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Das jüdische Echo · 1920-07-16 · 28/29 (16.7.1920) · p. Seite 320

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
28/29 (16.7.1920)
Date
1920-07-16
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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320 Das Jüdische Echo Nr. 28/20 stina. Glaubt Herr Paul Nathan wirklich, daß „die Summe von Möglichkeiten, die nicht gering zu veranschlagen sind“, durch „humanitäre Betätigung“ realisiert werden können, daß humanitäre Betätigung die Kraft haben kann, die Menschen und die Geldsummen zu schaffen, die aufopfernde, hingebungsvolle Arbeit zu erzeugen, die der Aufbau des jüdischen Palästina braucht? Eine so völlige Verkennung der Sachlage, wie sie im Schreiben Paul Nathans zutage tritt, konnte nicht erwartet werden, angesichts der Tatsache, daß das an England erteilte Mandat, ausdrücklich die Errichtung eines jüdisch - nationalen Heims vorsieht. Ist das etwa eine Angelegenheit der englischen Juden? Herr Nathan ist englischer als die Engländer. Dort denkt man nicht daran, Palästina für die Juden bestimmter Länder zu reservieren. Palästina ist für das jüdische Volk. Das ist die politische Situation, welche die jüdisch-nationale Bewegung erkämpft hat und der man mit so kleinen und durch nichts begründeten Bedenken, wie sie Nathan äußert, nicht entgegentreten darf. Nathan kennt besser als irgendeiner die Stellung, die die deutschen Juden vor dem Kriege in der jüdischen Welt hatten, und die nach Möglichkeit wieder zu erringen sie aus tausend Gründen a'lle Anstrengung machen müßte. Er muß aber auch die ungeheueren Pflichten kennen, die den deutschen Juden als unmittelbare Nachbarn der jüdischen Massen Osteuropas erwachsen und die gegenwärtig gröblich vernachlässigt werden. In beiden Richtungen verurteilt man sich mit „humanitärer Betätigung“ etwa nach Art des Hilfsvereins zu Belanglosigkeit. Die Gedankengänge Nathans verraten deutlich die Gewohnheit, sich in jüdischen Dingen nicht ausschließlich von jüdischen Interessen leiten zu lassen. sondern sie mit der Landes Politik zu verquicken. womit erfahrungsgemäß beiden Teilen nicht gedient ist. Die Frage ist aber eine andere. Möchte Paul Nathan oder irgend ein verantwortungsvoller deutscher Jude von den „nicht gering zu veranschlagenden Möglichkeiten in Palästina“ die deutschen Juden ausgeschlossen wissen? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Niemand wird das wollen. Die deutschen Juden wollen Teil haben an Palästina und wollen Teil haben an den großen Pflichten für den Pal ästin a-Auf bau. an den Opfern und der angestrengten Arbeit, die die Juden aller Länder für das nationale Heim des jüdischen Volkes zu leisten haben. Diesen Willen in all den Kreisen zu wecken oder zu stärken. in denen er noch nicht ausgeprägt ist, wäre aber Aufgabe der führenden deutschen Juden aller Richtungen, denn wir müssen aufhören, den Palästina-Aufbau als Parteisache anzusehen. In dieser Richtung hat man Folgerungen aus den Gedankengängen Nathans in seinem Aufsatz in der „N. Fr. Pr.“ erwartet. J. Gl. Der Anteil der Juden am Aufbau Palästinas Von Dr. Georg W o 11 s t e i n , Berlin, z. Z. München. Eine Glückchance, wie sie Menschen in Generationen nur selten sich bietet, ist uns heute lebenden Juden in den Schoß gefallen. Aus den Trümmern dieses Weltkrieges, aus den ins Unermeßliche gesteigerten Qualen unserer Brüder dringt ein Hoffnungsschimmer zu uns: die Judenfrage ist eine politische Frage. geworden. Alle Mächte, die Mächte der Entente sowohl wie die Mittelmächte, haben sie als eine zu lösende erkannt. Sie alle haben den Willen bekundet, das älteste Unrecht der Geschichte wieder gutzumachen. und in San Remo haben die Versprechungen der Kriegszeit ihren Niederschlag gefunden, ist der Weg zur Lösung der Judenfrage gewiesen worden. Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß es eine deutsche, englische, russische Judenfrage gibt. Ein Irrtum, dem sich sehr viele Juden, besonders wo es ihnen erträglich geht, hingeben, und der bereits verhängnisvolle Wirkung gezeitigt hat. Ein Blick nach Ungarn sollte uns belehren. Noch vor zehn, nein, noch vor drei Jahren lebte in Ungarn ein Judentum, das sich als Vorkämpfer des Magyarentums fühlte. Dieses ungarische Judentum lebte in Verhältnissen, die sie auf die armen, ihres Glaubens wegen nicht völlig gleichberechtigten deutschen Brüder mit Mitleid und — Geringschätzung herabschauen ließen. Denn das ungarische Judentum stellte vor und während des Krieges, nicht etwa erst nach der Revolution, dem Magyarentum Minister und Generäle, Gelehrte und Künstler. Und Antisemitismus war dort fast unbekannt. Einige wenige jüdische Bolschewisten haben genügt, und heute wandert das ungarische Judentum. mit seinem Päckchen auf dem Rücken, von Haus zu Haus. Versucht, möglichst unerkannt sich über die Grenze zu schmuggeln, drückt und zwängt sich hinein in die Scharen der galizischen Flüchtlinge, in der Hoffnung, nicht als Magyaren erkannt, sondern für Galizianer gehalten zu werden. Was vorgestern — im Mittelalter — in Deutschland war, was gestern und heute in Polen, in der Ukraine und in den Ländern des ehemaligen Rußland ist, was heute in Ungarn sich vollzieht, kann heute oder morgen sich überall ereignen, wo Juden leben. Wenn nicht endlich Ernst gemacht wird mit dem Willen, die Judenfrage als ein einheitliches Problem zu sehen und an ihre radikale Lösung hera'nzugehen. Der 24. April 1920 hat die Grundlage geliefert. Die Konferenz in San Remo hat beschlossen. England das Mandat über Palästina zu erteilen unter der Verpflichtung, daraus eine jüdisch-nationale Heimstätte zu machen, wobei ausdrücklich betont wurde, daß die Rechte keines Juden in keinem Lande beeinträchtigt werden dürften. So kann die jüdische Welt jetzt an den Aufbau Palästinas gehen. Die Chikanen türkischer Mißwirtschaft werden uns nicht mehr stören. Die englischen Militärbehörden, die, wie wohl jede Militärverwaltung, kein Nutzen für das Land gewesen sind, sind abberufen. Herbert Samuel, der langjährige englische Postminister und Minister des Innern, ein bewährter und warm fühlender Zionist ist zum Generalgouverneur ernannt und ist nach fruchtbaren Besprechungen mit dem Papst auf dem Wege nach Palästina, seinem neuen Wirkungskreis. Die Araber, die, nationalistisch verhetzt, noch im letzten Augenblick dachten, die jüdischen Forderungen durch Veranstaltung antijüdischer Pogrome und Demonstrationen nach europäischem Muster verhindern zu können, scheinen sich nun mit den vollendeten Tatsachen abzufinden. Und wenige Jahre werden genügen, um ihnen vollends zu beweisen, daß man sie schlecht beraten hat, als man sie

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