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Das jüdische Echo · 1920-07-02 · 27 (2.7.1920) · p. Seite 309

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
27 (2.7.1920)
Date
1920-07-02
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 309 4. Die Konferenz begrüßt die Chawerim der anderen Landesverbände, ruft sie auf zur Einigung und Konzentration, zur intensiven Arbeit im Sinn und Geist von Prag, damit aus der ersten Einigung die zionistische Arbeitsbewegung als die starke Bewegung des zionistischen und sozialistischen Aufbaus erwachse. Die Konferenz drückt, indem sie vor allem auf das letzte Jahr der Arbeit in Palästina zurückblickt. den Chawerim des palästinensischen Hapoel- Hazair ihren rückhaltlosen Dank und Bewunderung aus und ruft die zionistische Jugend und die jüdische Arbeiterschaft zum Kampf auf an der Seite der palästinensischen Chawerim. 5. Die zweite Landeskonferenz des deutschen Landesverbandes des Hapoel-Hazair bestätigt und entlastet die Delegation des Landesverbandes auf der Prager Konferenz. — Der deutsche Landesverband, der sich seit seinem Entstehen für die Einigung der zionistischen Arbeitsbewegung eingesetzt hat. begrüßt den neugeschaffenen Weltverband Hapoel-Hazair-Zeire-Zion als den großen und bedeutungsvollen Versuch der Kräftekonzentration zur Umgestaltung des gesamten jüdischen Gesellschaftslebens auf der Grundlage der Arbeit und der Erneuerung einer freien hebräischen Kultur. — Der deutsche Landesverband wird, indem er die zentrale Bedeutung der Chaluziuth für diese Aufgabe betont, alles aufbieten, um die Kräfte vorzubereiten, die sich mit ihrem Leben für die Idee eingesetzt haben. Der nafionaljüdische Wahlsieg in Berlin Die Berliner jüdische Gemeinde ist die größte Deutschlands; sie umfaßt 1U der deutschen Juden und hat eine Mitgliederzahl, die der einer mittleren deutschen Großstadt gleichkommt. In ganz Deutschland gibt es eigentlich nur in Berlin „jüdische Massen“, soweit man von solchen in der westlichen Diaspora überhaupt reden kann. Schon die Zahl! der Berliner Juden gibt ihnen einen überwiegenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Verhältnisse Deutschlands. Man mag diesen Einfluß oft bedauert, häufig für verderblich gehalten haben; er läßt sich seit den Tagen Moses Mendelsohns und Gabriel Rießers nicht hinwegleugnen. Dem jüdischen Osten näher als die zweite jüdische Metropole Deutschlands als Frankfurt, und doch im Brennpunkt des deutschen geistigen Lebens hat Berlin stets den großen Schmelztiegel für die sehr verschiedenartigen Elemente dargestellt, aus denen das äußerlich einheitliche deutsche Judentum sich zusammensetzt. Jahrzehntelang war die Berliner Gemeinde durchaus in den Händen der Assimilation, einer festgefügten und unverdlrängbaren Klicke von Notabein. Eine steigende Uninteressiertheit an den Angelegenheiten der Gemeinde, eine immer auffälligere Unfähigkeit, den Ab fall vom Judentum zu hindern, ein in dieser Zeit des Verfalls besonders bedauerlicher Mangel an Köpfen und Ideen war die Folge. Die Abkömmlinge fast all der großen jüdischen Familien Berlins, die zur Zeit des „jüdischen Salons“ und „der jüdischen Wissenschaft“ den Stolz der Berliner Gemeinde ausmachten, sind heute getauft. Die Reform in ihrer unfruchtbarsten Gestalt hat ihren festesten Sitz in Berlin. Das Berliner religiöse Leben war seiner Art nach nicht imstande, die Menschen zu ergreifen. Der zersetzende Einfluß der Weltstadt tat das seine: wir standen vor der Tatsache, daß immer von neuem jüdische Menschen nach Berlin strömten, um dort in kurzer Zeit den Weg vom bewußten, oft gesetzestreuen Judentum zum völligen Abfall zu gehen. Welch verhängnisvollen Einfluß diese Tatsachen auf das jüdische Gesamtleben ausübten, braucht nicht erörtert zu werden. Die Zersetzung des Berliner Judentums war symptomatisch für den Zustand des jüdischen Gesamtkörpers. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß eine Gesundung des Gesamtkörpers erst dann zu erwarten sein wird, wenn eine Gesundung des Berliner jüdischen Lebens vorangegangen ist. Um so gespannter mußte man auf den Ausfall der Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde sein, die in diesem Jahre zum ersten Male a'uf Grund des Verhältniswahlsystems vorgenommen wurden und an der auch die nicht reichsangehörigen Juden im Großen und Ganzen teilnehmen durften. Die große Frage, ob die jüdische Gemeinde weiterhin lediglich religiöse Interessen zu wahren, ob sie in steigendem Umfange das jüdische Gesamtleben, die ganze jüdische Wirklichkeit in den Rahmen ihrer Tätigkeit einzubeziehen habe, stand zur Entscheidung. Die „religiöse Gemeinde“ war und ist in Berlin wie überall eine Fiktion. Abgesehen von der Spaltungsorthoxie bestehen a*uch zwischen den sogenannten „Gemeindeoirthodoxen“ und den Liberalen keinerlei religiöse Bindungen. Das vereinigende Element lag und liegt nicht auf religiösem Gebiete, sondern in dem national-bedingten, jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Aufgaben der Gemeinde sind zweifellos und mit in erster Reihe auch religiöse. Aber sie erschöpfen sich nicht in der Anstellung von Kultusbeamten und in der Erhaltung von Synagogen oder sonstigen religiösen Anstalten. Schon die sozialen und1 charitativen Institutionen der Gemeinden lassen sich zum Teil nicht leicht dem religiösen Gebiet einbeziehen. Die dringend1 notwendigen Forderungen der neuen Zeit auf dem Gebiet der Jugenderziehung, der Pflege modernjüdischer Volkskultur, der körperlichen Ertüchtigung der Judenheit, der Berufsberatung und Berufsumschichtung. der Ostjudenfürsorge sind offenbar nationaler Art. Um sie erfüllen zu können, mußte die Fiktion der religiösen Gemeinde einmal als Fiktion erkannt werden. Der Gedanke der jüdischen Volksgemeinde mußte in aller Deutlichkeit und Klarheit zur Debatte und Entscheidung gestellt werden. Der Ausfall der Wahlen bedeutet einen überraschenden Sieg der nationalen Sache. Es wurden insgesamt 14 442 gültige Stimmen abgegeben, wobei zu beachten ist. daß die Berliner Gemeinde kein Frauenwahlrecht kennt. Davon entfallen, wie bereits berichtet, auf die Liste der vereinigten Reformer und Konservativen 8662, der Jüdischen Volkspartei 4521, der Poale Zion 940, der Unparteiischen 269 und der Orthodoxen 50 Stimmen. Danach erhalten die vereinigten Reformer und Konservativen 8 Mandate und 4 Stellvertreter, die Jüdische Volkspartei 4 Mandate und 2 Stellvertreter, die Poale-Zion einen Stellvertreter. Im Ganzen sind sonach von 12 Repräsentanten und 7 Stellvertretern 4 Repräsentanten und 3 Stellvertreter Angehörige nationaljüdischer Gruppen. Das unnatürliche Wahlbündnis der Reformer und Konservativen, das lediglich die Angst vor der Volksgemeinde und dem Zionismus knüpfte, wird die Wahlen nicht überdauern. Die einzige geschlossene Gruppe, die „Jüdische Volikspartei“.

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