Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 239 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jädlscke Echo 239 Feuilleton Reisebilder 1. Irgendwo in der Nähe von Eger schlich ich über die böhmische Grenze. Ich war auf einer kurzen Ferienwanderung; die Lust an dem kleinen Abenteuer lockte mich, ohne Grenzschein den Übergang ins Nachbarland zu versuchen. Trotz , der strengen Kontrolle gelangs, freilich nicht ganz ohne Fährlichkeit: man muß schon vorsichtig sein, denn die chauvinistischen tschechischen Gendarmen würden mit Vergnügen einen deutsch Sprechenden ein paar Tage festhalten. Da aber alles glatt ging, konnte ich an einem schönen Märzabend in Eger einziehen. Die Stadt ist wie tausend alte deutsche Kleinstädte; trotz historischer Reminiszenzen ist eigentlich nichts besonders Bemerkenswertes in ihr zu finden. Die Bevölkerung ist urdeutsch, betont deutsch; die Menschen haben jenen spezifisch österreichischen Unterton lascher Freundlichkeit, der als Erbteil der k. u. k. Monarchie den Völkern des zersplitterten Reiches unzertrennbar anhaftet. In einem kleinen Gasthof in der alten „Judengasse“, die längst keine Juden mehr birgt, fand ich Herberge. In der dunklen Gaststube ein Plakat: „Republika Ceskoslovenska“. Ich begann zu studieren: „Wahlen . . . Nationalanleihe . . . Versöhnung der Nationalitäten . . . gemeinsame Arbeit am Staat . . . Ruhe, Ordnung, Sicherheit.“ Der Wirt sah mir zu, lachend, wischte den Bierschaum aus dem Schnurbart und begann: „Ja, ja die Tschechen. Was haben wir mit ihnen zu tun? Wir wollten nichts von ihnen, wollten zu Deutschland. Und jetzt sitzen sie im Land mit ihrem Militär, ihren tschechischen Beamten, ihren hohen Preisen.“ Er räsonnierte, mein Wirt, redete mehr als er verstand und seine Zuhörer stimmten ihm bei. Immer wieder ging es: „Die Tschechen, was haben sie eigentlich hier zu suchen?“ Man identifiziert sich weder mit ihnen noch mit ihrem Staate. Man negiert diesen Staat, seine Versprechungen, seine Lockungen und Vorteile. Man will Deutscher sein, nichts anderes. Man pfeift auf Gleichberechtigung, Ansehen, Teilnahme an der Macht. Man ahnt, daß all dies mit deutschem Wesen, deutscher Gesinnung, deutscher Kultur und Sprache würde bezahlt werden müssen. Man fürchtet in diesen Grenzlanden den freundlichen Tschechen mehr als den feindlichen. Überall machte ich dieselben Erfahrungen: „Sie kamen ohne Paß über die Grenze? Jeder Bauer führt Sie wieder hinüber. Man freut sich hier, den'Tschechen ein Schnippchen zu schlagen.“ Es ist die Verschwörung eines ganzen Volkes, das von seiner Art nicht lassen will., Man kennt die geschickte, behutsame Art der Tschechisierung, die Beharrlichkeit, mit der man von Prag aus dem deutschen Böhmen zu Leibe gehen wird. Hier eine Schule, da eine Blindenanstalt, dort... Du willst Beamter werden? Schick Deine Kinder aufs tschechische Gymnasium! — Es gibt keins? Wieviel Beamtenfamilien sind in der Stadt? — So, dann besteht Bedürfnis; es wird eins errichtet werden. — Und der deutsche Beamte lehnt ab, verzichtet auf Anstellung, wandert lieber aus, nach Südamerika oder ins Reich. Der Bürger, der Bauer läßt sich schikanieren, aber wählt deutsch und bleibt deutsch. Ein Volk ringt um seine unsterbliche Seele und will lieber in der Gegenwart leiden als für alle Zukunft verdammt sein. 2. Die Zahl der Juden in Böhmen ist nicht gering. Die Gemeinden sind stark; auch die kleinen Städte beherbergen zahlreiche Familien,, da die Abwanderung in die Großstadt sich dort weniger bemerkbar macht als im Reich. Man ist gewöhnlich liberal; die Synagogen in jenem Maurenstil, der für jüdische Bethäuser so gewöhnlich ist wie der nüchterne Backsteilnbau für Bahnhöfe, haben Orgeln und „reformierten Ritus“. Noch vor zwei, drei Jahren sprachen die Juden des Egerlandes fast ausnahmslos deutsch und nannten sich bis auf einen Bruchteil „Deutsche“. Ja, sie waren vielfach die eigentlichen Träger des „Habsburger Gedankens“ und wollten für kaisertreu bis auf die Knochen gelten. Ein Teil ist deutsch geblieben: Sie wollen mit den Deutschen leben und sterben und nehmen sogar den sehr ausgeprägten deutschen Antisemitismus in Kauf, der sie oft mit verletzender Schärfe trifft. Daneben ist die Zahl der Nationaljuden in stetem Wachsen. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität in der Tschechoslovakei hat dem nationaljüdischen Gedanken einen gewaltigen Antrieb gegeben. Die jüngere Generation ist ausschließlich nationaljüdisch und die „vereinigten jüdischen Parteien“ hätten alle Aussicht, drei bis fünf Mandate bei den Wahlen zu erringen, wenn die Wahlordnung nur etwas gerechter wäre. Aber da sind die „cesko jidli“, die „tschechL sehen Juden“. Auch sie waren vor kurzem „Deutsche“ und sprechen zu Hause — nicht auf der Straße — durchaus deutsch. Auf der Straße reden sie tschechisch; als Nationalität geben sie die tschechische an. Sie bekämpfen den deutschen Nationalismus und den jüdischen Volksgedanken. Sie waren immer gegen Habsburg. Der Hradschin in Prag birgt ihnen heilige, nationale Erinnerungen. Auf Vorstellungen hin werden sie sehr zornig: „Was wollen Sie? Wir wohnen doch in der „Republika Ceskoslovenska“. Also sind wir Tschechen.“ Sie sprechen auch viel vom deutschen Antisemitismus und haben recht damit. Er ist wie überall brutal und niederträchtig. Aber in den tschechischen Dörfern wirft man auch nach Juden mit Steinen. Jüdische Nationalität? Schmus! Masaryk, der Präsident der Republik, ist ein Gerechtigkeitsnarr. Was haben wir von der Sache? Das war lediglich ein Fressen für die Zionisten und ihre Zeitung, die „Selbstwehr“ in Prag. Wenn das Egerland an Deutschland kommen würde, wären die „cesko jidli“ schnell wieder Deutsche und Mitglieder gewisser nicht unbekannter jüdisch-deutscher Organisationen. 3. Die jüdische Jugend dort unten ist ganz anders. Sie sucht. Sie wird sich ihres Judentums immer stärker bewußt und weiß doch mit dieser Erkenntnis nicht viel anzufangen. Es fehlt an Persönlichkeiten, an Organisationstalent. Es gibt viele Köpfe, aber kein Haupt. Es ist überall dasselbe, in Karlsbad, Eger, Pilsen und all den kleinen Gemeinden. So diskutiert man und kommt zu keinem Ziel. Aber man fühlt, daß hier ein Feld ist, das des Pfluges und des Samens harrt . . . G—.