Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 298 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Das Jüdische Echo Nr. 26 linge über das ganze Gebiet zu verteilen und so Anhäufungen an einzelnen Punkten und dadurch unleugbare Gefahren zu vermeiden. So läßt sich zusammenfassend sagen: Trotz der großen Schwierigkeiten, die in der Krisis des Arbeitsmarktes, der unverändert antisemitischen Haltung vieler Behörden und der geringen finanziellen Unterstützungen durch die Jüdischen Gemeinden bestehen, ha't unsere Arbeiterfürsorgestelle auch im Monat Mai mehreren hundert ostjüdischen Flüchtlingen Arbeit und Brot verschafft. Vom schlechten Geld 1. Währungssysteme. In der Ära des Silbers, als noch Herrscher und Untertanen im Kippen und Wippen der Münzen wetteiferten, taufte man das schlechte Geld „Judengeld“, indem man die Juden beschuldigte, Gulden und Thaler beschnitten zu haben. In der Ära des Goldes, als noch der Weizenpreis im Sinken war, schalt man auch das gute Geld „Judengeld“, indem man die Juden beschuldigte, das ehrliche Silber demonetisiert und das tückische Gold auf den Thron gesetzt zu ha'ben. Jn unserer Ära des Papiers, wo der Weizenpreis fortwährend steigt, heißt wiederum das schlechte Geld „Judengeld“. Geld mag hart sein oder weich, gut oder schlecht — wer nicht damit zufrieden ist, schilt es „Judengeld“. Ob der Weizen hoch im Preis steht oder tief: — der Weizen des Antisemitismus blüht immer. 2. Wiedergutmachung. Die Franzosen schwanken zwischen dem Wunsch, ungezählte Milliarden aus Deutschland zu schöpfen und dem Wunsch, dessen arbeits- und wehrfähige Bevölkerung um Millionen Seelen zu verringern. So lange die Devise „Töten und Tötenlassen“ noch in der Welt Trumpf ist. ist an eine Beseitigung des Valuta'elends nicht zu denken. Denn die 'erste Voraussetzung der Wiedergutmachung aller Kriegsschäden ist. daß die Menschen wieder gut gemacht werden und sich zu dem Grundsätze bekennen: „Leben und leben lassen.“ 3. Erziehungswahlkampf. Das deutsche Volk hat einen beispiellosen Wahlkampf hinter sich. Im Brennpunkt der öffentlichen Diskussion stand das Thema: „Sind Herr Petersen und Graf Westarp Judenstämmlinge, und welche deutsche Partei hat am wenigsten Judengeld in ihrer Kasse?“ Konservative und Demokraten wetteiferten, den Wähler darüber aufzuklären, daß dies das Kernproblem, ja die Schicksalsfrage des deutschen Volkes ist. Es war ein Schauspiel für Götter und Juden. Aber es wäre vergeblich gewesen gegen den Wahn zu kämpfen, die Erniedrigung der Kultur sei die Voraussetzung der Hebung der Valuta. 4. Valutapolitik. Solange unsere Valuta sank, wurde unser Export gefördert. Da wir exportieren konnten, stieg unsere Valuta wieder. Seit unsere Valuta wieder steigt, können wir nicht mehr so leicht exportieren. Da wir nicht mehr so leicht exportieren können. wird unsere Valuta voraussichtlich wieder sinken. Wenn unsere Valuta wieder sinkt, können wir wieder leichter exportieren. Wenn wir wieder leichter exportieren können, steigt unsere Valuta wieder — und so mit Grazie fort, bis Europa entweder vernünftig wird oder vollends meschugge. Aus der jüdischen Welt Herbert Samuel in den Ritterstand erhoben. Der König von England hat den Kommissär für Palästina' Herbert Samuel empfangen. Der König erhob Samuel in den englischen Ritterstand und überreichte ihm die Insignien des Großkreuzes vom britischen Ritterorden. Die Erhebung Herbert Samuels in den Ritterstand gilt seinen hervorragenden Verdiensten und kennzeichnet sowohl die Wichtigkeit seiner neuen Aufgabe als auch das ihm entgegengebrachte Vertrauen. Besuch Herbert Samuels in Rom. Wir erfahren, daß der bevorstehende Besuch des neuen englischen Obergouverneurs von Palästina, dessen starke Hinneigung zu den zionistischen Plänen bekannt ist, und der wohl gerade mit Hinsicht darauf auf den hohen verantwortungsreichen Posten berufen wurde, in Rom in politischen Kreisen mit starker Spannung erwartet wird. Man rechnet besonders darauf, daß Sir Herbert Samuel Gelegenheit haben wird, volles Einvernehmen mit dem Heiligen Stuhl herzustellen. Wiederaufbauaktion für die ostgalizischen Juden. Einem Berichte aus Amerika zufolge haben die galizischen Juden in Philadelphia den Grundstein für eine jüdische Wiederaufbaubank in Galizien gelegt, indem sie bei einer zu diesem Zwecke speziell veranstalteten Versammlung den Betrag von 25 000 Dollar gesammelt ha'ben. Ferner haben sich die reichen galizischen Juden in Philadelphia bereit erklärt, den noch hierzu nötigen Betrag von 100 000 Dollar ehestens aufzubringen. Der von der galizischen Amerika-Kommission vorbereitete Plan zum Wiederaufbau Ostgaliziens gewinnt unter der amerikanischen Judenschaft mit jedem Tage mehr Anhänger. An der Spitze der Bewegung stehen die bekannten Führer der dortigen ostgaiizischen Judenschaft. William Fischmann und Bernard Semmel, die sich gegenwärtig mit der Sammlung eines 500 000 Dollar-Fonds für eine Wiederaufbaubank beschäftigen. Dieser Betrag soll allein in Newyork aufgebracht werden. Das System Horthy vor dem Zusammenbruch. Das ungarische Kabinett kündigt seinen Rücktritt an und dementiert damit kräftig seine Meldungen über die Unwirksamkeit des internationalen Boykotts. Höchst blamabel wirkt neben diesen offiziellen ungarischen Meldungen das Bitt-Telegramm an die Gewerkschafts-Internationale um Aufhebung des Boykotts. Daß darin wieder versucht wird, die terroristischen Akte abzuleugnen, kann nicht in Erstaunen setzen, bei einem System, das ebenso brutal wie feige und lügnerisch ist. Man darf gespannt sein, wie die Vertreter dieses Systems bei den von ungarischer Seite angeregten Verhandlungen mit den Gewerkschaften, die demnächst in Wien stattfinden sollen, auf treten werden. Leider sind die ungarischen Juden so eingeschüchtert und verängstigt,, daß sie öffentlich gegen den Boykott protestieren. Man wird diese Proteste im Ausland richtig zu werten wissen. Beschämend bleibt es immerhin, daß diese jüdischen „Vertretungen“, die Budapester jüdische Gemeinde und der Abgeordnete Sandor nicht wenigstens schweigen konnten. Dessen Begründung des Protestes richtet sich übrigens stark gegen die ungarische Regierung. Weil gegen Staaten, die Greuel an Juden und Kolonialvölkern verübt haben, kein Boykott angewendet wurde, „habe er gegen Ungarn nicht die