Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9102977-9140685--03564-9076389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
284 Das Jüdische Echo Nr. 25 Große oder kleineEinwanderung? Van Wladimir Jabotinski (Jerusalem). Wir bringen nachstehend einen größeren Auszug aus einer in der Jerusalemer Zeitschrift „Haarez“ erschienenen Abhandlung des bekannten Führers der Jüdischen Legion, die von der Palästina - Föderation als Flugschrift herausgegeben worden ist und allgemeines Interesse verdient. Betreffs der Einwanderungsfrage herrscht in unserem Lager eine große Verwirrung. Den Vorschag des einen versteht der andere nicht, und die Ansichten beider Parteien sind nicht zufriedenstellend. Als Anhänger der „großen Einwanderung“ möchte ich versuchen klarzulegen, was wir eigentlich verlangen. Erstens ist es gar nicht nötig, uns von „Sachverständigen der Emigration“ auseinandersetzen zu lassen, daß es unmöglich ist, neun Millionen Seelen in einen kleinen Raum auf einmal aufzunehmen. Nicht neun Millionen und auch nicht eine Million mit einem Male — das begreift jedes Kind. Eine Einwanderung erfordert, bevor sie anfängt, Vorbereitungen, Einrichtungen usw. usw. Zweitens darf die Zahl der Juden, die bereit sind, Osteuropa' zu verlassen, nicht überschätzt werden. Während der Pogrome scheint es dem Beobachter, besonders wenn dieser selbst eines der Opfer ist, daß „wir alle davonlaufen werden“, sobald das Tor geöffnet wird. Jedoch, wenn der Sturm vorbei und der Weg tatsächlich! frei ist und sich die wirkliche Entscheidung eins teilt zwischen VerbLeiben und Auswandern, so wird wieder die übliche Tatsache festgestellt werden können, daß die Verbleibenden die Majorität bilden und die wirklich zur Auswanderung Gezwungenen eine nur verhältnismäßig kleine Zahl ausmachen. Ich glaube annehmen zu können, daß nach allgemeinen Erfahrungen die objektive ZahL der „möglichen Auswanderer“ aus Osteuropa 20% nicht übersteigen dürfte — undi vielleicht ist auch diese übertrieben. Mit einem Wort: die Zahl wird vielleicht groß sein, jedoch nicht riesenhaft. Wir führen aber niemanden irre, wenn wir behaupten, daß Palästina bei guter Urbarmachung und Bearbeitung des Bodens eine viel größere Za'hl aufnehmen kann als den erwähnten Prozentsatz. „Ja,“ sagen die Sachverständigen, „aber die Bearbeitung und Vorbereitung erfordert viel Zeit.“ Ich bin aber der Ansicht, daß die zum Aufbau erforderliche Zeit nur von der Intensität der Arbeit abhängig ist. Wenn ihr erst anfangen werdet, das zweite Haus zu bauen, wenn das erste fertig sein wird, dann werdet ihr zehn Häuser in zehn Ja'hren bauen. Man kann aber auch Tausende Häuser in einem Sommer bauen. Was bedeutet Vorbereitung, was ist Vorarbeit? — Trockenlegung der Sümpfe. Aufforstung der Berge, Wege-, Eisenbahn- und Hafenbauten, Bodenkauf, Erlangung von Konzessionen, Fabrikbaüten, Bau einer Handelsflotte und Gründung von Kolonien und Städten. Außerdem, selbstverständlich, Schaffung neuer Handelsmärkte. Von all dem Erwähnten erfordert aber nur das letztere „viel Zeit“ im wissenschaftlichen Sinne, d. h. es hängt von einer allmählichen Entwicklung ab, trotzdem auch hier menschliche Energie den Verlauf beschleunigen kann. Was aber alles andere anbetrifft, so hängt die Dauer der Arbeit einzig und allein von ihrer Intensität ab. Wenn man mit 10 Arbeitern 1 Quadratkilometer sumpfigen Bodens im