Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 28/29 (16.7.1920)
- Date
- 1920-07-16
- Page
- Seite 322 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Das Jüdische Echo Nr. 28/29 Vereins wahrten und weit davon entfernt waren, dem Nationaljudentum in politischer Beziehung irgend eine Konzession zu mathien. Immerhin hielten sie es für ihre Pflicht, darauf hinzuweisen, daß man bei der Abwehrtätigkeit praktisch in einem gewissen Umfang mit den Zionisten arbeiten könne, und daß jedes Trennungsstrich-Judentum durchaus zu verwerfen ist. Man erlasse uns die Wiedergabe der Ausführungen, die man von der andern Seite hören mußte. Bei dieser Richtung heißt es: nichits gelernt und nichts vergessen. Es wäre zweckmäßiger gewesen, einen Phonographen aufzustellen, der die Reden der Vereinsgrößen aus den letzten 20 Jahren wiedergegeben hätte, als den falschen Eindruck zu erwecken, als könnte man irgend etwas Neues Vorbringen oder hätte überhaupt etwas für die jüdischethische Kultur Belangreiches vorzutragen. Kein Wunder daher, da'ß in der so vollständig einseitig informierten Versammlung die Unversöhnlichen den Sieg davontrugen und Männer, wie der maßvolle Syndikus Dr. Levinger. also der offizielle Vertreter der Vereinstendenzen, in der Minorität blieben. Im Übrigen verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß ein Redner sich bemüßigt fühlte, die Anwesenden ernstlich darüber zu beruhigen und zu trösten, daß auch bisher der Vorstandschaft kein Nationaljude angehört hat. Die Anwesenden konnten bei dieser Feststellung erleichtert aufatmen. Als ob es jemals einen Gegenstand des Ehrgeizes für einen jüdischen Nationalen gewiesen wäre, dem Münchner Gruppenvorstand des Z.V. anzugehören! Was aber besonders nicht nur die wenigen anwesenden Nationaljuden, sondern sicherlich auch die traditionellen Mitglieder auf das Schwerste verletzen mußte, war diie Art und Weise, wie aus dem hiezu unberufensten Munde von liberaler Seite mit Emphase fortgesetzt als das Einigende unsere heilige Religion verkündet wurde. Zu jenen Zeiten, zu welchen der in unserer Gemeinde noch unvergeßliche Rabbiner Professor Dr. Werner in den Versammlungen des Vereins das große Wort mit bekannter Meisterschaft führte, hatte man wenigstens noch den Eindruck, daß wenigstens bei diesem Vertreter „der jüdische Glauben“ im Wappenschild des Vereins eine echte Marke war. Sein Judentum war so stark ethische und religiöse Kultur, daß es jede Trennung in der praktischen Mitarbeit nach der nationalen oder ostjüdischen Seite hin mit Entrüstung zurückwies. Wenn dies heute anders geworden ist. so mögen die auf traditionellen Standpunkt stehenden Vereinsmitglieder sich ernstlich die Frage vorlegen, ob sie dem hiesigen Verein, der im Großen und Ganzen nur mehr ein Ableger des Liberalen Vereins ist. oder wenigstens nur als Sprecher Mitglieder dieses Vereins und K.C.er vorschickt, noch länger angehören können. Zusammenfassend möchte ich den Eindruck der Versammlung als den eines durchaus verlorenen Abends bezeichnen. Das Niederschmetterndste war wohl für den wahrhaft jüdisch Empfindenden, das Gefühl, stundenlang in einem jüdischen Milieu geweilt zu haben, in dessen Mehrzahl auch nicht der leiseste Anklang an eine jüdische Herzenskultur zu vernehmen war. Mögen sich doch die Herren vom Z.V. die Frage vorlegen, woher es kommt, daß im Nationalljudentum auch in Deutschland große Dichter und Künstler ihre höchsten Ideale verwirklicht sehen und mögen sie es sich weiter gesagt sein lassen, daß die National-Juden den Zentral-Verein auch auf seinem eigentlichen Gebiet der Abwehrtätigkeit durchaus entbehren können, während andererseits der Zentral-Verein in ihnen die bestinformiertesten, kampferprobtesten und opferbereitesten Kämpfer gefunden haben würde. Justizrat Dr. Emil Fränkel. * * * „D . . . Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Die Ortsgruppe Danzig des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beabsichtigte eine Versammlung einzuberufen. Als die Einladungen versandt werden sollten, bemerkte ma'n eine Schwierigkeit: die Verwendung der Bezeichnung „deutscher Staatsbürger“ entsprach nicht mehr den Tatsachen und wohil auch nicht dem Respekt vor dem neuen Staatswesen, den man zweckmäßigerweise von Anfang an nicht außer Acht lassen durfte. Die vorbehaltlose und schleunige Übernahme des Begriffes „Da'nziger Staatsbürger“ hätte der bisher bekundeten Stärke der deutsch-völkischen Gesinnung nicht entsprochen. Aus dieser Verlegenheit half ein offensichtlich vom Schicksal gefügte Übereinstimmung der Anfangsbuchstaben. Die Einladungen wurden im Namen des „Zentralivereins D. Staatsbürger jüdischen Glaubens“ versendet. Die nicht eben übertriebene Deutlichkeit dieser Bezeichnung gestattet eine Auslegung nach Bedä'rf und bildet in der Tat einen treffenden Ausdruck für eine Art der Unab- Iöslichkeit. die doch keineswegs darauf verzichtet, sich auf den „Boden der gegebenen Tatsachen“ einzurichten. Wie leicht haben es, im Gegensatz zu den armen Staatsbürgern, die solche Schwierigkeiten tapfer und elegant zu überwinden haben, die Zionisten, denen die grobe Eindeutigkeit des iüdisch-nationalen Bekenntnisses eine Sicherheit fürs Leben gibt. * * * Neuerdings hält es der „Zentral-Verein“ auch für seine Aufgabe, den Zionismus bei Rabbinerwahlen zu bekämpfen. Die „Jüdische Presse“ veröffentlicht im Wortlaut einen Brief des Vorstandes, in dem gesagt wird, es sei notwendig, daß bei Neubesetzung eines bestimmten Rabbinats kein Zionist und kein „Neutraler“, sondern ein Zentralvereinler* gewählt werde. — Auf diese etwas merkwürdige Weise wird eine Beziehung hergestellt zwischen dem „deutschen Staatsbürger“ und dem. „Jüdischen Glauben“. Nürnberger Brief Das Nürnberger Stadttheater hat eine neue Direktion und eine neue Besetzung erhalten. Auch Herr Direktor Pennazini verlegt — unter Segenswünschen seiner zahlreichen Anhänger den Sitz seiner künstlerischen Betätigung anders wohin. Vielleicht hält — man wagt es kaum zu hoffen — jetzt die Kunst ihren Einzug in das pompöse Gebäude am Frauentorgraben. — Leider kam der große Wechsel zu spät, um ein arges Unrecht gegen den jüdischen Dichter Arnold Zweig, ein nicht geringeres gegen den jüdischen Namen selbst zu verhindern. Dies Unrecht bestand in der Aufführung von Arnold Zweigs Drama „Semaels Sendung“. Man kann nicht sagen, daß Semaöls Sendung“ zu den besten Werken Arnold Zweigs gehört. Die Szenen „Im Reiche des himmlischen Lichtes“ und die in der Sphäre einer sehr irdischen Kriminaljournalfstik wollen sich nicht recht verbinden. Aber mag hier und da fast das Banale gestreift werden, der dem Stücke zugrunde liegende künst-