Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 237 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 237 3. Die planmäßige Reproduktivierung der unproduktiven Volksschichten. 4. Alle diejenigen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aktionen, die im Geiste dieses Programms geführt werden und zu seiner Durchs Setzung notwendig sind. Die Versammlung des Herrn Rechtsanwalts Dr. Äpfel München, 13. V. 1920. „Dantons Tod“ in der Aufführung des Max Reinhard im Großen Schauspielhaus zu Berlin: Da steht vor seinen Richtern und vor einem Hintergründe Volks der stierhafte Danton; zwei mächtige Arme peitschen die Luft, aus breitem Mongolengesicht blitzen schmale Augen, Worte und Bilder wollen in immer wieder übersteigerter Steigerung die gewaltige Halle und noch die härtesten Herzen sprengen. Die aber seiner Rede lauschen, sind längst keine Einzelnen mehr, sind längst nur Volk, bebendes, im Innersten erschüttertes, Zorn, Liebe, Haß brüllendes Volk: das lebt in Dantons Wort allein, und fühlt das Urteil, das dem Führer droht, als eigene Vernichtung. Das Urteil lautet: Tod. Da halten sich die Menschen nicht. Volk überbrandet Saal, Tribünen, Richter, Urteil.Auf der Wahlstatt bleiben zerschlagene Stühle. Politisch begabte Völker leben ihre Geschichte mit Flamme und Leidenschaft. San Remo gibt den Juden Palästina? Da bricht der Jubel los, fegt Schmerz, Verzweiflung, Not aus tausend Herzen, wird Wille und Tat. Amerika, England, der jüdische Osten sehen zum erstenmale wieder ein jüdisches Volk. Das deutsche Judentum steht lächelnd abseits. Gesättigter Bourgeoisie steht gesittetes Maßhalten wohl an. Beschädigt ja kein Mobiliar, verletzet keine Körper, ramponiert durch Lärm und Unterbrechung nicht die wohlgesetzte Rede, den anerkannten Ruf eines Herrn, der die Freundlichkeit hatte, von Berlin ans zu dem Zweck, man denke, eigens zu dem Zweck, nach München zu kommen, um über jüdische Dinge zu sprechen: das alles bedeutet ja Geld, Zeit oder Geldeswert, hat also Anspruch auf Schutz und Hochachtung. Münchener jüdische Jugend1 war zusammengekommen, um sich dlarüber auszusprechen, „ob die deutschen Juden auf dem rechten Wege“ seien. Was wäre dazu alles zu sagen! Das ungeheure Judenproblem, physische und1 seelische Judennot, Haß. Elend und nationales Streben — ist in diesem Thema eingeschlossen. In entscheidender Stunde will jüdische Jugend das Fazit ziehen, sich aus neuer Erkenntnis neue Pflichten setzen? Auf der Tribüne. steht wieder einer, der um seine persönliche Stellung kämpft. Der Führer einer großen Jugendorganisation, dem es nie gelungen ist, ein Führer der Jugend zu werden. Kein Danton. Ein Berliner Rechtsanwalt Rechtssachen könnte man ihm ohne weiteres a*nvertrauen. Er ist so geschickt. — Was hat er zu sagen? Wahlen, Antisemitismus, Kampf gegen Antisemiten — Herrgott, was für ein Erfolg, vor Juden den Judenhaß zu beschimpfen, während man ängstlich nach den christlichen Kellnern späht, die der mannhaften Rede lauschen könnten. Was mehr? Verbeugung rechts, Verbeugung links, vor dem deutschen und — leidige Neutralität — vor dem jüdischen Nationalismus. Drei Sätze über San Remo. wohlberechnetes Lob für Sokolow, Weitzmann. ebenso berechneter Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Erfolges. Taktik, sehr viel Taktik ■— niemand wird warm dabei. Zum Schluß das Patriotische Register. Es dröhnt der Beifall. Die Diskussion. Erst scheint es, als solle die Neutralität die Zeche bezahlen. Auf der Tribüne stehen zionistische Redner, einer nach dem anderen (die Versammlungsieitung ist geschickt und weiß die Redner zu ordnen), bitten, flehen, stürmen: jetzt ja oder nein sagen, jetzt nur nicht gleichgültig neutral bleiben. Fritz Wolff spricht von San Remo, von der Glut und dem Jubel in der jüdischen Welt: die deutschen Juden lächeln kalt: „vielleicht“. Karl Glaser entwickelt die Gedanken des nationalen Judentums; der Beifall wird überraschend stark — gilt er dem Inhalt oder der rhetorischen Leistung? Und Bernhard Kahlsberg, der keine Parteiung, sondern eine revolutionierte Jugend verlangt, wird — nicht ganz ohne eigene Schuld — gründlich mißverstanden. Nach den Zionisten deutschnationale Juden. Im Gedächtnis haften die Worte Justin Weinschienks: ein wenig kalt, allzu überlegt, aber doch klarer, sympathischer, weil offener als Neutralität, die der Jugend Vortäuschen will, dlaß nur ewiges Wägen und nie Wagen jugendlich sei. Auch im Deutschtum kann man eben nicht halb sein. Und wir ahnen die Tragik, die der Kampf um eine unmögliche Ganzheit bedeuten muß. Dann kommen Neutrale. Schlesinger, Kurt Neu (der sonst manches erkannt hat und besser weiß) und andere. Die Stimmung wird erregt. Rufe herüber und hinüber. Arme fliegen hoch. Eine Masse Menschen stürmt zur Galerie. Jüdische Leidenschaftlichkeit erwacht doch. Lärm ist freilich kein Argument — weder für, noch gegen eine Sache. Aber da sind doch immerhin Menschen, die nicht nur disputieren, denken, überlegen oder ironisch lächelnd beiseite stehen — sondern die mitfühlen und mit denen das Gefühl durchgeht. Fast war der Lärm das tröstlichste an dieser trostlosen Versammlung. Jüdische Menschen erbeben doch unter jüdischen Dingen, sind der Erschütterung fähig. — Herr Dr. Apfel fühlte davon nichts. Er brauchte einen persönlichen Sieg und kämpfte darum mit persönlichen Argumenten. Die Bürger schmunzelten: das leise revolutionäre Gewittergrollen verzog sich, die alten Ideale glänzten frischaufpoliert an den alten Plätzen, und über alle Maßen beruhigend tönte durch die dicke Luft eines bürgerlichen Wirtshausisaaies das Schlußwort des Herrn Rechtsanwalts Dr. Apfel. —r. Jüdische Krankheiten 1. Rachitis. Der rachitische Körperbau gilt in deutsch-völkischen Kreisen als Rassenmerkmal der Juden. Alle Erleichterungen ihres Fortkommens in vergangenen Jahrhunderten, alle ihnen zuteil gewordenen Aufmunterungen zu einem Leben in Schönheit und Würde konnten die körperliche Degeneration dieser landfremden Elemente nicht aufhalten. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“, — sagte ein deutscher Dichter, der an der Schwindsucht gestorben ist 2. Diabetes. Die alten Juden müssen eine sehr gesunde Rasse gewesen sein, und Mloses war offenbar kein Diabetiker. Allein die Diaspora, die ihnen manche wertvollere Anlage nicht zu entwickeln gestattete, hat den Juden in der Entfaltung ihrer K r a n k - heitsanlagen nie das Geringste in den Weg ge-