Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 25 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 25 18. Juni 1920 7. Jahrgang Der 16. Delegiertentag In den Tagen vom 20. bis einschließlich 24. Juni findet in Berlin der 16. Delegiertentag der Zionisten Deutschlands statt. Der Tagung kommt schon vermöge des Zeitpunktes, in der sie stattfindet, kurz nach den Resultaten von San Remo, die den Schlußstein der Vorbereitungserfolge des politischen Zionismus darstellen, nach denen wohl alles, was nun zu kommen hat, als Ausführung anzusehen ist, eine ganz außerordentliche Wichtigkeit zu. Bei allem Ernst, der sich in den Kreisen der deutschen Zionisten in der Würdigung des Augenblickes zeigt, machen sich aber doch Bestrebungen geltend, die den Delegiertentag in einem erheblichen Teil seiner Beratungen stark von der wesentlichsten Aufgabe, praktische Arbeit zu leisten, ablenken werden. Aus den berechtigten Versuchen, die innere Gruppierung in der Organisation zu klären, scheint leider ein heftiger theoretischer Streit um die Vorherrschaft werden zu wollen. Ein Streit, der den letzten Delegiertentag vor dem Kriege nahezu ausfüllte und nun offenbar, wenn auch teilweise von anderen Personen, fortgesetzt werden soll. Wir haben schon damals die Auffassung vertreten, daß innerhalb der zionistischen Organisation sehr verschiedenartige Meinungen Platz haben, wenn sie sich im Baseler Programm vereinigen, wenn sie, sei es auch mit verschiedenen Mitteln, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstreben. Heute, da das Ziel der politischen Zuerkennung Palästinas erreicht ist und die Arbeit am Aufbau unter allen Umständen auf der breitesten Basis, die überhaupt möglich ist, durchgeführt werden muß, gilt dies in bedeutend verstärktem Maße. Es kann daher nicht angehen. daß die sich scheidenden Gruppen etwa so weit gehen, sich gegenseitig die Berechtigung im Zionismus abzusprechen, und so sehr wir beispielsweise vom Standpunkt der allzu sehr als opportunistisch verschrienen „Revisionistengruppe“ Lewin-Weil entfernt sind, glauben wir doch, daß auch sie ihren vollen Platz in der zionistischen Arbeit haben soll. Es können nicht alle Zionisten jugendliche Heißsporne sein und selbst wenn man auf dem Standpunkt stünde, daß man bei allen Zionisten das jugendliche Feuer wünsche, wird man solche Gesinnungsgenossen, die auf ihre Weise nach Kräften an der gemeinsamen Aufgabe mitwirken, nicht minder willkommen heißen dürfen, als die extremsten „Jungzionisten“. Die ganzen Streitfragen, die den Delegiertentag über Gebühr in Anspruch zu nehmen drohen, haben einigermaßen lokale Färbung und machen den Eindruck, daß sie einen unnötig vergröberten Streit darstellen, wo es sich in der Tat um kaum mehr handelt, als um Gliederung nach Anschauung und Temperament. Der ruhige Beobachter. der der hitzigen Berliner Atmosphäre entrückt ist, findet in den Programmen aller Gruppen Forderungen, die er akzeptieren möchte, und gelangt zu dem Resultat, daß dieser Streit, wenn er um die Vorherrschaft im Zionismus geht, unberechtigt ist: als solcher dürfte er erst in Palästina stärker hertortreten. Wir möchten wünschen, daß jeder Zionist sein Bestes gibt, daß man aber auch jedem dazu die Möglichkeit läßt. Die praktischen Aufgaben des Delegiertentages sind s® außerordentlich groß, er wird so entscheidend auf die nächste Entwicklung des Zionismus in Deutschland einwirken, daß es ein Unfug wäre, die kostbare Zeit wieder einmal mit theoretischen Streitigkeiten zu vergeuden und wir fürchten, daß Veranlassung ist, diese Mahnung den Führern aller Gruppen zuzurufen. Seit mehr als zwei Jahren sind in Deutschland mehrere Gelegenheiten, praktische Arbeit zu leisten, Phantomen zuliebe versäumt worden und es muß verlangt werden, daß das Verantwortungsgefühl der gegenwärtigen zionistischen Leitung und aller führenden Menschen im Zionismus groß genug ist, um die Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Forderung der praktischen Arbeit zu lenken. Gleichviel wie groß man die Möglichkeiten der Palästinakolonisation einschätzt. Darüber sind sich hoffentlich alle einig, daß die größten Anstrengungen gerade ausreichen werden, um das Mögliche zu erreichen. Wenn man mit Bedauern feststellen muß, daß die Nachricht von San Remo die Juden in Deutschland ziemlich kühl ließ, so ist die stärkste Kritik der deutschen Zionisten ausgesprochen. Es wird besonders nötig sein, in den kommenden Monaten dem Zionismus auch in Deutschland die breite Basis zu verschaffen, die ihm nach seiner politischen Stellung in der Welt heute zukommt. Wenn wir uns beispielsweise mit der Aufgabe der Finanzierung des Palästinaaufbaues befassen, müssen wir sofort erkennen, daß sie nur durchgeführt werden kann, wenn wir alle Juden mit dem Bewußtsein ihrer Notwendigkeit erfüllen, das heißt all die Versäumnisse der Propaganda der letzten Jahre mit größter Beschleunigung nachzuholen gewillt sind. Auch die zionistische Jugend wird erkennen müssen, daß es nicht genügt sich zu intensivieren, daß es nicht ausreicht, sich die — gewiß ungeheuer wichtigen und unerläßlichen — Kenntnisse des Hebräischen, der jüdischen Geschichte, besonders auch Palästinas zu erwerben, sondern daß die organisatorischen Erfordernisse im vollen Umfang erfüllt werden müssen, weil wir sonst einfach an den realen Dingen scheitern werden. Es wird angesichts des immer stärker in Erscheinung tretenden Widerwillens in den Kreisen der zionistischen Jugend gegen organisatorische Arbeiten notwendig sein, daß der Delegiertentag gerade in dieser Richtung Klarheit schafft. Hoffentlich begnügt man sich deshalb, den theoretischen Streit mit knappen Auseinandersetzungen der Anschauungen zu erledigen, ohne auf der einen Seite den Zionismus abzusprechen oder auf der anderen Seite die ganz unnötige Programmrevision durchsetzen zu wollen, und verliert nicht unnötig viel Zeit damit. Der Delegiertentag benütze seine Zeit vorzugsweise für die Beratung der PalästinaarbeiL und für die praktischen Organisationen, sowie die erzieherischen und speziellen Aufgaben in Deutschland. Es gibt kaum Vorschläge nennenswerter praktischer Arbeiten, gegen die eine Richtung sich prinzipiell wenden dürfte und so mögen sich die Parteien in ihren Leistungen zu übertreffen suchen. J. R.