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Das jüdische Echo · 1920-07-02 · 27 (2.7.1920) · p. Seite 310

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
27 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
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310 Das Jüdische Echo Nr. 27 vereinigt auf sich rund ein Drittel der gewählten Repräsentanten. Und das im liberalen Berlin! Es stand freilich nur ein Teil der Repräsentanten zur Wahl. Aber der Anfang ist gemacht und zwar mit überraschendem Erfolg. Die Politisierung des Berliner Judentums und damit seine Gesundung ist auf dem Marsche. Die Folgen auch für das übrige Deutschland werden bedeutsamer sein, als der Augenblick es erkennen läßt. G.— Levinger oder Baron In der am 22. Juni stattgehabten Hauptversammlung des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe München, erstattete der verdiente Syndikus des Vereins, Herr Rechtsanwalt Dr. Levinger. einen Bericht über seine umfassende Tätigkeit im Dienste der Bekämpfung des Antisemitismus. Es bildete während mancher gefährlicher Krisen der letzten Monate wiederholt einen erfreulichen Lichtpunkt, mit diesem vornehmen Manne zusammenzuarbeiten, bei dem sich starke, stets arbeitsfreudige und nie erlahmende sittliche Energie mit scharfsinnigem Verstand und reicher Erfahrung paa'rt. Dann legte Herr Auerbach über die finanzielle Lage des Vereins Rechenschaftsbericht ab und Herr Neustätter machte Vorschläge zur Neuorganisierung der Ortsgruppe. Der Abend schien aufs schönste zu verlaufen und wohl in allen Zuhörern hatte sich auf Grund des Referates von Herrn Dr. Levinger die Meinung befestigt, daß es für die Juden aller Glaubens- und Parteischattierungen Pflicht sei, der Ortsgruppe München des Zentralvereins anzugehören. Dann aber kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel — auch für die nicht auf die Richtung Baron schwörenden Vorstandsmitglieder völlig unerwartet — eine Hetzrede des Herrn Dr. Baron. Zunächst prophezeite dieser im gleichen Ton und mit der gleichen Methode, mit der die deutsche Staatsbürger-Zeitung viereinhalb Jahre lang die völlige militärische Niederlage Englands als unumstößlich sicheres Kriegsergebnis voraussagte, das gänzliche Debacle aller Palästinapläne und der durch San Remo um einen bedeutenden Schritt geförderten Politik zur Unterbringung der gequälten und geknechteten osteuropäischen Juden in Palästina. Ob es Herrn Dr. Baron bekümmert, wenn diese Massen im Osten neuen Pogromen zum Opfer fallen würden, wenn weiterhin das Bruderblut zum Himmel schreien und über den niederträchtigen Verrat der Brüder, die helfen können, aber nicht wollen und sogar heimtückisch dem Rettungshafen Palästinas in den Rücken zu fallen trachten, vor Gott klagen soll, verriet er nicht. Eine andere Möglichkeit besteht jedenfalls nicht, wenn man einerseits mit Herrn Dr. Baron keine weiteren Ostjuden in Mittel- und Westeuropa mehr zu sehen und andererseits den Bestrebungen, jenen Unglücklichen in Palästina ein neues Heim zu schaffen, ein möglichst großes Debacle wünscht. Sodann zog Herr Dr. Baron noch über die Zionisten los. Auf Einzelheiten seiner Darlegungen einzugehen, widerstrebt uns aus tiefstem Herzen; und es werden ja schließlich nicht wir erbärmlichen kleinen Menschen aus dem Jahre 1920, sondern es wird ein höherer Richter zu entscheiden haben, wer Recht behält, die lieblosen engsichtigen und jeder Objektivität völlig baren Auslassungen des Herrn Dr. Baron oder die die gesamte Menschheit mit heißester Liebe umfassenden Prophezeiungen der Bibel. Vorerst hat es fast noch den Anschein, als ob letztere mehr Ewigkeitswert besitzen und als ob trotz der Verkündigungen des Herrn Dr. Baron einst die Zeit kommen wird, von der Jesajas kündet: „Und es wird sein in später Zukunft gegründet der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge und erhaben vor allen Hügeln und es werden ihm Zuströmen alle Völker. Und es werden ziehen viele Völker und sprechen: Lasset uns hinaufziehen zum Berge des Ewigen, zum Haus des Gottes Jakobs, daß Er uns lehre von Seinen Wegen und wir wandeln auf Seinen Pfaden, denn von Zion geht aus die Lehre und das Wort des Ewigen aus Jerusalem.“ Aus der Diskussion heben wir vor allem hervor die Erklärung des Herrn Dr. Levinger, daß er einer Vorstandschaft, wie sie von Herrn Dr. Baron durchgepeitscht wurde, seine Dienste nicht mehr leihen werde. Verschiedene der anwesenden liberalen Mitglieder der Kultusgemeinde, darunter Namen mit bestem Klang, gaben ihrer Mißbilligung der Streitrede von Herrn Dr. Baron unverhohlen Ausdruck. Den Standpunkt der Orthodoxie bezüglich der sozialen Pflichten gegenüber allen Juden legte der Schreiber dieser Zeilen kurz dar. Der Abend schloß in größter Unruhe und Unstimmigkeit Für die Ortsgruppe München heißt es sich nun aber rasch entscheiden in der Alternative zwischen der fruchtbaren Arbeitskraft des Herrn Dr. Levinger und der jede einheitliche großzügige Tätigkeit lähmenden Zwietrachtspropaganda des Herrn Dr. Baron. Entscheidet sich der gegenwärtige, übrigens in ungültiger Weise gewählte. Vorstand für die unfruchtbare Politik des Herrn Dr. Baron, dann mag dieser tagtäglich seine Prophezeiungen über Palästina seinen Gläubigen vortragen. Wir werden ihn daran nicht im geringsten hindern und von seiner Tätigkeit keine Notiz nehmen. Dann muß aber unter materieller und ideeller Boykottierung dieser Rumpfgruppe Baron unverzüglich ein neuer Rahmen geschaffeen werden, in dem die in der Persönlichkeit des Herrn Dr. Levinger vereinigten hervorragenden Charakter- und Verstandeseigenschaften ohne Unterbrechung, die überaus gefährlich wäre, sofort weiter in der Abwehr des furchtbar dräuenden gemeinsamen Gegners in reibungsloser Arbeit eingesetzt werden unter treue Mitarbeit all jener, die frei von persönlichem Ehrgeiz nur um der Sache willen mitwirken. Gelingt aber, wie wir hoffen wollen, bei dem gegenwärtigen Vorstand und den Mitgliedern das Gefühl der Verantwortung gegenüber der jüdischen Gesamtheit und der Pflicht zur Einigkeit zum Durchbruch, dann werden sich aus der Vorstandschaft, wie sie ja ursprünglich geplant war, um Herrn Dr. Levinger wieder die zu ernster Mitarbeit bereiten Juden aller religiösen und Parteischattierungen scharen und diese werden und müssen dann ein Programm finden, nach dem alle anständigen und guten Juden 1. beim Zentralverein Rechtsschutz und Hilfe finden können; 2. in der gemeinsamen Abwehr des Antisemitismus unter Betonung des Einigenden sich als eherne Phalanx zusammenschließen. Herrn Dr. Baron aber, den wir ohne persönlichen Groll ziehen sehen würden, wünschten wir. er möge statt in den schwierigen Zukunftsproph'ezeiungen sich einmal in der Vergangenheit Umsehen und, wenn schon kein jüdisches Buch, so doch vielleicht die Dichtung des edlen Heiden aufschlagen, in der es heißt:

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