Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1920-06-04 · 23 (4.6.1920) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
23 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102977-9140665--03541-9076366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 23 Das Jüdische Echo 263 Herr Lin, den Tätigkeitsbericht und wies aut die Leistungen des Verbandes, insbesondere auf den Gebieten der sozialen Fürsorge und des Rechtsschutzes hin. Gleichzeitig hob er hervor, daß der Verba'nd an den großen Aufgaben des Gesamtjudentums aktiv mitzuwirken habe. Herr F. M. Kaufmann, der Generalsekretär des Arbeiternirsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands. beleuchtete sodann an Hand statistischen Materials die ostjüdische Einwanderung in Deutschland und legte dar. daß die jüdischen Emigranten, deren Zahl maßlos übertrieben wird, produktionsfähige Kräfte sind und für die deutsche Wirtschaft nutzbringend verwendet werden könnten. Herr Jakob Reich, Vorsitzender des Gesamtausschusses der Ostjuden in München, sprach über die Aufgaben des Verbandes, der darnach zu streben hat, daß die Ostjuden in allen sie betreffenden Angelegenheiten nicht als Objekt sondern als Subjekt fungieren sollen. Im Anschluß an die Referate berichteten die Vertreter der Ortsgruppen über die Lage der Ostjuden in ihren Städten und schilderten insbesondere das tragische, ergreifende Los der ostjüdischen Flüchtlinge. Die Frage der jüdischen Wanderung und der Flüchtlingsfürsorge be-- handelte Herr Dr. Taubes in einem eingehenden Referat und wies besonders darauf hin, daß Deutschland vornehmlich eine Etappe auf dem Wege der jüdischen Wanderung bildet. Einen Hauptgegenstand der Verhandlungen bildete der Ausbau der Organisation. Es wurde ein zweigliedriges Zentralkomitee als Leitung der ostjüdischen Gesamtorganisation in Deutschland gewählt, dem 5 Mitglieder aus Berlin und 7 aus der Provinz a'ngehören. Die Debatten nahmen einen würdigen Verlauf und führten zu voller Übereinstimmung in allen einschlägigen Fragen. Die Konferenz setzte die Richtlinien für die künftige Tätigkeit des Verbandes fest. Zum Schluß drückte sie ihren Dank an die jüdischen Gesamtorganisationen in Amerika aus für ihre segensreiche Hilfsaktion zu gunsten der notleidenden Juden in Osteuropa. Orthodoxe und Zionisten In Polen Aus Warschau wird gedrahtet: Die Repräsentanten der orthodoxen Organisationen „Schlojme Emuneh Jisrael“ haben sich aus der Kommission, die mit der Organisierung des Kongresses zur Behandlung aller auf den Wiederaufbau Bezug habenden Fragen beschäftigt ist, zurückgezogen. Die Tendenz dieses Beschlusses ist, die Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte zu verhindern. Die „Schlojme Emuneh Jisrael“ hat ihren ganzen Einfluß auf die jüdischen Massen in Polen infolge ihrer separatistischen Politik, die sich in der Verhinderung jeder vereinigten Aktion zeigt, verloren. Den Vorwand für den Absentierungsbeschluß der orthodoxen Organisation bildet die Forderung nach einer gleichen Anzahl von Delegierten, die dem provisorischen jüdischen Nationalrat zugestanden wurde. Die „Schlojme Emuneh Jisrael“ haben formell zugestimmt, daß die Zahl der Delegierten zum Kongreß der von ihrer Organisation erhaltenen Stimmenzahl zum polnischen Landtag entsprechen soll. Es zeigte sich jedoch, daß die Zionisten imstande waren, 250 000 Stimmen auf ihre Listen zu vereinigen, während die „Schlojme Emuneh Jisrael“ kaum 90 000 erhielten. Nichtsdestoweniger wird der Kongreß abgehalten werden und man erwartet, daß seine Beratungen für die weitere Entwicklung der Hilfsarbeit in Polen von großer Bedeutung sein werden. Äuf gut deutsch 1. Hochdeutsch. Das Hochdeutsche wird nur in sogenannten besseren Kreisen gesprochen. Es ist falsch, seinen Ursprung auf die lutherische Bibelübersetzung zurückzuführen. Es ist vielmehr aus der Gewohnheit hervorgegangen, Kaiserhochs auszubringen. Die Gewohnheit, zu brüllen: „Hoch unser herrlicher Kaiser!“ ist aber ganz in Vergessenheit geraten. Sogar die angestammte Treue versagte. a‘ls der Erfolg dem Kaiser untreu wurde. Zu Beginn des Krieges war das Hochdeutsche bis ins niedere Volk gedrungen. Jedermann war gehobener Stimmung. Mut gehorchte, Hochmut befehligte. Übermut regierte. Als dann aber Millionen gestorben und Milliarden verpulvert waren, ohne daß ein Ende des Krieges oder ein Anfang gerechter Besteuerung in Sicht kam, fing der gemeine Mann wieder zu reden an, wie ihm der Schnabel gewachsen war und schimpfte auf „den Schwindel“. Wenn der Hochdeutsche singt -- und das tut er mit Vorliebe — singt er „Deutschland über alles“ auf die Melodie von „Gott erhalte Franz den Kaiser“, — ein g r o ß deutsches Lied auf eine klein deutsche Weise. 2. Niederdeutsch. Das Niederdeutsche ist aus dem Hochdeutschen hervorgegangen. Als der gemeine Mann der hochdeutschen Phraseologie überdrüssig geworden war. suchte man seine gesunkene Stimmung wieder zu heben. Man machte eine Riesenreklame für „deutschen Geist“, ohne eine Spur davon zu verraten. Wenn sonst nichts verfing, beliebte man die Öde des Burgfriedens durch lustige kleine Judenhetzen. Man zählte die Juden im Heer. Man beschlagnahmte „Judenblätter“. Man erklärte den Kriegswucher für beschnitten. Aber der gemeine Mann fragte immer nur dagegen: „warum stimmt der jüdische Kriegswucherer in der ersten, der deutsche Held in der letzten preußischen W a h 1 k u r i e?“ und fiel, auf diesen Schwindel nicht mehr herein. Eines unschönen Tages kam dann der Zusammenbruch, In demselben Augenblick fingen alle Hochdeutschen wie besessen zu brüllen an: „Nieder mit dem Bolschewismus! Nieder mit den Juden! Nieder mit den Gewerkschaften!“ Dies war die Geburtsstunde des Niederdeutschen. Das Niederdeutsche ist ein Kauderwelsch, das russische Bauern, welche Bolschewisten, deutsche Juden, welche Kriegsgewinnler und Arbeiterführer, welche Koalitionsminister sind, in einen völkischen Nachttopf zusammenwirft. Einige jüdische Intellektuelle taten Niederdeutschlland den Gefallen, den Popanz zu machen, an dem es seine Wut über das eigene böse Gewissen austoben konnte. So sind diese Juden! 3. Münchner Platt. Nirgends wird so viel und so echt plattdeutsch gesprochen, wie gegenwärtig in München. Es gibt da sogar mehrere plattdeutsch g esch riebe ne Organe, die besonders in akademischen Kreisen reißenden Absatz finden. Man muß nämlich wissen, daß München neuerdings zur Metropole von „Europas Flachland“ erhoben worden ist und daß die wahren Plattdeutschen infolgedessen nicht mehr unter den Landsleuten von Fritz Reuter und Klaus Groth zu suchen sind, sondern unter jenen „völkischen“ Grobianen, die es für „Heimatkunst“ ansehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.