Laufe eines Jahres trockenlegen kann, so geht daraus hervor, daß 10 000 Arbeiter im selben Jahre 1000 qkm trockenlegen können. Zehn Arbeiter werden in einer bestimmten Zeit 100 Bäume pflanzen, daraus folgern wir, daß 10 000 Arbeiter 100 000 Bäume in derselben Zeit pflanzen werden. Es gibt gar keinen wissenschaftlichen Grund, mit dem Bau nur einer Eisenbahn zu beginnen und nicht gleich mit dem Bau vieler im Lande erforderlichen. gleichviel ob sie sofort gebraucht werden oder erst im Lauf der nächsten Zeit. Genau so, wie wir bei der Gründung einer jeden neuen Kolonie eine Schule bauen bevor noch für sie ausreichend Kinder da sind. Kurz, der Aufbau des Landes ist kein abstrakter Begriff, sondern ein praktisches Programm mit einer festzusetzenden Anzahl von Chausseen, Eisenbahnlinien, Häusern, Bäumen, Gräben usw. usw. Ich schlage ja nicht vor, daß die Erlösung am l.Teweth des' Jahres 5681 ihren Abschluß finden soll, sondern die Hauptsache dieser Frage ist der Grundsatz: Intensität der Arbeit! Auch dabei wird uns gesagt werden: Eine unmögliche künstliche Intensität nützt nichts, nur die natürliche Entwicklung gehört dazu u. dgl m. Aber das sind inhaltlose Worte. Vor 20 Jahren prophezeiten unsere Gegner in Rußland, daß der Zionismus ohne Erfolg bleiben müsse, weil man keine Staaten künstlich bauen könne, solche entstünden nur von selbst auf natürliche Weise. Wir antworteten ihnen damals, daß auch Städte vor Zeiten nur auf „natürlichem“ Wege — von selbst — entstanden seien, aber in unserer Zeit ist es anders geworden. Peter der Große wählte am Ufer der Newa einen ihm passend scheinenden Ort und baute darauf die Stadt Petrograd, und auch in Amerika werden in der Wüste Städte auigebaut. nicht auf den Befehl eines Zaren, sondern auf Veranlassung des Herrn Direktors einer Wurstfabrik. „Künstlich“ ist ein Bau nur dann, wenn er nicht gebraucht wird, wenn niemand da ist. ihn zu bewohnen. Wenn aber viele, sehr viele auf ihn warten, so ist er eben nicht „künstlich“ — selbst wenn Engel des Himmels ihn binnen einer Nacht aiisführen würden. Für einen intensiven Aufbau sind vier Bedingungen nötig: Politischer Einfluß, Menschen. Geld und ein Plan. Über die erste werde ich hier nicht sprechen. Es genügt, die erfreuliche Tatsache festzustellen, daß auch Dr. Weizmann in seinen Artikeln und Reden anerkannt hat, daß diese grundsätzliche Forderung zu unserer nationalen werden muß. Die zweite Bedingung, die Menschen, haben wir. Ihre Quantität ist fast unbegrenzt. Werden wir Millionen rufen, so werden sie in Millionen kommen. Ihre Qualität kennen wir zwar nicht genau, und manche befürchten Enttäuschungen: aber dieselbe Qualität, die wir heute haben, wird sich auch in zehn Jahren nicht ändern. Wenn sie heute nicht fähig sind, einen Hafen zu bauen, so werden sie auch in der Zukunft dazu nicht imstande sein, wenn sie im Galuth bleiben werden. Wenn sie jetzt aber kommen werden und anfangen, dann ist doch wenigstens die Hoffnung da, daß sich ein Teil von ihnen als brauchbar zeigen wird. Ob gut oder schlecht, wir werden unser Menschenmaterial nicht im Galuth ändern können, da es dem Galuth entstammt. Mit diesen Händen werden wir bauen müssen, oder wir werden überhaupt nicht bauen. Diese Hände aber sind da und warten darauf, daß man sie rufe. Die dritte Bedingung ist das Geld. Anfänglich haben wir mit den Mitteln gerechnet, welche die