Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 289 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 289 Knechte vorbei. Es war dann, als ob nie Saturnalien gewesen wären und wehe dem Sklaven, der die Rolle des Herrn allzu naturgetreu gespielt hatte! Deutsche Revolutionen hatten von jeher mit römischen Saturnalien manche Ähnlichkeit. Seit Tacitus ist es die Marotte vieler Historiker, andere Völker bessern zu wollen, indem sie ihnen die Tugenden der Gemanen als Muster Vorhalten. Der einzige positive Erfolg aber, den sie mit diesen Erziehungsversuchen erzielten, war, daß die Germanen dadurch in der Überzeugung bestärkt wurden, der Tugendbold unter den Völkern zu sein. Die Weltgeschichte straft sowohl Vereine zum raschen Aufbau wie Vereine zur raschen Niederwerfung von Völkern und Staaten unerbittlich Lügen. Rom ist nicht an einem Tage erbaut, Karthago nicht an einem Tage zerstört worden. 4. Zion. Ägypten und Babylon, Hellas und Rom hat die kleine jüdische Nation überdauert. Alle Ramses und Nebukadnezar, alle Antiochusse und Titusse haben sie in Jahrtausenden nicht vernichten können. Allein was diesen Stümpern des Altertums mißlungen ist, das wird der Reichswehrleutnant Mayr von Würzburg schon schaffen. Der kommende Diktator muß ihn nur zum Fachminister für öffentliche Arbeiten dieser Art ernennen. Eine einzige Nacht genügt ihm dann, um sämtliche Juden — einschließlich der unbeschnittenen — zu erledigen. Nichts kommt im Völkerleben teurer zu stehen, als jeder Triumph brutaler Vernichtungsstrategie. Es ist selbst der größten Nation unmöglich, die physische Existenz eines fremden Volkes zu vernichten, ohne die Grundlagen der eigenen zu zerstören. Der Geist ermordeter Völker geht so lange um, bis er sich an seinem Mörder gerächt hat. Es sind nicht nur jüdische Menschen, die körperlich im Galuth. geistig in Zion leben. Die Besten aller Nationen bildeten von je ein über die ganze Erde zerstreutes Volk Gottes, dessen Mission es ist, den Frieden der Verständigung zu predigen. Feuilleton Der ewige Sklave Ich weiß nicht mehr, ob ich dies Bild im Traum oder im Wachen gesehen habe. Es sind schon einige tausend Jahre seitdem vergangen. Ringsum schreckliche Wüste; tiefer gelber Sand. Wenn der Fuß einsinkt, kann man ihn nicht mehr herausziehen. Der Sand glüht und brennt vor Hitze, über ihm ruht ein bläulicher Dampf. Und wenn einmal auf einem Fleckchen ein Gräslein emporsprießt, so ist es nie grün, sondern gelb und welkt und stirbt bald. Von Zeit zu Zeit erhebt sith ein Sturmwind, der mächtige Sandsäulen durch die Lüfte wirbelt, sodaß es am lichten Tage dunkel wird. Dann herrscht wieder Ruhe, wie zuvor, eine tiefe schwere Stille, die einem erstickt und in Ohnmacht sinken läßt. Nur hier und da vernimmt man das Brüllen hungriger Raubtiere und das heisere Gekrächz der Adler und Geier — und wieder Stille. Die Wüste stirbt in der Glut des Mittags; alles ringsum ist unermeßlich matt und toterschöpft. Und inmitten dieser riesenhaften, schreckensvollen Wüste finden sich Spuren menschlicher Tritte. Das Auge gewahrt auf spärlichen Pfaden Irrende Karawanen reisender Stämme, die aus Ägypten kommen, freiheitsdurstend sich eine Zukunft suchen. Sie wandern, nach einem Lande, ihrem Erbe . . . Zelte ducken sich hinter hochgetürmten Bergen und schattigem Fels. Zeitlose bergen sich in Höhlen und Spalten. — Aus der Tiefe heben sich die Blicke der Pilger zum ragenden Gotteszelt, das in Wolken auf dem höchsten Gipfel thront. Auf einmal ertönt Trompetenschall und Paukenschlag. Alles springt auf. greift nach dem Bogen, lockert im Köcher den Pfeil. Ein Überfall? Wilde Stämme, Ismaeliten, Meder oder Neger? Ach nein, kein Hinterhalt, nuir ein Signal: versammelt Euch vor jenem Zelte, Euch steht ein seltenes Ereignis bevor! Ein seltenes Ereignis, sicherlich. Elzofan ben Usiel aus dem Hause Leir hat vor 6 Jahren einen Jecoban ben Achan, Jude, gleich ihm, als Knecht erstanden. Nach 7 Jahren sei er frei! Der Knecht jedoch verzichtet auf sein Recht und klammert sich an die Zeltpflöcke seines Herrn; kein Mensch kann ihn von dort fortreißen. Da schallt Trompetenton, die Pauken dröhnen. Volk strömt herbei, in seiner Mitte der Hohepriester. Elzofan steht am Eingang seines Zeltes und müht sich ab dem Sklaven klar zu machen, daß er die Freiheit nehmen müsse, die das Gesetz befiehlt. Der aber schüttelt nur den Kopf und sagt: „Ich will nicht frei sein.“ Da nähert sich der Priester und erklärt, daß es des Menschen Pflicht und Bestimmung sei, frei zu sein, daß er zur Freiheit geboren wurde, daß Sklaventum Schmach und Erniedrigung bedeute. „Auch wenn Dein Herr ein Engel ist, darfst Du bei ihm nicht Knecht sein wollen.“ Der Knecht jedoch: „Ich will nicht frei sein.“ Die Menschen ringsum lachten, riefen durcheinander, suchten den Sklaven zur Vernunft zu bringen. Doch der: „Ich will nicht frei sein.“ Da sprach sein Herr Elzofan: „Nun sage mir die Wahrheit, weshalb Du Sklave bleiben willst?“ „Ich liebe meinen Herrn“, antwortete der Knecht, und seine Stimme bebte von Heuchelei und Schmeichlertum. „Ich aber liebe Dich nicht! Stets warst Du der Erbärmlichste in meinem Zelt. Man hat Dir ins Gesicht gespukt und sparte nicht mit Prügeln. Sogar die Hunde ließ man auf Dich los und die geringste Magd verhöhnte Dich. Und trotzdem kannst Du sagen: ich liebe meinen Herrn? Weißt Du denn, was Du sprichst?“ „Ja doch. Ich liebe meinen Herrn wie meine Frau und meine Kinder.“ „Du lügst! Ich weiß ja, daß Du Deine Frau nicht magst, und daß Dir Deine Kinder lästig sind. Wozu der Trug? Laß das Geschwätz, sei frei! Es wäre Dein Glück!“ „Nein, nein. Ich liebe meinen Herrn, meine Frau, meine Kinder und will nicht frei sein.“ Erstklassiger Herrenschneider fl. E I N W fl Q annehmbare Preise MÜNCHEN Residenzstraße 13/1 (Ma/c ]oseph-Platz)