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Das jüdische Echo · 1920-06-11 · 24 (11.6.1920) · p. Seite 276

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 276 (sequence 8)
Language
German
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276 Das Jüdische Echo Nr. 24 unter diesen Sklaven auch Juden waren? Wohl wußten sie es, aber sie waren feige. Die jüdischen Gesichter, weibliche wie männliche, wandten sich ab, wenn der Sklave auch ein Judengesicht hatte. Sie verrieten uns aus Feigheit! Unter unseren französischen Offizieren, Dolmetschern, Posten waren Juden. Sie waren vielfach die Grausamsten. Sie gaben uns Juden niemals Gelegenheit, ihnen sagen zu dürfen, daß auch wir Juden seien. Und sie wußten, daß wir Juden waren, sie hatten unsere Papiere in der Hand. Jahrelang hat dir kein Franzose die Hand gedrückt, dir. dem Boche, dem Sklaven, dem Schwein. Warum hat sich nicht ein Jude gefunden, der es gewagt hätte, sie dir verstohlen zu drücken?! Abramy, Mandel, Wormser, die Unterstaatssekretäre, auf die sich Clemenceau stützte und die die grausamsten Befehle gegen uns Kriegsgefangene herausbrachten, waren Juden. Ich habe keinen Rabbiner in Frankreich zu sehen bekommen. Mitgefangene Juden, die früher in anderen Lagern gewesen waren, erzählen, wo anders — täusche ich micht nicht, so war es in Nantes — sei einmal an einem Feiertag ein Rabbiner erschienen, Gottesdienst zu halten. Aber er predigte den Armen nicht von der Barmherzigkeit und den Kindern Gottes, sondern er erzählte den zu Tode Gehetzten, den Brüdern, daß sie Barbaren seien, Nichtswürdige, Banditen, und daß sie Buße tun sollten. Haben sie nicht recht daran getan, daß sie die Gottesdienst-Baracke verließen und den gottlosen Rabbiner stehen ließen?! Es war im Januar des Jahres 1920. Ich lag im Lazarett zu Reims, d'a kam die Freudenbotschaft, daß die deutschen Kriegsgefangenen nun endgültig in die Heimat zurückgeschickt werden sollten. Zwei Tage bevor der Rücktransport begann, wurde um Mitternacht ein Kriegsgefangener eingeliefert, der ein paar Körnchen Viehsalz gegessen hatte. Er lag einige Betten von mir entfernt. Am Morgen sah ich, wie er an der Vergiftung starb. Es war ein dreißig, fünfunddreißigjähriger Jude aus Köln, der Sohn einer der angesehensten jüdischen Familien Kölns, seit 1914 Kriegsgefangener. Fünfeinhalb Jahre war er gefangen gewesen. Nun sollte es in zwei Tagen in die Heimat gehen. Die Familie wartete auf den Sohn, statt dessen kam die Meldung von seinem Tod. Man pflegte die toten Kriegsgefangenen auf einer Karre zum Friedhof zu fahren und sie dort zu verscharren. An der Mauer. Ohne geistlichen Beistand, ohne Trauergebet. Wir waren mehrere Juden im Lazarett. Sollte der Verstorbene ebenso schmählich beerdigt werden? Wir setzten es bei der französichen Lazarettverwaltung durch, daß zwei von uns zu dem Rabbiner von Reims gehen durften, um ihn zur Beerdigung zu bitten.-Sie ka'men ins Haus des Rabbiners. Hätte der Rabbiner sie nicht empfangen, bewirten, ihnen Tröstliches sagen können, müssen? Er empfing sie nicht! Boches? Er, der Herr Rabbiner, Boches empfangen? Nein, das ging denn doch gegen seine Würde! Die Frau Rabbiner verhandelte draußen am Korridor mit den jüdischen Kriegsgefangenen, sagte, daß sie nicht glaube, daß ihr Mann kommen könne, sie werde einmal sehen . . . und atmete auf, als die Boches ihrer Wege gegangen waren. Zur Stunde der Beerdigung stand auf dem Friedhof neben dem geschaufelten Grab nicht etwa der Rabbiner, sondern ein Anderer, wohl der Schammes, abgewandt, verschlossen, und als der Sarg in die Grube gesenkt wurde, murmelte er ein Gebet, wohl das Kaddisch, vor sich hin. Daß er ein paar Worte gesprochen hätte, daß er einen von den deutschen Juden, die mit dem Sarg gekommen waren, angesprochen hätte, ihm die Hand gedrückt hätte —, aber nein, er murmelte schamhaft wie ein Kind sein Gebet und verzog sich alsbald im Geschwindeschritt. Die Gebete werden vom Herrn wohlgefällig aufgenommen, nicht? Dieses Gebet auch? Nach dreieinhalbjähriger Abwesenheit bin ich nach Deutschland zurückgekommen. Hier wütet der Antisemitismus, aber ich freue mich, daß sich die Juden hier in Deutschland nicht der herrschenden Tendenz in die Arme geworfen haben, daß sie Monarchisten sind, Demokraten, Sozialisten, Kommunisten, Bolschewisten, daß sie Charakter haben. Gemeindenu. Vereins-Echo Orthodoxie und Zionismus in Stuttgart. Zum ersten Male, seit die Stuttgarter Religionsgesellschaft existiert, hörte man vergangenen Samstag im Bethaus derselben den Namen „Zion“ vollständig in jüdisch-nationalem Sinne. Herr Rabbiner Dr. Ansbacher aus Heilbronn, der auf Wunsch der Orthodoxen Gemeinde von Zeit zu Zeit zur Sabbath-Predigt hierher kommt, verstand es in seiner frommen Predigt, die Andächtigen auf das große weltgeschichtliche Ereignis in San- Remo und dessen wichtige Bedeutung für das Judentum im Allgemeinen, so wie für den deutschen Juden insbesondere hinzuweisen. Möge die Handlung dieses orthodoxen Rabbiners allen Rabbinern Deutschlands als Beispiel dienen. Wir Zionisten aber können unsere Freude nur mit dem Zuruf „chasack-venischasack“ ausdrücken. N.G. Bruchsal. Am 30. Mai hielt Herr Karl Glaser, Nürnberg, in der hiesigen Ortsgruppe einen öffentlichen Vortrag über das Thema: „Jüdische Realpolitik“. In flammenden Wiorten entwickelte der Redner uns ein Allgemeinbild der gegenwärtigen Lage der Judenbeit und leitete dann nach Palä- $dg(td? 5t»ct SiuSgaben

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