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Das jüdische Echo · 1920-06-11 · 24 (11.6.1920) · p. Seite 275

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 275 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 275 uns, wo man konnte. Der normale Franzose bewarf uns mit Steinen, spuckte vor uns aus, drohte mit der Faust, nur der Zartbesaitete ging aus Ekel in die Nebenstraße, wenn ein Zug deutscher Kriegsgefangener durch die Straßen marschierte. Zu den physischen Leiden, Qualen und Entbehrungen, denen etwa der fünfte Teil von uns erlag, gesellte sich die Verzweiflung. Eine dumpfe Mutlosigkeit hatte uns erfaßt und hielt uns lange, wochen-, monate-, jahrelang gefesselt. Die Hoffnung auf Deutschland hatten wir aufgegeben. 1916 hatte man uns versprochen, 1917 werde alles vorbei sein; 1917 hatten wir unsere Hoffnungen auf die Offensive des Jahres 1918 gerichtet, dann erwarteten wir vom Waffenstillstand unser Heil, von den Friedensverhandlungen, vom Friedensschluß, von der Ratifizierung. Für uns blieb stets alles das Gleiche: Wir waren weniger als Sklaven, weniger als die erbärmlichsten Hunde. Die HoFnung auf Deutschland hatten wir aufgegeben. Wenn man uns, diesen Getretenen, Geschundenen, Mißhandelten aus Deutschland schrieb, dann teilte man uns mit, daß man in der Heimat große Versammlungen unseretwegen abhalte und daß man in Deutschland beim Bier und bei der Zigarre unsere Herausgabe verlange. Und dann schrieb man uns von den Vergnügungen, den Kaffeehausbesuchen, Gesellschaften, Theater, vom Tanzen und von der Parteipolitik, die uns genau so albern erscheinen mußte wie der Fox-Trott. Der Psychologe wird es verstehen können, daß viele von uns die Briefe aus der Heimat ungelesen ins Feuer warfen. Wir Juden, die wir mit den Kriegsgefangenen, Arbeitern, Bauern, Kaufleuten standen wie mit Brüdern, erhofften vieles von den Juden in Frankreich. Keine Befreiung, keine Erlösung, aber liebe Worte, Zeichen der Zusammengehörigkeit, Zeichen, daß man uns als Menschen ansah. Die Zeichen blieben aus, die Worte blieben aus. Nicht nur wir Juden warteten auf freundliche Äußerungen von französischen Juden, auch die nichtjüdischen Mitgefangenen sagten es hundertmal: „Ja, ist es denn nicht so, daß die Juden eine große Familie bilden? In Deutschland erzählt man doch, die Juden hielten zusammen wie Pech und Schwefel.“ — Auch die nichtjüdischen Gefangenen warteten mit schmerzlicher Sehnsucht auf die befreienden Liebeszeichen der französischen Juden. Denn wer uns, den gefangenen Juden, Gutes tat, der tat es auch unseren Brüdern, den nichtjüdischen Gefangenen. Evangelische Geistliche erschienen in den Lagern, katholische hielten in den Lagern Messen ab. Sie streuten nicht in verschwenderischer Fülle christliche Nächstenliebe um sich. Wir waren Boches und der Abstand zwischen cochon boche und dem Franzosen war so groß, daß hier auch die christliche Nächstenliebe nicht überbrücken konnte. Aber sie kamen wenigstens und wenn sie auch mit ihrem Erbarmen und mit ihrer Liebe zurückhielten, so bewiesen sie doch durch ihre Anwesenheit, daß sie — im Unterbewußtsein vielleicht — Mitleid hatten. Auch uns Juden wurden Feiertage und Gottesdienste bewilligt. Aber es erschien kein Rabbiner. kein Kantor, kein Schammes. Wir baten oft um den Besuch eines jüdischen Geistlichen, aber es kam keiner; sie waren sich alle zu gut dazu. Waren sie sich wirklich zu gut dazu? War hier dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, von dem so viel gesprochen wird und das meiner Ansicht nach trotz aller Ausschaltungsbemühungen da ist, gestorben? Ach nein, das glaubt wohl keiner. Es war Feigheit, schändliche Feigheit. Man trieb die Feigheit so weit, daß man den Bruder verriet. Und in Deutschland sind die Juden Kapitalisten, Bolschewisten, Kommunisten, Sozialisten, Demokraten, Monarchisten. Wer will der Masse der Juden in Deutschland Feigheit vorwerfen, den Juden, die so bunt sind in der politischen Zugehörigkeit, die sich keineswegs der vorherrschenden Tendenz in die Arme werfen? Vielleicht haben sie es nicht gewußt, daß es uns gar so erbärmlich ergangen ist? Glaubt das nicht! Man darf den Kriegsgefangenen in Frankreich nicht mit dem in Deutschland vergleichen. Jedes Kind mußte sehen, daß man uns nicht wie Menschen behandelte, wir wurden gefesselt durch die Straßen geführt, wir steckten mehr im Gefängnis als außerhalb, wir waren in Lumpen gehüllt und gingen barfuß oder in Holzlatschen. Wenn wir vierzehn Stunden lang in der Brikettfabrik — schwarz wie die Neger — schuften mußten oder zwölf Stunden lang Zweizentnersäcke auf dem Buckel trugen, dann stand ein Heer von Aufsehern rings um uns herum und jeder Mensch konnte, mußte sehen, wie man uns mit „allez, allez“ und dem Revolver antrieb. Wußten die Juden in Frankreich nicht, daß I ÄlL Gartenbaugeschäft Gebr. 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