Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 28/29 (16.7.1920)
- Date
- 1920-07-16
- Page
- Seite 321 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28/29 Das Jüdische Echo 32! Segen die jüdische Einwanderung mobil zu machen versuchte. Palästina hat Platz für Araber und Juden. Die jüdischen Ärzte, die sanitären Einrichtungen, Schulen. Straßenbau und vieles andere, nicht zuletzt die intensivere Art der Bodenbearbeitung, werden den Arabern so gut zunutze kommen wie uns. Und da wir wohll nationales Wollen haben, uns aber jeder Chauvinismus fehlt, werden Araber und Juden in Palästina ein freies, schönes Leben führen. Die Schwierigkeiten, die noch auf dem Wege liegen, sind groß. Es wäre falsch, sie übersehen oder verkleinern zu wollen. Aber sie sind überwindbar. Denn immer noch hat starker, z i e 1. b e w> u ß t e r Wille Unmögliches möglich g e m a c ,h( t. Und; es ist wahrlich eine Sache, die höchster Anstrengung wert ist. Und die deutschen Juden? Einzelne beginnen zu verstehen, daß sich hier etwas vollzieht, an dem mitzuarbeiten sich lohnt. Aber über dieser Erkenntnis liegt noch so dicht, daß sie sich nicht recht ans Licht wagt, das Bedürfnis nach Ungestörtheit und die Angst, daß das nationale Judentum die Gleichberechtigung gefährdet und den Antisemitismus vermehre. Nichts ist falscher als solche Auffassung. Unser Leben nach den Wünschen der Antisemiten einzurichten, ist unmöglich. Der Antisemitismus kann nur überwunden werden, wenn es uns gelingt, dem jüdischen Namen wieder Achtung zu erzwingen. Der Aufbau Palästinas wird dazu Gelegenheit geben. Es ist bekannt, daß Wir Juden als Gesamtheit für alles verantwortlich gemacht werden, was ein einzelner von uns tut. Jetzt sind wir, zum erstenmal seit zweitausend Jahren, im Begriff, eine ganz neue, ganz große, gemeinschaftliche Sache zu tun: den Aufbau unseres alt-neuen Landes. Und ob die deutschen Juden sich daran beteiligen oder nicht: der Aufbau wird eine jüdische Gesamtangelegenheit sein und wird a 11 s solche in der W e 11 empfunden werden. Das Werk kann gelingen, wenn jeder seine letzten Kräfte anspannt. An diesem Werke werden die Völker ihre Einstellung zur Judenfrage prüfen und, wenn es gelingt, revidieren. Es muß gelingen. Palästina schön aufz u b a u e n. Denn niemand wird1 sich reinwaschen können mit dem Hinweis: „ich war immer daL gegen“ oder „ich war uninteressiert“. Ganz Israel bürgt für einander. Wenn der Aufbau Palästinas mißlingt, dann werden alle antisemitischen Lügen vervielfacht und: mit einer noch größeren Zugkraft wieder auf tauchen: von der mangelnden Tätigkeit der Juden, aufbauend zu wirken, von ihren zersetzenden Anlagen bis zu dem Argument, daß wir nur Kaufleute und Akademiker nicht aber Bauern und Arbeiter sein können. Gelingt es aber, dann werden auch die nicht hinübergehenden Juden Anteil haben an der neuen Achtung, die der Aufbau Palästinas dem Namen Jude erzwungen hat. Auch die deutschen Juden haben Anteil an dem Werk. Von der Londoner Leitung der zionistischen Weltorganisation ist es ausdrücklich ausgesprochen worden, daß es keinen Unterschied zwischen Juden der ehemals alliierten und der ehemals feindlichen Länder, zwischen Juden aus den Ländlern mit schlechter und solchen aus den Ländern mit guter Valuta geben wird. ADle werden zur Mitarbeit aufgerufen, die das nationale Heim der Juden in Palästina errichten helfen wollen. Nicht Zahlen, sondern Werte entscheiden. Ein Werk des Friedens soll geleistet werden. Nach Jahren völkertrennenden Mordens ein großes, völkerversöhnendes Werk. Die deutschien Juden dürfen sich nicht der Möglichkeiten begeben, die sich ihnen bieten. Sie dürfen sich nicht selbst ausschließen. Fast tausend Jahre sind es her, da wurden deutsche Juden unter den gräßlichsten Beschuldigungen aus Deutschland vertrieben. Die Dreiländersynode in Lublin beschloß damals tätige Hilfe. Denn damals waren die polnischen Juden die wohlhabenden und angesehenen, die den vertriebenen und ausgeplünderten deutschen Juden die Hand entgegenstreckten. Das Blatt hat sich gewendet. Und die Vorgänge in Ungarn sollten uns zu denken geben. Die deutschen Juden werden zu tätiger Mitarbeit aufgefordert, ja aufgerufen. Man duldet ihre Mitarbeit nicht nur. man verlangt nach i h r. Wollen wir uns ihr entziehen? Ganz Israel bürgt für einander! Die Mitgliederversammlung des „Central-Vereins“ München vom 30. Juni Nachdem die Mitgliederversammlung der hiesigen Ortsgruppe vom 22. Juni einen so stürmischen Verlauf genommen hatte, daß von den damals als gewählt festgestellten Vorstandsmitgliedern ein Teil die Wahl unter diesen Umständen abgelehnt hat, fand es die Leitung doch geraten, eine neue Versammlung einzuberufen, um wenigstens dem Vorwurf zu entgehen, den Wahlakt ohne die üblichen parlamentarischen Formen arrangiert zu haben. Der Verlauf der neuen Versammlung, in welcher die Hauptreferate den Vertretern beider Richtungen anvertraut waren, brachte den in die Wesensart und Agitationsmethode einigermaßen eingeweihten Mitgliedern keinerlei Überraschung. Selbstverständlich siegte die schärfere Tonart, die den Kampf gegen das nationale Judentum und die Betonung der Trennung zwischen Ost- und Westjudentum zu ihrem Hauptprogramm gewählt hat und die gemäßigte Richtung, als deren Vertreter Rechtsanwalt Dr. Ma*x Feuchtwanger und der gegenwärtige Syndikus Dr. Levinger. die bisherige Kampfesmethode der Mehrheit der Vorstandsmitglieder scharf verurteilte, unterlag dank dem geschickten Arrangement der Sitzungsleitung. welche die Debatte, nachdem von den Diskussionsrednern genügend Liberale und K.C.er mit ihren mündlichen und schriftlichen programmatischen Erklärungen gehört worden waren, abschnitt, so daß a'lle Redner der andern Richtung vergewaltigt wurden. Überhaupt atmete die ganze Versammlung durchaus reinen studentischen K.C.er-Geist. Der Sitzungsleiter schien dafür kein Verständnis zu besitzen, daß es noch eine erhebliche Zahl von Mitgliedern gibt, nach deren Auffassung die reine commentmäßige Erledigung der Fragen jüdischer Politik weder jüdischen noch modernen Anschauungen genügt. Es braucht nicht betont zu werden, daß die Herren Dr. Feuchtwanger und Dr. Levinger durchaus den offiziellen Standpunkt des Zentral-