Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1920-07-02 · 27 (2.7.1920) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
27 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9072829-9102977-9140743--03593-9076418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 27 Das Jüdische Echo 311 „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!“ Dr. E. F. * * * Nach Schluß der Redaktion erhalten wir Nachricht von der am 30. Juni stattgefundenen 2. Mitgliederversammlung des C. V. Dank einer Zionistenhetze —. man kann es kaum anders nennen —• siegte die Richtung, deren Programm Kampf gegen den Zionismus ist. Man wird also damit zu rechnen haben, daß der C. V. künftig, die Erfolge, die er gegen den Antisemitismus nicht erzielte, in d>er Bekämpfung des Zionismus suchen wird. Wir bedauern diese neuerliche Kampfstellung besonders. Es wird sich zeigen, daß damit zwar nicht der Zionismus, wohil aber das Interesse der jüdischen Bevölkerung schaden leiden wird. Es wird sich zeigen, ob die führenden Männer im C. V. im Interesse der jüdischen Gesamtheit handelten, als sie unsere eindringliche Mahnung zur jüdischen Einheitsfront, deren Notwendigkeit eine Lehre der Wahlen ist, in den Wind schlugen. Dem Zionismus wird der Kampf nicht schaden, den man ihm aufzwingt; er ist noch aus jedem Kampf gestärkt hiervorgegangen. Schaden leiden wird die jüdische Gesamtheit. — Die neue Vorstandschaft des C. V. besteht aus dten Herren: Dr. Auerbach. Rabb. Dr. Baerwald, Dr. Fritz Baron, Dr. Max Feuchtwanger. Dr. Heilb rönne r. Julius Heß, Dr. L. Kaumheimer, Adolf Lang, Leopold Lehmann, August Mittelberger, Eugen Neustätter, Leo Pickart. — R.-A. Levinger wuirde nicht gewählt. Antisemitismus in der Schule Folgender Bericht aus dem Münchner Stadtrat bedarf keines weiteren Kommentars: „Im Stadtrat gab Bürgermeister Schmid nachstehende Erklärung ab: In der ersten Sitzung der Schulpflegschaft der protestantischen Schule am Winthfirplatz ha't das Mitglied dieser Pflegschaft Stadtpfarrer Kreppel gegenüber dem Vorsitzenden Stadtrat Dr. Epstein die Erklärung abgegeben, daß er und zahlreiche Eltern darüber ungehalten seien, daß der Stadtrat ihnen zumute, unter einem nichtchristlichen Vorsitzenden tätig zu sein, und daß sie dies ablehnen müssen; diesem Protest ha't sich der Ausschuß der protestantischen Elternvereinigung in einem Schreiben an den Stadtrat angeschlossen. Der Stadtrat stellt demgegenüber fest, daß die Bestellung der Schiulpflegschaftsvorsitzenden nach den gesetzlichen Bestimmungen in der Weise erfolgte, daß der jeweilige Verwaltungsrat ohne weiteres den Vorsitz der Schulpflegschaft führt; die Bestellung der Verwaltungsräte der einzelnen Schulen erfolgte sofort nach den Stadtratswahlen unter pflichtgemäßer Heranziehung aller Stadtratsmitglieder ohne Rücksicht auf Parteistellung und Religionsbekenntnis. Der Stadtrat weist daher den gegen ihn gerichteten Protest zurück und bedauert, daß eines seiner Mitglieder in der Ausübung einer durch das Gesetz vorgesehenen Tätigkeit beeinträchtigt werden sollte. Der Stadtrat hat aus diesen Gründen eine Änderung in der Bestellung der Vorsitzenden der Schulpflegschaften nicht eintreten lassen. Momentaufnahmen 1. Die Schaubühne als moralische Anstalt. In „Shakespeares Frauengestalten“ erzählt Heinrich Heine vom „Kaufmann von Venedig“: „Als ich dieses Stück in Drury Lane aufführen sah, stand hinter mir in der Loge eine schöne blasse Britin, welche am Ende des vierten Aktes heftig weinte und mehrmals ausrief: „the poor man is wronged (dem armen Mann geschieht unrecht)!