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Das jüdische Echo · 1920-06-04 · 23 (4.6.1920) · p. Seite 261

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
7 (1920)
Issue
23 (4.6.1920)
Date
1920-06-04
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 261 Obstgarten gestanden haben, wo die Natur selbst die köstlichsten Früchte dem Menschen ohne dessen eigenes Zutun in Fülle darbot. Jedenfalls entspricht diese Vorstellung dem natürlichen Instinkt des Menschen, auf den die Baumfrüchte die größte Anziehungskraft ausüben und der es ursprünglich nicht nötig hatte, die Pflanzungen selbst' anzubauen, sondern sie zu pflegen und vor Verwüstungen der Tiere zu schützen brauchte. Das erste Gebot, das nach der Bibel Gott an den Menschen gerichtet hatte, besagt, daß er von den Früchten des Baumes essen solle. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß die in der Bibel angeführte Stelle des Gartens Eden, d. h. die Gegend des Flusses Euphrat, wie überhaupt viele Gebiete von Mesopotamien, Syrien und Palästina in den Urzeiten reiche Obstgärten besaßen. (1. Mos. 1, 29,30; 2, 9, 15, 16.) Mit der Vermehrung und Ausbreitung des Menschengeschlechts tritt eine natürliche Verminderung der Baumfrüchte ein, und der Mensch war gezwungen, je nach dem Grad seiner Kulturstufe, sich durch Jagd, Viehzucht oder Ackerbau Nahrungsmittel zu verschaffen. Die Ostzucht konnte freilich von den unstet umherschweifenden Jägern und Nomaden nicht rationell getrieben werden! Der Ackerbauer befaßte sich nur gelegentlich mit Baumpflanzungen. Wie beim Jäger das Fleisch, so wurde beim Ackerbauer das Brot, das er „im Schweiße seines Angesichtes“ erzeugen mußte, zum Hauptbestandteil seiner Nahrung. Der Mensch hat es allmählich verlernt, Obst als wichtiges und ausreichendes Nahrungsmittel, das mit viel weniger Mühe und Anstrengung als die andere Kost erzeugt werden könnte, zu betrachten. Die Ursache der Ausbreitung der Getreidekulturen u. a. auf Kosten der Obstzucht liegt a*uf der Hand; Der halbkultivierte Mensch pflegte von der Hand in den Mund zu leben, dazu eignete sich der Getreide- und Gemüsebau, der zwar große Kraftanstrengung, aber keine besondere Gedul 1 und abwartende Zeit erforderte, mehr als die Baumkulturen. Der große Segen der Fruchtbaum- Pflanzungen besteht eben darin, daß mit der Zunahme ihrer Erntebeträge ihre Pflegebediirfigkeit verhältnismäßig verringert wird, und daß der Obstbaumbesitzer die dadurch gewonnene Zeit andersartig nutzbringend verwerten kann. Nach der Aussage der Bibel zogen die israelitischen Stämme als Viehhirten aus Kanaan wegen Nahrungsmittel nach Ägypten, wo Brotgetreide in großen Mengen angesammelt war. Der wasserreiche Nil, der periodisch große Bodenflächen überschwemmte und sie mit natürlichem Dünger versah, begünstigte den Getreidebau. Obst scheinen die Ägypter wenig kultiviert zu haben, dies geht u. a. daraus hervor, daß Jakob mit seiner Fruchtsendung von Datteln, Mandeln usw. aus Kanaan ein besonderes Wohlgefallen beim ägyptischen Regenten zu erregen suchte. Die Ägypter als vorwiegende Ackerbauer waren allerdings auf einer höheren Kulturstufe als die beruflichen Viehhirten, die sie als Barbaren oder minderwertiges Volk betrachten. (1. Mose 43, 11, 32; 46, 34.) Als die Juden nach Kanaan zurückkehrten, da fanden sie das dort ansässige Volk reichlich mit Obstzucht beschäftigt. (4. Mose 13, 24.) Das Land, einst: „fließend von Milch und Honig“, wo also Vieh- und Bienenzucht vorherrschte, bekam allmählich zahlreiche Obstgärten, so daß in der Blütezeit