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Das jüdische Echo · 1920-06-11 · 24 (11.6.1920) · p. Seite 272

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
Seite 272 (sequence 4)
Language
German
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272 Das Jüdische Echo Nr. 24 wird sie die Würdellosigkeit, die jetzt schon bei vielen Juden beschämend ist, übertreffen und diese Schwächung der jüdischen Seele erscheint uns als die schlimmste Folge der Jud'enhetze. Es ist deshalb eine ungeheuer wichtige, a 1 ill e n an der Erhaltung des Judentums interessierten Richtungen gemeinsame Aufgabe, dieser Schwächung der jüdischen Seele entgegenzutreten. In erster Linie ist jeder Jude, der überhaupt zu erfassen ist. dahin zu bringen, sich intensiv mit jüdischen Dingen zu beschäftigen, mit den jüdischen Problemen unserer Tage sowohl, als mit den Geisteswerken des jüdischen Volks. Dies ist keine parteimäßige Forderung; sie geht alle Richtungen gleichmäßig an. Da drängen sich die jüdischen Erziehungs- und Kulturaufgaben, die heute so gröblich vernachlässigt werden. Es gibt ein Beispiel in der jüdischen Geschichte, das breiter ausdrückt, was wir meinen, als alle Worte und Programme. Als Titus dem Rabbi Jochanan ben Sakkai vor Jerusalem einen Wunsch zu erfüllen versprach, bat dieser: Gib mir Jabne. Die Pflegstätte jüdischen Geisteslebens wa'r ihm inmitten des allgemeinen Untergangs das wichtigste. Was geschieht im deutschen Judentum für „Jabne“?! Eins greift ins andere. Die Teile des Judenproblems sind so völlig ineinander verflochten, daß es unmöglich ist, sie scharf zu trennen und sich etwa ausschließlich einer Aufgabe zu widmen unter Mißachtung der übrigen. Wir glauben nicht, daß die Zionisten sich dauernd der Bekämpfung des Antisemitismus, wie wir sie hier angedeutet haben, entziehen können; wir glauben ebenso wenig, daß die Juden, die bisher dem Zionismus fernstanden, am Aufbau des jüdischen Palästinas unbeteiligt bleiben können. Hier entsteht eine Aufgabe von ungeheuerlicher Größe, die nur mit den vereinigten Kräften aller Juden bewältigt werden kann. Was in Palästina geschieht, wird in das Leben jedes Juden in jedem Land eingreifen, es wird für jeden einzelnen von einer eminent realen Bedeutung sein. Darüber hinaus gibt es aber heute für große Teile der Judenheit. die nicht mehr in der Religion verwurzelt sind, überhaupt keine andere Möglichkeit, die innere Erstarkung zu finden, von der wir sprechen, als die Beteiligung am Aufbau Palästinas. Vor adern findet die geistig am stärksten bedrohte Jugend in den Hoffnungen, die mit dem Werden des jüdischen Gemeinwesens verknüpf sind, die Begeisterung, die sie gegen alle Anfechtungen des Tages sichert. So lautet die Forderung: Einheitsfront gegen den Antisemitismus. Einheitsfront des kulturellen Strebens (mögen hier die Richtungen in edlem Wettbewerb ihren Wert beweisen). Einheitsfront zum Aufbau des jüdischen Palästina. Offener Brief an Herrn Dr. Paul Nathan Sehr geehrter Herr Dr. Nathan! Sie nahmen die arabischen Ausschreitungen gegen die Juden in Jerusalem zum Anlaß ausführlicher Erörterung des Zionismus und des Palästinaproblems in der „Neuen Freien Presse“, die von einer unbestreitbaren Sachkenntnis getragen ist. Daß Sie die Möglichkeiten, die in Palästina für die Juden gegeben sind, zurückhaltender beurteilen als viele andere, die das Land nicht minder gut kennen, ist für ihre Stelung zum Problem nicht ausschlaggebend. Letzten Endes wird nur die Erfahrung darüber entscheiden können, was in Palästina möglich ist. Immerhin finden auch Sie:.Diese englische Politik wird den zionistischen Juden Spielraum genug gewähren, um in Palästina wie bisher an der Klagemauer beten zu können; um in Palästina den Acker zu bebauen und Waren ein- und auiszuführen; jüdische Siedlungen werden zweifellos auch Selbstverwaltung erhalten, wie denn nach diesen Grundsätzen die Engländer überall in der Welt verfahren. Auf sollcher Unterlage kann auch eine neue hebräische Geisteskultur sich allmählich entwickeln. Damit ergibt sich eine Summe von Möglichkeiten für das Judentum, die nicht gering zu veranschlagen sind. Solche Möglichkeiten werden im wesentlichen auch den Juden genügen müssen, und sie können ihnen genügen, wenn sie die Lage zu benützen verstehen.“ Dies ist entscheidend! Werden die Juden die Lage zu benützen verstehen, welche die politische Arbeit der Zionisten geschaffen hat? Es ist ohne Zweifel, da'ß die zionistischen Kräfte nicht ausreichen werden, um die Möglichkeiten, die heute in Palästina geboten werden, völlig auszuschöpfen. Es wird unerläßlich, daß alle überhaupt noch am Judentum interessierten Juden nach: Kräften am Aufbau Palästinas mitwirken. der die Angelegenheit des gesamten Judentums ist. Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Nathan, braucht nicht gesagt werden, wie entscheidend ein jüdisches Palästina auf das Leben aller Juden in der Diaspora einwirken wird, daß Erfolg und Mißerfolg der Pällästina-Arbeit, auf die der Blick dar ganzen Welt gerichtet sein wird, daß das was die Juden in Palästina zu schaffen vermögen oder nicht vermögen, auf die moralische Stellung der Juden in aller Welt von allergrößtem Einfluß sein wind. S i e sind sich zweifellos darüber klar, sehr geehrter Herr Dr. Nathan, aber in den Ihnen nahestehenden „liberalen“ jüdischen Kreisen hat man offenbar keinen Begriff davon, daß „man“ von dieser Angelegenheit auch berührt werden könnte, denn — das „Berliner Tageblatt“ sagt ja nichts darüber. Sind Sie nun bereit, daran mitzuwirken, daß die deutschen Juden zur Erfüllung ihrer Pflicht gemahnt werden? daß sie dazu gebracht werden, am Aufbau Palästinas in einem Maße teilzunehmen, das der bisherigen Stellung der deutschen Juden in der jüdischen Welt und ihren Pflichten als nächste Nachbarn der so schwer bedrohten ostjüdischen Massen entspricht? Hier entsteht für die jüdischen Führer aller Richtungen eine Aufgabe von so außerordentlicher Größe, daß ihr gegenüber das Meiste, was sonst geschieht, nahezu belanglos erscheint. Sind Sie bereit sich an dieser Aufgabe zu beteiligen und Ihren Einfluß im deutschen Judentum für dieselbe einzusetzen? Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung. Ihr ergebener J. Glogauer. Neuordnung der badisch-jüdischen Verfassung Die aus dem demokratischen Wahlrecht hervorgegangene Synode der badischen Juden tagte vpm 31. Mai bis 2. Juni in Karlsruhe. Der Initiative der zionistischen und konservativen Vertreter gelang es durchzusetzen, daß der bisherige Oberrat, an dessen Spitze ein nichtjüdischer Ministerialkommissär gestanden hatte, zurücktrat. Es wurde eine kurze provisorische Verfassung einstimmig angenommen, wonach von nun an die Synode die

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