“ Kürzlich sah ich im Münchener Schauspielhause eine schlechte Aufführung desselben Shakespearestückes. Neben mir saß ein rotbackiges Münchener Kindl. In der Gerichtsszene des vierten Aktes konnte der Darsteller des Schwätzers Gra*ziano dem närrischen Ehrgeiz nicht widerstehen, den Shylock in Gegenwart des Dogen zu mißhandeln, indem er den aufgeregt Gestikulierenden auf die Hand schlug. Das Parterre lachte, und meine kleine Nachbarin strahlte vor Vergnügen. Als dann Shylock. zur Taufe gezwungen und seiner Habe beraubt, unter dem Hohngelächter der edlen Venezianer von dannen schlich, hörte ich die höhere Tochter neben mir zu ihrer Mutter sagen: „Der S a u j u d! “ 2. Das Notwehrrecht der Juden. In einem Hörsaal der Münchener Universität trug kürzlich der Lehrer des Strafrechtes vor, daß die Juden im Mittelalter kein Recht der Notwehr besessen haben. Dabei brachte der größere Teil der Hörerschaft seine Sympathie für diesen Rechtsgedanken in der aus dem vorgeschichtlichen Mittelalter hergebrachten Form des Trampelns mit den Füßen zum Ausdruck. „Groß ist Deutschland, wenn es lehret“, rühmte einst ein Romantiker in Deutschlands schwärzesten Tagen von seinen hohen Schulen. 3. Gleiches Recht für Alle. Zur Zeit der Rätediktatur beging ein jüdischer Graukopf die Kinderei, ein Plakat abzureißen. Er wurde verhaftet, in einen Keller des Luitpoldgymnasiums gesperrt und am 30. April 1919 auf die Nachricht hin, die auf München anrückenden Regierungstruppen hätten gefangene Rote getötet, mit anderen Geiseln erschossen. Die Täter wurden vor Gericht gestellt und mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft. In den Tagen des Kapp-Putsches rissen vier jüdische Gymnasialschüller im Alter von 18 Jahren ein antisemitisches Hetzplakat ab. Sie wurden von Reichswehrleuten auf eine Kasernenwache geschleppt, von einem hakenkreuzgeschmückten Offizier beleidigt und von mehreren Wehrleuten gemeinsam mißhandelt. Von einem strafrechtlichen Einschreiten gegen diese tapferen Wehrleute ist bis heute nichts bekannt geworden. — Die Gerechtigkeit trägt eine Binde vor den Augen. Dies befähigt sie sowohl, ohne Ansehung der Person des Täters zu richten, als auch, wenn es ihr passend erscheint, die Tat nicht zu sehen. 4. Neudeutscher Idealismus. Unter den Juden, die seit dem Ausbruch', der Revolution in Deutschland getötet worden sind, waren zwar mehrere reine Idealisten. wie Kurt Eisner und Gustav Landauer, aber nicht ein einziger Wucherer oder Schleichhändler. Woraus Jedermann den Schluß ziehen kann, daß die Reaktion auf den jüdischen Idealismus blutiger reagiert. als auf den jüdischen Materialismus. Trotzdem predigt der Münchener Rechtsanwäit Meyer- Absberg in einem Vortrag über die „Zukunft der deutschien Demokratie“: „Der Jude ist, weil er in seinem geschichtlichen und religiösen Werden anderen als christlichen Grundsätzen gehorcht, weil er mehr auf das Materielle, als das Ideelle eingestellt ist, nicht geeignet, in einer deutschen Demokratie Fübrerrollen zu spielen.“ Bekanntlich bekämpfte die Deutsche Volkspartei, in deren Reihen die Juden Rießer und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.