Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 32/33 (13.8.1920)
- Date
- 1920-08-13
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 32/33 343 berauben. Darum hat es keinen Sinn die Zeit mit Beteuerung seiner Unschuld zu verbringen. Es hat auch keinen Sinn, von einer kommenden Verschiebung der Machtverhältnisse etwas Günstiges für die Juden zu erwarten. Sinn hat nur, daß wir unser Geschick selbst in die Hand nehmen, in Palästina und in der Diaspora; dann werden wir selbst das darstellen, was ein Volk im Lebenskämpfe sein muß, und was unsere Väter durch ihre Religionsverfassung waren, ein Machtfaktor, nicht zur Überwindung fremder Völker — wie dies abendländisches Denken sofort mit dem Begriff Machtfaktor verbindet —, sondern zur Erhaltung der eigenen Existenz. Der „objektive“ Kampfbund Obwohl das Kapital sich ja, wie die Antisemiten behaupten, zum weitaus größten Teil in jüdischen Händen befindet, ist es dem Antisemitismus dennoch möglich, seinen Kampf mit derartigen Mitteln zu führen, daß man annehmen muß. daß die Antisemiten doch nicht am Hungertuche nagen. Im Gegenteil, sie erfreuen sich ja der besonderen Sympathie des fast durchweg nicht jüdischen Industriegroßkapitals und der erst recht gewiß nicht jüdischen Großgrundbesitzer Preußens. So kommt es, daß den Antisemiten ganz ungewöhnliche Geldmittel zur Verfügung stehen, mit denen sie von allen Seiten und in allen möglichen Gewändern die Juden anzugreifen suchen. Die „national - sozialistische Arbeiterpartei“, der „Schutz- und Trutzbund“, der „deutschvölkische Arbeitsring“ und der „Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“ u. ä. sind ihre Schöpfungen, dazu noch eine ebenfalls mit großen Mitteln ausgestattete Presse. Ein beliebtes Mittel besteht darin, in Plakaten nachzuweisen, daß die Juden Schuld an dem Elend des deutschen Volkes haben, sich auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung bereichern und das Vaterland fortgesetzt an das Ausland verkaufen. Bis jetzt schien uns kein Grund vorzulfegen, gegen dieses alberne Gewäsch auch nur ein Wort zu sagen. Wenn aber jetzt der „Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“ unter angeblicher Wahrung vollster Objektivität nur gegen die Schieber vorzugehen behauptet und dabei die ungeheuerlichste Judenhetze treibt, so scheint es an der Zeit, dieser scheinheiligen Gesellschaft einmal die Maske vom Gesicht zu reißen. Kein vernünftiger Jude hat Ursache zu leugnen, daß sich unter den Schlemmern und Prassern, die augenblicklich das bayerische Hochland bevölkern, eine beträchtliche Anzahl von Juden befindet, und wir sind die letzten, die das Treiben dieser Gesellschaft etwa in Schutz nehmen wollen. Wir halten diese widerliche Erscheinung bei uns aber für eine Assimilation an die ungeheuere sittliche Verlotterung der gesamten bürgerlichen Gesellschaft Europas. Diese Leute, die man in den Sommerfrischen einmal konzentriert zu Gesicht bekommt, stellen aber nicht gerade die Blüte unseres Volkes dar. Wir haben keinen Grund, diese Menschen von uns abzuschütteln, denn sie sind und bleiben Juden wie wir. Wir haben aber wohl die Pflicht, auf sie erzieherisch einzuwirken, in ihnen das Bewußtsein für die höchste sittliche Pflicht, die Rücksicht auf die Nebenmenschen und auf den Staat, dessen Bürger sie sind, zu erwecken. Diese gleiche Gesinnung wünschen wir auch dem „Kampfbu'nd zur Brechung der Zinsknechtschaft“. Würde er sich unter seinen deutschen Volksgenossen einmal genauer umsehen, so würde er finden, daß die Zahl derjenigen Deutschen, die ihr eigenes Volk und den deutschen Staat ausbeuten, bewuchern und begaunern im Verhältnis nicht minder groß ist. Dürfen wir sie zur Auffrischung ihres Gedächtnisses vielleicht erinnern, wie zahllose Militärs während des Krieges mit den Intendanturräten der Etappe auf vertrautestem Fuß standen und Warenladungen auf Warenladungen nach Hause schickten, wie das rheinisch-westfälische Großkapital rücksichtslos für seine privaten Interessen Leben, Gesundheit und Gut von hunderttausenden Deutschen aufs Spiel gesetzt hat? Wir könnten noch von so viel Dingen reden, z. B. von Bauern und Landwirten, die, wenn sie nicht einer völligen Lebensmittelsabotage sich befleißigen, doch durch ihre Preistreiberei die Existenz Deutschlands aufs Ungeheuerste erschweren. Das eine mag man den Antisemiten zugestehen: Die deutschen Ausbeuter sehen weniger provozierend aus. als die jüdischen, sie treiben ihr Geschäft unter der Biedermannsmaske und sind die ersten, die auf die Juden schimpfen. Wollten wir aber nun, wie es die Antisemiten tun, von den schlechten Elementen auf das ganze Volk schließen, dann müßte unser Urteil über das deutsche Volk geradezu vernichtend sein. O nein, wir wissen sehr gut, daß die überwiegende Majorität des deutschen Volkes anderer, reiner Gesinnung ist und mit den Elementen, die gerade den Antisemiten sicherlich nicht fernestehen, in keiner Weise identifiziert werden darf. Das neue Plakat des „Kampfbundes“ geht mit großem Raffinement vor. Zuerst behauptet es, daß es sich nur gegen Schieber ohne Unterschied von Rasse und Religion wende, dann wird gesagt, 70 Prozent aller Kurgäste in Oberbayern seien Juden, plötzlich sind 98 von 100 daraus geworden und am Schluß, nachdem man entrüstet den Gedanken an Judenpogrome abgelehnt hat. stellt man fest, daß durch den Kampf gegen Schieber fast nur Juden getroffen würden. Zwischendurch leistet man sich noch eine kleine historische Fälschung, indem behauptet wird, daß die Juden im frühesten Mittelalter das gesamte Nationalvermögen Deutschlands in Händen gehabt hätten und daß sie deshalb in das Ghetto gesperrt worden wären; aber historische Kenntnisse kann man schließlich von diesen Leuten nicht verlangen. Wenn es dem „Kampfbund“ wirklich ernst wäre mit der Brechung der Zinsknechtschaft, dann hätte er reichlich Gelegenheit, vor seiner eigenen Türe zu kehren und sich vor allem um diejenigen seiner eigenen Volksgenossen, die ihre Mitmenschen mißbrauchen, zu kümmern. Er hätte dann nicht nötig, die deutsche Öffentlichkeit mit Lügen gegen die Juden aufzuhetzen und unter der Maske anständiger Gesinnung zu reaktionären und gewiß alles anderen, als sozialen Zwecken das deutsche Volk verführen zu wollen. Joseph Michael. Äus vergangenen Zeiten in einer alten bayerischen „Kehilla“ Jede alte Gemeinde hatte ihre Originale, welche zur Unterhaltung der Kehilla beitrugen und dem unfreiwilligen Humor zu seinem Rechte verhalten. Ganz besonders war eine alte bayerische „Kehilla” mit Leuten solchen Schlags gesegnet und nur Wenige werden sich dieser Gestalten noch erinnern. Im Folgenden seien einzelne Episoden aus dieser Gemeinde erzählt: