Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 26 (25.6.1920)
- Date
- 1920-06-25
- Page
- Seite 297 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 297 Am Dienstag:, morgens fünf Uhr, wurde die kranke, bettlägerige Frau S. mit 5 unmündigen Kindern verhaftet und in eine Polizeizelle gebracht, obwohl sie n a c h w i e s, daß die Familie im Begriff ist, am gleichen Tage abzureisen. Die Leute hatten nach Ablehnung des Gesuchs an das Ministerium des Innern, dessen Genehmigung durchaus zu erwarten war, drei Tage Frist erhalten, die absolut zur ordnungsmäßigen Übersiedlung nicht ausreichten. Die Polizeidirektion München betreibt nicht Ausweisung, sondern Evakuierung, wie sie während des Krieges im Okkupationsgebiet erfolgte und trifft dabei größtenteils Menschen, denen sie selbst nichts vorzuwerfen hat, als daß sie Ausländer sind. Die Äufgaben Herbert Samuels in Palästina Die englische Presse veröffentlicht einen Artikel des Londoner Jewish Correspondence Bureaus über die Aufgaben Herbert Samuels in Palästina, der im Auszuge lautet: „Die Aufgaben Herbert Samuels in Palästina sind keineswegs leicht. Eine seiner vornehmsten Aufgaben wird sein, die Rassengegensätze. die unter dem militärischen Regime sich äußerst zugespitzt hiaben, auszugleichen und die Grenzgebiete, die jetzt unter den Überfällen leiden, von diesem Übel zu befreien. Ein straffer Verwaltungsapparat ist einzurichten, der nicht nur ein vollziehendes, sondern auch ein schaffendes Organ sein soll. Er wird eine Reihe finanzieller und ökonomischer Anordnungen treffen müssen. Die letzte und die größte Aufgabe ist die Durchführung der Mandatsbestimmungen bezüglich der Einrichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. Die Bestimmung der Grenzen und die Formulierung der Mandatsdetails sind die primären Bedingungen zur Durchführung dieser wichtigsten Aufgaben. Ohne diese ist eine Besiedlungsaktion auf breiterer Basis undenkbar. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, daß so eine Aktion hauptsächlich von diesen Umständen abhängt. Im Prinzipe ist sowohl die nördliche als auch die Ost-Grenze durch den Obersten Rat und auch im Einvernehmen mit Frankreich bestimmt worden. Was die Ostgrenze anbetrifft, so ist es erwünscht, mit der Regierung von Damaskus zu einem endgültigen Einvernehmen zu gelangen. Es scheint, daß Emir Feisul sich endlich entschlossen hat, nach Europa zu kommen. Es wird wohl einige Zeit in Anspruch! nehmen, bis die Fragen betreffs der Grenzen und des Mandates eine befriedigende Lösung erfahren. Diese Zwischenzeit wird Dr. Samuel ausnützen, um seine Autorität zu begründen und einen Stab von Mitarbeitern sich zu sichern, auf die er sich ganz würde verlassen können. Jüdische Hrbeiterfürsorgestelle Duisburg Aus dem Tätigkeitsbericht für den Monat Mai 1920. Der Monat Mai war für unsere Arbeiterfürsorgestelle infolge der allgemeinen Krisis auf dem Arbeitsmarkt ein Monat großer Depression. Es ist daher a'uch der Prozentsatz der Vermittelten gegenüber anderen Monaten besonders klein, weil für einzelne Kategorien von Arbeitern, z. B. Schuhe und Schäftemachern. Beschäftigung überhaupt nicht zu finden ist Da vielfach Arbeiterentlassungen stattfanden, und natürlich zuerst unsere ostjüdischen Arbeiter entlassen wurden, so waren wir gezwungen^ die Unterstützungssummen wesentlich zu erhöhen, damit es den Arbeitslosen ermöglicht würde, die schlimmste Zeit durchzuhalten. Die Unterstützungssumme hat für den Monat Mai den stattlichen Betrag von über Mk. 10 000.— erreicht, ohne die Gelder für Erkrankte, für die zu sorgen eine selbstverständliche Pflicht unserer Arbeiterfürsorgestelle ist. Es wurden 1826 Eßkarten ausgegeben. Diese Summen lassen sich auch bei sparsamster Auslese nicht wesentlich verringern, wenn nicht die Besserung des Arbeitsmarktes Gelegenheit gibt, die Vermittlung wieder schneller durchzuführen, sodaß die Arbeitslosen nicht längere Zeit auf Arbeit warten müssen. Der größte Teil der nicht durch uns direkt Vermittelten wurde durch unsere Unterstützungen in den Stand gesetzt, sich selbst Arbeit zu verschaffen. Auf Grund von Abmachungen unserer Berliner Zentrale und dem Arbeiterfürsorgeamt mit dem Reichsamt für Arbeitsvermittlung ist eine Regelung dahin getroffen worden, da'ß nach Befriedigung des Bedarfes an deutschen Arbeitern die ostjüdischen Flüchtlinge berücksichtigt werden sollen. Es heißt in dem Erlaß weiter: „Die Notlage der ostjüdischen Einwanderer wird anerkannt; ebenso, daß die Fürsorge für sie nur von dieser Organisation ausgeübt werden kann, die mit der Sprache und Eigenart des Volksstammes vertraut ist. Sie wird deshalb weiterhin gemäß des Erlasses des Ministerium des Innern vom 1. 11. 1919 dem Arbeiterfürsorgea'mt der Jüdischen Organisationen Deutschlands und seinen angeschlossenen Stellen (für Rheinland-Westfalen der Arbeiterfürsorgestelle Duisburg) obliegen müssen.“ Unsere Stellung gegenüber den Landesarbeitsämtern und kommunalen Arbeitsnachweisen ist dadurch geklärter. Unerfreulich ist das Verhalten der Polizeiverwaltungen, die in vielen Städten eine Anmeldung von Ausländern nicht mehr vornehmen. Diese Maßregel entspricht weder den Tendenzen der Regierung noch den Bedürfnissen der deutschen Volkswirtschaft, für die die wenigen tausend ostjüdische Arbeiter keine Rolle spielen. Durch dieses Verhalten der Behörden wird die Unterbringung sehr erschwert. Es muß bei der heutigen Lage des Arbeitsmarktes dringend davor gewarnt werden, ostiiidische Arbeiter, ohne anzufragen, nach Duisburg zu schicken. Es soll hier offen betont werden, daß viele Gemeinden einfach die Flüchtlinge zur Verteilung nach Duisburg schicken, was dann der zentralen Bedeutung unserer Fürsorgestelle entsprechen würde, wenn die Gemeinden uns finanziell so stellen würden, daß wir dazu imstande wären, die Flüchtlinge während der Wartezeit zu unterhalten. Statt dessen sind die Beiträge der jüdischen Gemeinden derart gering, daß sie es uns unmöglich machen, die nötigsten Schritte zur Stellenbeschaffung zu unternehmen. Obwohl dem Namen nach 30 Gemeinden uns unterstützen, haben wir durch sie im Monat Mai nur einen Gesamtbeitrag von Mk. 1750.— erhalten. Wir sind dadurch gezwungen, ein gut Teil unserer knappen Arbeitskräfte auf private Finanzaktionen zu verschwenden. Daß wir trotz dieser geringen Beiträge hunderten von Menschen Lebensmöglichkeiten und Arbeitsstellen verschaffen konnten, ist ein Erfolg trotz dieser Haitung der Gemeinden. Eine dringende Notwendigkeit ist auf jeden Fall! die Errichtung weiterer Arbeiterfürsorgestellen im ganzen Industriegebiet, denn nur durch solche Dezentralisationen ist es möglich, wirklich die Flücht-