Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 20 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 228 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Das Jüdische Echo Nr. 20 den Neid ihrer Umgebung lange Zeit durchzusetzen wußten. Selbst der furchtbare Krieg von 1648 bis 1660, der mit Seuchen und Brand die Stadt verheerte. vermochte nicht die Kraft einer Gemeinde zu brechen, deren Angehörige den Tod wählten, als ihnen nach! der Einnahme Lublins die Kosaken die Wahl stellten sich taufen zu lassen oder zu sterben. Kaum herrschte wenigstens ein Art Frieden im Land, so erstand die Judenschaft aufs neue; der Besitz des Ghetto wurde nach allen Verfolgungen behauptet. Ehe Zeichnungen Henckers, die den Geist des alten Lublin überraschend gut treffen, bilden eine wertvolle Ergänzung zu dem Buche, das jeder gern lesen wird, der für jüdische Geschichte, für jüdisches Leben Interesse hat. Wer während des Krieges vollends Lublin kennen lernen dürfte, wird das Buch als liebe Erinnerung wert halten. G—. Feuilleton Von einem Schwimmer, einem Dachdecker und einem porzellanenen Mädel Drei traurige Geschichten. Aus den Allegorien von J. L. P e r e z. (Schluß.) Nicht besser eTging es einem Dachdecker, der sich nach Jahren voller Mühe und Mattigkeit zu einem hohen Hause aufschwang. Billig kaufte er es, und bald machte er sich daran das Dach zu erneuern. Warum aber gerade das Dach? Weil er das konnte, weil das seine Arbeit war, dazu brauchte er keines Andern Hand, keines Andern Ratschlag! Das Fremde ist ihm ein Feind! Als er das Dach erneuerte, ließ er weder Fuß noch Auge von ihm. Es muß das reichste, schönste und stärkste Dach in der Stadt bleiben. Was im Keller vorgeht ist nicht seine Sorge. Da ist er kein Sachverständiger. Was noch tiefer, beim Fundament geschieht, nicht seine Sache. Auf dem Dach, in der höchsten Höhe ist es für einen Dachdecker so frei, so gut .... Ein Dach verlangt ein Auge! Im Winter muß er den Schtnee wegfegen ... Kaum fällt ein wenig Schnee, so steht er schon mit dem Besen oben! Zur Sommerszeit hat er noch mehr mit dem Dach zu schaffen. Zeigt sich da in einem Spalt zwischen zwei Blechen ein Gräslein (weiß Gott, woher der Samen kam), reißt er es aus .... Eine Niete schlägt der arme Kerl und schließt die Bleche von oben! Zeigt sich jetzt irgendwo auf einem Bleche ein kleines gesprengeltes, gelbes Fleckchen, so ist das gefährlich! Es beginnt zu rosten; dann trägt er mit sich ein Töpflein Pech mit einem Pinsel und verstreicht und verschmiert; einmal wölbt sich die Ecke eines Bleches, sei es durch den Wind oder durch die Sonne vor, so daß es sich bald wie eine Falte herüberlegen wird — da läuft er geschwind nach dem Blei und Löteisen — dlas Blech darf sich nicht mehr rühren! .... So behütet er Tag um Tag, Tag um Tag, denn der Himmel sieht sein eigenes E)ach, um seinen Glanz zu genießen .... Unten aber geschah derweil auch etwas . . . . In den Keller drang Wasser, Regenwasser, Schneewasser, so von der Gasse herein — Rinnsteinwasser .... E>avon weiß ein Dachdecker nichts. Fundament und Keller gehören nicht in sein Fach . . . Als er es plötzlich gewahr wurde, war es nicht gut für ihn! Langsam, langsam, wenn auch ohne sein Wissen kam das Wasser auf das Fundament zu. unterwusch durchfeuchtete es, und drückte sich zwischen Ziegel und Ziegel hinein, bis das ganze Fundament in Verwirrung geriet .... Oben steht der Dachdecker und sinnt: Wie glänzt das Dach! Wenn es Mond1 und Sterne trüge, wäre es ein Himmel! Doch im gleichen Augenblick: Krach! Noch einmal Krach! Oder donnert es am reinen, blauen Himmel? Nein, der reine blaue Himmel ist ruhig; nur das Haus platzt,, fällt zusammen und begräbt den Dachdecker unter sich. Es bleibt mir noch die dritte und letzte Geschichte .... Es war einmal ein Kartoffelkind_ In einer Höhle unter der Erde wurde es geboren (weiß Gott, woher der Same kam) und dort lebte es und darbte, lebte und darbte. Der Samen, von dem Gott weiß, woher er kam, hatte aber eine Mutter. Und die Mutter speiste ihn nicht einmal mit Kartoffeln satt. Mehr konnte sie ihm doch nicht geben! Sie hatte daher auch keinen anderen Namen für ihn! Kartoffel — das weiß jeder Doktor — enthalten zu wenig Phosphor, und ohne Phosphor können sich die Knochen nicht recht entwickeln. Knochen brauchen: Fisch, Fleisch und was die Hauptsache ist — Milch. Die tragen eine Menge Phosphor in sich. Daraus werden die Knochen aufgebaut. — Das, Kind, das selten einmal ein wenig wässerige Milch sah, das selbst in der schönsten Simchas- Toiroh-Nacht nicht einmal von Fleisch und Fischen träumte, hatte daher schmale, schwache Knöchelchen. Und weil e§ so mager und dürr war, so wenig Fleisch in sich hatte, konnten es die schwachen Füßlein nicht tragen; sie bogen sich unter der Last, wie zwei Bogen zum Pfeilschießen . Und das Kartoffelkind rutschte in der nassen, finsteren Höhle auf allen Vieren herum. Manchmal rutschte es auch aus der Höhle heraus. Besonders an einem schönen Sommertag.... es sehnte sich hinaus, hinaus. Aber es sehnte sich nicht nach der Sonne, nicht nach dem Licht„ nicht nach der Wärme oder nach dem freien Himmel. Wonach denn? Es sehnte sich nach dem Kalk, den man als Mist auf freiem Felde, vor der Höhle ausgebreitet hatte. Der Instinkt flößte dem Kinde ein, „Iß Kalk“, und so wurde es zum Phosphor in dem Kalk gejagt! Und das Kartoffelkind rutschte auf allen Vieren in der nassen, finsteren Höhle herum und rutschte auch manchmal auf allen Vieren in die Höhe empor und leckte Kalk, ohne der Mutter Wissen,, denn die würde es nicht geduldet haben! Mit einem Male aber verbesserte sich des Kindes Leben. Die Mutter wurde nicht reicher, erhielt auch keine bessere Arbeit. Draußen geschah etwas: Ein reicher Städter baute sich nicht weit von der Höhle eine Sommerwohnung, einen kleinen Palast; — die Küche des Palastes befand sich gerade gegenüber der Höhle; und vor der Küche wuchs von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde ein Berglein Mist und in dem Berglein lag ein Garten Eden, ein Schatz, ein Schatz von allerlei Abfällen eines reichen Tisches für das Kartoffelkind. Damals vergaß es den Kalk und grub sich wie ein Wurm in den Mist ein, streckte sich über dem Berglein Mist aus und nährte sich. Auf der andern Seite des Palastes wuchs ein Garten mit Blumen, aber soweit trugen des Kartoffelkindes Füße nicht. Wozu auch Blumen? Über dem Kopfe