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Das jüdische Echo · 1920-06-11 · 24 (11.6.1920) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
24 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 24 II. Juni 1920 7. Jahrgang Nach den Wahlen Von Jakob Koppel. Die Wahlagitation ist, wie vorauszusehen war, von den Parteien der Rechten auf Kosten der Juden gemacht worden, mit einem Erfolg, der angesichts der angewandten ungemein plumpen und schmutzigen Mittel, angesichts der Aufwendung von Lüge und Verleumdung, ein sehr betrübliches Zeichen für die Intelligenz der deutschen Wählermassen bildet. Wenn erfahrene Politiker, wie Graf Ernst Reventlow, einen so dummen und plumpen Schwindel, wie die Geschichte der „Geheimnisse der Weisen von Zion“ zu verbreiten sich nicht entblöden, so muß die Urteilskraft der deutschen Wählermassen bedenklich tief stehen und die Wahlergebnisse zeigen, daß die Taktik der Reaktion richtig gewesen, daß sie mit den von Lügen lebenden Judenhetze glänzende Geschäfte gemacht hat. Als einigermaßen frei von den Einflüssen der antisemitischen Hetze können eigentlich nur die sozialistischen Parteien bezeichnet werden und es beleuchtet nichts stärker die politische Lage der Juden als folgende Wahlresultate in Bayern: Die S.P.D. ist von einem Anhang von 1 110 000 bei den Reichstagswahlen 1919 auf 483 000 zurückgegangen, die drei sozialdemokratischen Parteien behielten weniger als die Hälfte ihrer Gefolgschaft der Reichstagwahlen 1919. Noch schlimmer ist das Resultat für die deutschdemokratische Partei, die volle zwei Drittel ihrer Anhängerschaft verloren hat. Wir müssen uns bei diesen Resultaten fragen, was denn die Juden selbst in einer Wahlbewegung getan hlaben. bei der es zum großen Teil um uns ging, der Antisemitismus die Hauptparole spielte. Mit Beschämung müssen wir feststelilen, daß die jüdischen Organisationen, die hier einzugreifen gehabt hätten und deren Aufgabe es gewesen wäre in der öffentlichen Erörterung der Judenfrage energisch und zielbewußt aufzutreten, statt die öffentliche Meinung kampflos den antisemitischen Hetzern zu überlassen, völlig versagt haben. Wir sind uns, indem wir dies schreiben, durchaus klar, daß die Aufgabe eine ungemein schwierige ist. Es ist schwer, gegen solch nackten Blödsinn, wie ihn die Antisemiten verbreiten, ernsthaft aufzutreten. Es darf aber nicht vergessen werden, daß er wirkt und deshalb besteht die Aufgabe eines energischen Auftretens in voller Öffentlichkeit nichts desto weniger für diejenigen, die sie einmal übernommen haben. Es muß gesagt werden, sie sind ihr nicht nathgekommen. Eine der beschämendsten Erscheinungen im ganzen Wahlkampf war zweifellos das Plakat der D.D.P. „Zur Judenfrage“, worin versucht wurde, den antisemitischen Parteien auf übelste antisemitische Art entgegenzutreten, indem man ihnen, vermutlich an Hand des Semi-Gotha' Beziehungen zu Juden nachsagte und wir müssen gestehen, daß uns bei dieser unwürdigen Kampfesweise der demokratischen Parteien — auch gegenüber der üblen Judenhetze unwürdig — die Niederlage, die sie erlitten haben, nicht ganz unverdient erscheint. Derartige Dinge aber müssen entstehen, wenn wir Juden es Leuten überlassen, gegen die Judenfeinde aufzutreten, die dazu in keiner Weise geeignet sein können, anstatt selbst energisch und furchtlos auf den Plan zu treten. Die Judenschaft Deutschlands darf unter keinen Umständen auf die Dauer dulden, daß die Bekämpfung ihrer Feinde auf den Hintertreppen der Behörden und in den verstecktesten Winkeln der Presse erfolgt, während es eine absolute und nicht länger zu vernachlässigende Notwendigkeit ist. daß wir selbst mit Energie die öffentliche Auseinandersetzung über die Judenfrage herbeiund1 durchführen. Es müssen dafür Mittel und Wege geschaffen werden, die sich von den bisher geübten Mitteln vollkommen unterscheiden, und die Angst, durch öffentliche Auseinandersetzung „Rischus“ zu machen, angesichts der schmutzigen Welle der Judenhetze in allen Straßen ist eine Lächerlichkeit. Es darf sich nicht darum handeln, da und dort kleine Folgen der Judenhetze abzuschwächen, sondern es muß der Versuch gemacht werden, der antisemitischen Einwirkung auf die öffentliche Meinung entgegenzutreten. Und alle größeren jüdischen Organisationen, die sich dieser Aufgabe entziehen, vernachlässigen eine ihnen obliegende Pflicht aufs Gröbste. Eine Voraussetzungfür Wirksames Auftreten ist allerdings die jüdische Einheitsfront, deren Zustandekommen immer wieder an der Einseitigkeit einzelner Personen scheitert, der jüdischen Einheitsfront, die wir zur Bekämpfung des Antisemitismus, aber nicht nur dazu brauchen. Unsere Zeit ist so entscheidend für die Existenz von Generationen des jüdischen Volkes, daß die Einheitsfront für das Zusammenwirken aller, wenigstens für die wichtigen und großen Aufgaben notwendig wird. Solange beispielsweise dem Zentralverein die Bekämpfung des Zionismus wichtiger ist. als seine Tätigkeit gegen den Antisemitismus, solange wird naturgemäß seine Arbeit schwächlich sein müssen. So ernst wir auch die Folgen der Judenhetze, der Vergiftung des deutschen Volkes mit den antisemitischen Lügen auffassen, so bedrückend auch das Beispiel ist, das Ungarn in dieser Richtung bietet, so vermögen wir jedoch nicht in diesen äußeren Folgen die schlimmste Wirkung des Antisemitismus zu erblicken. Weit schwerwiegender erscheint uns die betrübliche Tatsache, daß die antisemitische Gefahr das Interesse der Judenheit in Deutschland so sehr absorbiert, daß man nicht zuviel sagt, wenn man von einem Erlahmen des jüdischen Lebens spricht. Die geistigen und organisatorischen Leistungen der deutschen Judenheit in den letzten Jahren sind beschämend gering gewesen und es fällt ungemein schwer, die Juden für positive jüdische Leistungen zu gewinnen. Eine ungeheuere Zerstörung der jüdischen Selbstachtung tritt zutage und es graut einem davor sich auszumalen, wie die junge Generation, die jetzt aufwächst, hilflos der Judenhetze in der Schule und auf der Straße preisgegeben, ohne durch positive jüdische Dinge, seien sie religiöser oder nationaler Art. erfüllt zu werden und ohne die notwendige innere Widerstandskraft zu haben, einmal aussehen wird. Um wieviel

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