08-13 · 32/33 (13.8.1920) · p. Seite 349

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
32/33 (13.8.1920)
Date
1920-08-13
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32/33 Das Jüdische Echo 349 Der pünktliche „Schames“. ln der sogenannten „Neuschul“ (Synagoge) amtierte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Schames „Josephle”. Zu seinen Schwächen gehörte das Verschlafen am Morgen. Nachdem er vom Farnes öfter ob seines Versäumnisses zur Rede gestellt wurde, beehrte er eines Morgens denselben mit folgender Anrede: „Reb Parnes, Ihr wißt, warum Ihr früh aufsteht, Ihr seid Kaufmann und müßt pünktlich im Geschäft sein, damit Ihr Eure „Mechja“ (Nahrung) verdient; ich bin Beamter, habe mein festes „Sechiros“ (Einkommen). Was machts. wenn ich später komme?“ — Der gleiche Kultusdiener pflegte am „Siimchas Thora” die Namen derer auszurufen, die beim Rundgang mit einer Sefer Thorah beehrt wurden; er sollte hiebei den Ehrentitel „Aluf weadorani“ (Euer Ehren) dem Geehrten beifügen; statt dessen pflegte er stets „Alter Veterane” auszurufen. Man kann sich die Gesichter der andächtigen Menge vorstellen. — Das Gehalt dieses Beamten war selbst für die damalige Zeit sehr minimal und er war auf die Freigebigkeit {der Gemeindemitglieder anläßlich der Festtage angewiesen. Ich erinnere mich, wie ich einst als schüchterner 11 jähriger Junge ihm den Obulus verstohlen reichen wollte, er in erregter Weise mich anschrie: „Du brauchst Dich nicht genieren, wenn Du zu wenig bringst; das soll sich die „Kehilla“!! Der gewissenhafte Schames. In einer anderen Synagoge der Gemeinde pflegte ein alter Trödler diese einträgliche Stelle zu versehen. Zur Zeit als wieder einmal für den Winter der Kohlenbedarf zu decken war, kam der gute Mann zum Vorstand mit der Anrede: „Herr Parnes, heuer brauchen wir 10 Zentner Kohlen mehr, wir haben ein Überjahr (Schaltjahr), da ist ein Monat länger Winter.“ Das bestrafte Gemeindemitglied. Anfangs der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts lebte in unserer Kehilla ein Gemeindemitglied, dem kein Religionsunterricht gefallen wollte. Ein alter Lehrer wollte den anspruchstfONCHNER ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND LEBEN iZDMR &NZ&NWIMkR 1MK-80 VERLAG DERAUGEND'PltfNCHEN) vollen Mitbürger von ^er Güte seines Unterrichts überzeugen und lud ihn ein, einer Unterrichtsstunde beizuwohnen. Nachdem der gute Mann ein Viertelstündchen den Erklärungen des Schulmannes beigewohnt hatte, erhob er sich und verließ unter dem Ausruf: „Herr Lehrer, der ganze Unterricht ist Utz“ das Zimmer. Mann kann sich die überaus laute Heiterkeit der 11 und 12’ährigen Jugend denken. Da nun die zukünftigen Gemeindemitglieder diesem Ausspruch des Kritikers weiteste Verbreitung sicherten, sah sich der Beleidigte veranlaßt, den Schwerverbrecher vor den Bürgermeister der Stadt zu Inden, um hier Genugtuung zu erlangen. Durch Beschluß des Stadtoberhaupts wurde der Angeschuldigte verurteilt in der Schulstube vor versammelten Schülern Abbitte zu leisten, d. h. zu widerrufen. Und so erschien eines Morgens der biedere Kritiker nochmals im Schulraum um folgende Ansprache zu halten: „Herr Lehrer, ich habe gesagt, Ihr Unterricht ist Utz, der Bürgermeister hat gemeint er ist kein Utz, und so sag auch ich jetzt, er ist kein Utz.“ J. F. Legende *) von Otto A b e 1 e s. Diie Abendglut verloht. Die Welt ist still. Nur hoch am Berge Nebo flüstern Bäume Vom keuschen Wunder erster Lenzempfängnis. Schon naht mit weiten, weichen Flügelschlägen Vom Horizont das große Abendschweigen Und schmiegt sich linde um die Bergeslehne. Ein voller Silberstrom des jungen Mondes Bricht durch die Wolken. In dem weißen Lichte Verstummt das letzte leise Wipfelraunen. Da tönt hoch, hoch im Wald ein Wunderklimgen Und tönt wie Wechselsang von Priesterstimmen, Die Frauenchöre zu den Sternen leiten. Das ist der Quell der Sehnsucht, den Jehovah Schlug aus dem Berge, da sein Diener Möses Mit trunknem Blick das weite Land erschaute Von Gilead bis Dan, Ephraim und Manasse. Das holde Tal Jericho sah und ganz Naftali Und Juda bis zur blauen Meeresküste, Ein einzigmal das Land im Blütenkleide Des Frühlings sah, die Arme breitete Und gottergeben zu den Steppen Moabs Mit schwanken Schritten niederstieg und starb. * * * Alljährlich, wenn die Mandelknospen springen Und Liliendüfte um die Zedern wehen Klingt durch die Nacht der Quell am Berge Nebo. Die jäh erstickte Sehnsucht des Propheten, Die höchste Lust, das höchste Leid der Stunde, Da er, dem Tod geweiht, das teure Land In Schönheit sah und nicht betreten durfte, Ist eingeschlossen in den schwellenden Akkorden. Und machtvoll wächst das wundersame Klingen Strömt auf zum Firmament und zieht gen Norden Und sucht und findet in der stumpfen Menge Geweihte Seelen, die das Erbe tragen Des auserwählten Volks durch Not und Schande, Begnadete, die um das Gut nicht wissen, *) Aus dem Gediehtenbuch: „Die Genesung“ von Otto Abeies, Verlag R. Löwit, Wien-Berlin.

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