der jüdischen Geschichte „jeder unteir seinem Rebstock und seinem Feigenbaum“ friedlich lebte. Zahlreiche Spuren dieser Zeit finden wir heute noch im veralteten Terassenbau im verkarsteten judäischen Gebirge. Infolge der Vernichtung des jüdischen Staates und der beständigen kriegerischen Operationen Im Heiligen Lande wurden die Obstanlagen mit der Zeit gänzlich verstört. Aber die neue jüdische Kolonisation in Palästina hat gezeigt, daß dieses Land trotz der jahrhundertelang andauernden Verwüstungen sich immer noch vorzüglich für Baumpflanzungen eignet. In der Tat haben die Juden als Obstzüchter in Palästina den meisten Erfolg. Nach den reichen Orangenkulturen, besonders bei Jaffa, die bereits einen Weltruf erlangt haben, erwies sich in der jüngsten Zeit der Anbau von Mandeln als sehr lohnend. Die Mandelproduktion hat ebenso wie die Orangenplantagen in einigen Kolonien den Weinbau teilweise verdrängt. Es scheint, als ob die Vorsehung selbst der neuen jüdischen Kolonisation den Weg gezeigt hat, den sie in der Zukunft einschlagen müsse. Die notwendig gewordene Einschränkung der Weinproduktion entspricht den neuzeitlichen antialkoholischen, d. h. den sozial-ökonomischen und hygienisch-sittlichen Bestrebungen. Auch die Viehzucht will in den jüdischen Kolonien trotz der großen Anstrengung vieler Anhänger einer „rationellen Milchwirtschaft“ und dergl. absolut nicht gedeihen. Mit Ausnahme von ein paar Kolonien in der Nähe von Haifa und am Tiberiassee sind alle einigermaßen großangelegten Viehzuchtversuche wegen Mangel an ausreichenden Weideplätzen gescheitert. Die Zeit der Patriarchen, da im Lande Kanaan große Viehherden weiden konnten, ist unrettbar verloren. Die etwa 70 Seelen zählende Familie des letzten Patriarchen konnte schon mit ausschließlicher Viehzucht im Lande nicht mehr bestehen. Nicht allein als niedere Kulturstufe, sondern auch aus sozi'al-wirtschaftlicher Notwendigkeit mußte die Viehzucht dem Ackerbau den ersten Rang abtreten. Aus dem gleichen Grunde wird auch in der Zukunft der Getreidebau auf Kosten des Obst- und Gemüsebaus sich verringern müssen. Dem Getreidebau ist bereits eine große Konkurrenz in der Industrie erwachsen, weil diese u. a. einen weiten Raum zur Entfaltung individueller geistiger Fähigkeiten bietet, während jene keine hohen Ansprüche an die Intelligenz stellt. Die Fo'fee davon wird sein, daß sich der Landwirtschaft in ihrer jetzigen Form in der Zukunft meistenteils stumpfsinnige, mit einiger physischer Kraft ausgerüstete Personen zuwenden werden. Da jedoch mit der Zunahme der Bildung die Klasse dieser geistig Armen immer geringer wird, so könnte in absehbarer Zeit eine allgemeine Brotnot eintreten, wie sie bereits in der Kriegszeit stellenweise fühlbar geworden ist. Die Gesellschaft wird sich dann veranlaßt sehen, entweder einen Getreidebauzwang einzuführen oder auf Mittel zu sinnen, das Brot durch andere Nahrungsmittel zu ersetzen. Die Wissenschaft wird dann hoffentlich so weit gediehen sein, die von vielen Vegetariern bereits längst bewiesene Tatsache, daß das Brot ebenso wie das Fleisch für die menschliche Nahrung durch andere Früchte, besonders durch Baumfrüchte, leicht und mit Vorteil ersetzt werden kann,, als allgemeine Wahrheit anzuerkennen. In den biblischen Zeiten haben die Juden haltbares Brot aus Feigen, Rosinen und dergl. hergestellt. (Siehe „Die Volksnahrung des biblischen Judentums“, Nr. 23, 1919 d. BI.) Übrigens ist es bekannt, daß man in früheren Zeiten Mehl aus

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