Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 23 (4.6.1920)
- Date
- 1920-06-04
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102977-9140665--03540-9076365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 Das Jüdische Echo Nr. 23 Eicheln und anderen Früchten zum Zwecke der Brotbereitung herstellte. Die Herstellung des Getreidebrotes bedingt nicht nur ausgedehnte Bodenflächen und ungeheuren Zeit- und Kraftaufwand, sondern verursacht auch durch die vielen notwendigen Operationen, besonders durch das Mahlen, einen nicht unbeträchtlichen Verlust an Nahrungswerten. Die Nebenprodukte des Brotes, wie Stroh, Kleie u. dergl. können nur durch eine rationelle Viehzucht richtig verwertet werden. Diese zieht ihrerseits den Fleischgenuß nach sich. Mit der Ausbreitung der Fleischkost wächst aber außer der körperlichen und sittlichen Verkommenheit auch die materielle Verarmung der Menschheit. Schon Humboldt hatte gesagt, daß der Boden, der zur Ernährung eines Fleischessers nötig ist, mindestens zehn Fruchtesser ernähren kann. Das ist der Fluch, der auf der Landwirtschaft in ihrer alten Form ruht und der nicht eher beseitigt werden kann, bis die Menschen den Nährwert des Obstes anerkennen und es anstelle anderer Nahrungsmittel gebrauchen werden. Erst wenn der Bedarf an Obst steigen wird, kann der Landwirt die Sklavenketten, die ihm sein Beruf auferlegt, allmählich abschütteln, und die Landwirtschaft den ehrenvollen Platz, der ihr in der menschlichen Gesellschaft gebührt, einnehmen. Die wirtschaftlichen Verschiebungen, die der Weltkrieg mit sich bringt, wird auch vielfach eine allmähliche Veränderung der Formen der Landwirtschaft und der Art der menschlichen Ernährung herbeiführen. Dieser Prozeß kann und muß in Palästina rascher und intensiver als anderswo vor sich gehen. Wie herrlich könnte sich die Lage der Kolonisten gestalten, wenn sie ihre Nahrungsmittel fast ausschließlich von ihren eigenen landwirtschaftlichen Betrieben beziehen und nur den Überschuß der Pflanzenprodukte zum Austausch gegen die nötigen Industriewaren u. dergl. verwenden würden. Wer sich dem landwirtschaftlichen Berufe nicht ganz widmen, sondern irgend eine andere Beschäftigung als Haupt- oder Nebenberuf ausüben will, kann immer noch auf seinem eigenen Grund und Boden so viel Nahrungsmittel erzeugen, um in der Hauptsache seinen Bedarf an Nahrung selbst oder durch Mitglieder seiner Familie zu decken. In der Zukunft werden diejenigen Völker wie auch einzelne Personen sich am sichersten und glücklichsten fühlen, die auf den Bezug von Nahrungsmitteln von anderen Händen nicht völlig angewiesen sind. Das sind die Lehren des Weltkrieges, die für die Gestaltung der menschlichen Zukunft nicht verloren gehen können. Die Befreiung von der Abhängigkeit in der Ernährung kann aber am sichersten durch eine größere Verwendung des Obstes als Nahrungsmittel erreicht werden. Allerdings kann sich eine Umwandlung in der menschlichen Ernährung nicht von heute auf morgen vollziehen. Es liegt aber an jedem einzelnen, den Versuch zu machen, die Fleischnahrung zunächst nach Möglichkeit einzuschränken und sie durch Pflanzenkost allmählich zu ersetzen. Mit der Gewöhnung des Menschen an die von der Natur für ihn bestimmte reine Fruchtkost kann der Boden für die Verwirklichung der Weissagung der jüdischen Propheten vom zukünftigen Frieden der Völker allmählich vorbereitet und schließlich das verlorene Paradies, wo der Mensch auch mit den Tieren im Frieden lebte, wieder gefunden werden. Der amerikanische Kriegsminister über die Palästina- Entscheidung in San Rcmo Aus New-York wird dem Jewish Corr. Bureau gemeldet: Der Kriegsminister Newton D. Baker hat an Dr. Stefan Wise nachstehenden Brief gerichtet: „Ich freue mich zusammen mit Ihnen, daß die Friedenskonferenz in San Remo das Mandat über Palästina an England übertragen hat. Dadurch wird eine große Gefahr von diesem Unternehmen, für welches Sie und so viele andere stets mit der größten Aufopferung gearbeitet haben, abgewendet. Ich kann mir nicht erlauben, zu sagen, daß ich viel mitgeholfen hätte. Hauptsächlich deshalb, weil ich nicht immer ganz die Möglichkeit dazu hatte. Sollte es aber Tatsache sein, daß mein lebhaftes Interesse für das jüdische Volk Ihrem Herzen auch nur den kleinsten Eindruck zurückgelassen hat, so würde ich immer sehr dankbar sein. Die Menschen haben immer Träume und schmieden Plä’ie. Zu meinen Träumen gehört der Wunsch, einmal nach Palästina fahren zu können und dort einen blühenden jüdischen Staat zu sehen. Wenn ich dieses Glück haben sollte, so würde es mich freuen, das Bewußtsein zu haben, Verwirklichungen von Hoffnungen, an die ich immer, auch d^n, als die Aussichten ungünstig waren, geglaubt habe, mitzuerleben.“ Der Zusammentritt der palästinensischen Konstituante verboten Ein Telegramm aus Jerusalem vom 18. Mai meldet, daß die palästinensische Verwaltung die Einberufung der Assifath Niwcharim, welche für den 26. Mai erfolgt war, verboten hat. Die Vorbereitungen und die Wahlen sind öffentlich und mit vollem Wissen der Administration vorgenommen worden. Das Verbot wurde motiviert durch die militärische Okkupation, welche den Zusammentritt einer gewählten Versammlung nicht zuläßt. Aus gleichem Grunde sei der arabische Kongreß verboten worden. Abberufung des General Bois aus Palästina London, 28. Mai. (Jüd. Korr.-Bur.) General Dietz ist soeben aus London in Konstantinopel eingetroffen. Wie man in gut unterrichteten Kreisen annimmt, soll Dietz an Stelle des Generals Bois als Chef-Administrator nach Palästina gehen. General Bois’ Stellung ist infolge der Ausschreitungen in Jerusalem erschüttert. Ostjüdische Konferenz Im Repräsentanten-Sitzungssaal der Berliner Jüdischen Gemeinde tagte am 16. und 17. Mai eine Konferenz des Verbandes der Ostjuden in Deutschland, an der 40 Delegierte aus den verschiedenen Teilen des Reiches teilgenommen haben. Während der zweitägigen Verhandlungen wurden alle das Ositjudentum in Deutschland berührenden aktuellen Fragen eingehend erörtert. Nach der Wahl des Präsidiums Lewiit (Berlin), Reich (München), Bader (Köln). Lin (Berlin), Dr. Taubes (Stuttgart) erstattete der Generalsekretär des Verbandes,